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Würzburg

20.07.2016

Axt-Attacke von Würzburg bringt den Terror nach Bayern

Vier der Verletzten gehören zu einer Urlauberfamilie aus Hongkong.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Riaz K. gilt als unauffällig, ruhig, gut integrierbar - dann nimmt er eine Axt und greift wahllos Fahrgäste an. Wie kann man sich so in einem Menschen täuschen?

Melanie Göttle und Günter Karban sitzen vor dem Fernseher, als sie die Hilferufe hören. Ihr Garten grenzt an die Gleise. Ein altersschwaches, schmales Tor, umwuchert von Brennnesseln, soll ihr Grundstück vor ungebetenen Gästen von der Bahnstrecke schützen. Im normalen Leben.

Aber dies hier ist nicht das normale Leben. Hier rufen nicht ungebetene Gäste um Hilfe, sondern Menschen in nackter Panik. Es ist Montagabend, Viertel nach neun, als die beiden Bewohner aus ihrem Haus stürzen, das Gartentor auf- und mit bloßen Händen das Gestrüpp wegreißen, damit die Menschen durch ihren Garten fliehen und Hilfskräfte sich um sie kümmern können. Jene Menschen, die gerade noch in der Regionalbahn 58130 saßen, auf dem Weg nach Würzburg. Bis er kam. Riaz K. Und das normale Leben zerstörte.

„Die Sanitäter haben die Verletzten auf Tragen durch unseren Garten zu den Krankenwagen gebracht“, erzählt Melanie Göttle. Sie selbst, ihr Mann und Nachbarn helfen, so gut sie können, schaffen Decken und Tücher heran. Im Hof des Nachbarhauses werden Getränke und Süßigkeiten verteilt. Dann schickt die Polizei die Anwohner in ihre Häuser.

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As unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingereist

„Der asiatische Mann hat ganz furchtbar ausgeschaut“, sagt Melanie Göttle. „Ich hoffe so sehr, dass er den Angriff überlebt.“ Den Amokläufer hat sie nicht gesehen. Aber ein Nachbar hat ihr erzählt, dass der Mann mit einer blutbeschmierten Axt in der Hand an ihm vorbei Richtung Main gelaufen ist. Er, der 17-jährige Riaz K., der vor gut einem Jahr über Passau nach Bayern eingereist ist, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Der so ruhig, freundlich, unscheinbar gewesen sein soll, wie viele erzählen – sowohl in der Kolping-Einrichtung, in der er mit anderen jungen Flüchtlingen lebte, als auch bei der Pflegefamilie in Gaukönigshofen im Kreis Würzburg, die ihn vor zwei Wochen aufgenommen hat. Und nun das.

Infografik zum Amoklauf in Heidingsfeld.
Bild: Mainpost/Grafik

Gegen 20 Uhr hat Riaz an diesem Abend das Haus der Pflegeeltern verlassen. In einem weißen T-Shirt mit Schriftzeichen, die der Symbolik der Terrormiliz IS ähneln – und einem Messer und einer Axt im Gepäck. Er sagt, er wolle noch eine Runde Fahrradfahren, „und dass das Ganze wohl etwas dauert“, erfahren die Ermittler. Lothar Köhler vom Bayerischen Landeskriminalamt berichtet dies tags darauf in einer Pressekonferenz. Im nahen Ochsenfurt steigt der Jugendliche in den Zug Richtung Würzburg und sucht sich einen Sitzplatz – unweit einer fünfköpfigen Touristengruppe aus Hongkong. Irgendwann steht er abrupt auf und geht mit seinen beiden Waffen auf die Familie los. Willkürlich, wie es scheint. Vier der fünf Asiaten werden verletzt, zwei davon lebensgefährlich.

Nach Axt-Angriff: Gegen 23 Uhr fallen die Schüsse in Würzburg

Warum es ausgerechnet die Touristen erwischt, ist unklar. Der leitende Bamberger Oberstaatsanwalt Eric Ohlenschlager wird später nur sagen, dass der junge Mann den Zug bestieg, um sich an „den Ungläubigen dafür zu rächen, was sie ihm und seinen Glaubensbrüdern angetan haben“. Und, dass er kurz zuvor vom Tod eines Freundes in Afghanistan erfahren hat – was ihn offenkundig komplett veränderte. Dreimal, sagt Ohlenschlager, ruft er im Zug auf Arabisch „Gott ist groß“. Einmal ist dies auch auf dem Notruf zu hören, der um 21.13 Uhr in der Rettungsleitstelle eingeht.

Als die anderen Fahrgäste merken, was passiert ist, zieht jemand die Notbremse. Der Zug stoppt im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld, hinter der kleinen, ruhigen Anwohnerstraße Röthenweg – vor dem Haus von Melanie Göttle und Günter Karban. Zeugen sehen, wie der Amokläufer in dem Waggon zu Boden stürzt, dann mit der blutigen Axt in der Hand aus dem Zug springt und davonläuft. Auf der Flucht greift er eine Passantin an und verletzt sie ebenfalls schwer. Die Fahndung nach ihm läuft.

Der Attentäter Riaz K. bei einem Schwimmkurs für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das Foto entstand im Dezember in Ochsenfurt.
Bild: Thomas Fritz

Der Zufall will es, dass sich ein Spezialeinsatzkommando der Polizei wegen eines anderen Vorfalls in der Gegend aufhält. Es wird sofort an den Main beordert und spürt Riaz K. kurz darauf in einem Gebüsch auf. Später heißt es, er habe versucht, die Beamten mit Axt und Messer anzugreifen. Darauf hätten diese ihre Waffen gezogen. Gegen 23 Uhr fallen die Schüsse am Ufer, von denen mindestens einer tödlich ist. Hier liegt seine Leiche bis um 6.35 Uhr am nächsten Morgen.

„Ein netter Junge. Einer, der immer freundlich gegrüßt hat. Keiner hätte ihm das zugetraut.“ Das sagt Simone Barrientos. Sie kümmert sich in Ochsenfurt um minderjährige Flüchtlinge. Es sind „ihre Jungs“, wie sie sagt. Darunter war auch Riaz K. Doch es gibt auch andere Stimmen. Über Dritte ist von einer Betreuerin des Jungen zu hören, er sei aggressiv gewesen, habe sich aufgeführt. So sehr, dass sie sein Verhalten melden wollte. Für eine Stellungnahme ist die Frau nicht zu erreichen. Kein Betreuer bei Kolping darf über den Jungen reden.

Die Einrichtung ist am Dienstagmorgen weitgehend von der Polizei abgeriegelt. Von den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die an normalen Tagen im Hof sitzen, ist keiner zu sehen. Sie werden abgeschirmt. Simone Barrientos kannte Riaz K. nur flüchtig. In den Spätnachrichten hat sie am Montag gehört, dass ein minderjähriger Flüchtling aus der Kleinstadt den Amoklauf begangen hat. Sofort machte sie sich auf den Weg und redete mit den afghanischen Jungs. Doch keiner wusste etwas. Bis spät in die Nacht war Simone Barrientos unterwegs. Erst am nächsten Morgen erfährt sie mehr.

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.07.2016

Man erkennt langsam, dass man die Identität der Menschen, die zu uns kommen weder richtig erfasst noch später einer Prüfunf unterzieht?

Nicht einmal Fingerabdrücke sollen genommen worden sein?

So dürfte kein Deutscher frei herumlaufen - noch einen Ausbildungsplatz bekommen?

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20.07.2016

Die "Pro-Fraktion" sagt jetzt: "das hätte auch ein Deutscher machen können, das kann immer passieren, bei einem Autounfall hätte sich auch niemand aufgeregt" und dergleichen mehr. Sicher alles nicht falsch, aber auch nicht richtig. Ohne unkontrollierte, ja von Merkel geradezu angefütterte Masseneinwanderung aus fragilen bis gegnerisch gesinnten Kulturkreisen bestünde zwar das Risiko auch, aber vor einem anderen Zahlenhintergrund. Die "Toleranz" wird in dem Maße abnehmen, wie derartige Vorfälle zunehmen.

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20.07.2016

reißerischer geht die Überschrift wohl nicht mehr? Schon mal was von journalistischer Verantwortung gehört oder begibt sich jetzt die AZ auf Bildzeitungsniveau? So kann man Ängste weiter schüren ....

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20.07.2016

Das Gesicht des Terroristen gehört eher einem Mann Anfang 20. Das Bild oben im Artikel ist ja schon wieder 8 Monate alt; das in Teilen der Medien unverpixelte Bild aus dem IS Bekennervideo war aktuell.

.

Wenn nach dem Attentat auch noch plötzlich bemerkt wird, dass er pakistansich statt afghanisch spricht macht dies deutlich, dass die Flüchtlinge eben weitgehend unkontrolliert nach Europa kommen und man nicht plausibilisiert was und wie sie erzählen.

.

Völlig abwegig sind auch die Kommentare, die den Terroristen als "integriert" bezeichnen. Erschreckend, dass die Helfer offensichtlich zu keiner Selbstkritik mehr fähig sind und nicht einfach zugeben wollen, dass sie von einem "17 Jährigen" IS Kämpfer ausgetrickst wurden.

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20.07.2016

jetzt die frage nach dem wie und warum ??? hat noch niemand was von sogenanten Schläfern gehört ??? es kann noch viele Tausende davon in Deutschland geben !! denn es kamen ja genug sehr gut ausgebildete unkontrolirt in Land !!! Danke Frau Merkel und vor allem der Möchtegern Herr Gabriel

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20.07.2016

und so ein Schläfer weiß dann kein besseres Ziel als einen Bummelzug, der an jeder Milchkanne hält? Wenn er mit der Axt durchs Hofbräuhaus oder über den Nürnberger Hauptmarkt gezogen wäre hätte das weit mehr Wirkung gehabt...

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