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Interview
09.09.2021

Caritas-Präsident Neher: "Die Politik hat die Augen zugemacht"

Die Personalnot im Pflegebereich ist ein wachsendes Problem, doch auch die Finanzierung wird immer schwieriger.
Foto: Jana Bauch, dpa

Exklusiv Der scheidende Caritas-Präsident Peter Neher sagt, warum die Pflege weiter eine Baustelle bleiben wird und wie seine Organisation in Afghanistan hilft.

Herr Neher, zum Ende Ihrer Amtszeit an der Spitze der Caritas ist mit dem fluchtartigen Abzug des Westens aus Afghanistan noch einmal ein historisches Ereignis über Sie hereingebrochen, das Sie sich sicher gerne erspart hätten. Die Caritas engagiert sich vor Ort in der humanitären Hilfe. Wie steht es darum nach dem Sieg der Taliban?

Peter Neher: Mich hat das sehr erschüttert, nicht nur wegen der Ereignisse an sich, sondern weil ich mich mit dem Land verbunden fühle. Meine erste große Auslandsreise als Caritas-Präsident ging 2004 nach Kabul und Pakistan. Die Caritas ist schon seit 1984 in Afghanistan aktiv. Nach dem Sieg der Taliban ist die Lage katastrophal. 18 Millionen Menschen gelten als vom Hunger bedroht, drei Millionen Kinder als mangelernährt. Die Afghanen brauchen Hilfe.

Caritas-Präsident Neher: "Die finanziellen Mittel fehlen"

Können Sie Ihnen diese Hilfe geben?

Peter Neher: Von unseren zwölf Projekten ruhen zehn. An zwei Projekten wird weitergearbeitet. Das eine ist eine orthopädische Werkstatt, wo orthopädische Hilfsmittel hergestellt werden. Das andere ist ein Projekt für Tuberkulose- und Leprakranke. Die zehn Projekte, die ruhen, sind vorwiegend eingestellt, weil die finanziellen Mittel fehlen. Die Banken öffnen erst peu à peu wieder.

Wie geht es den Ortskräften – wollen die raus oder wollen die trotz der Machtübernahme der Gotteskrieger bleiben?

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Peter Neher: Die Ortskräfte sind da. Sie sind in Kabul im Büro und auch bei den übrigen Projekten. Es muss jetzt geklärt werden, wie humanitäre Hilfe weiter möglich sein kann. Dazu braucht es eine Sicherheitsgarantie durch die Taliban. Es braucht auch eine Garantie, dass Frauen gleichberechtigt arbeiten können. Es zeichnet sich noch nicht ab, ob diese Bedingungen erfüllt werden. Wir sind da von der Bundesregierung und ihren Verhandlungen mit den Machthabern abhängig. Unser Anliegen ist aber, dass wir wegen der schieren Notlage in Afghanistan bleiben, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben viel Erfahrung vor Ort und haben unsere Arbeit nur einmal während der ersten Taliban-Herrschaft kurz eingestellt.

Aber wollen Ihre afghanischen Ortskräfte nicht einfach raus, weil sie Gräuel der Taliban fürchten?

Peter Neher: Es sind 27 Frauen und Männer, die für uns arbeiten. Mit ihren Familienangehörigen und denen, die früher für uns tätig waren, sind das knapp 180 Menschen. Wir haben all ihre Namen an das Auswärtige Amt gemeldet. Von ihnen konnte bisher niemand ausgeflogen werden. Sie fühlen sich bedroht, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen dort sagen, es gebe keine akute Gefährdung. Es wäre wünschenswert, wenn die, die ausreisen wollen, das auch könnten. Es wollen aber nicht alle ausreisen, zum Beispiel weil ihre erwachsenen Kinder nach der derzeitigen Rechtslage keinen Anspruch haben, nach Deutschland zu kommen.

Sie hatten als Caritas gar keine Chance, diese Leute herauszubekommen. Dieser fluchtartige Abzug muss Ihnen doch schlaflose Nächte bereitet haben?

Peter Neher: Hat es auch. Politisch ist das ein Desaster. Es ist einfach unglaublich, wenn man weiß, wie die Botschaften mit Agenten der Geheimdienste ausgestattet sind. Noch kurz vor der Flucht des Staatspräsidenten hieß es, die Taliban werden Kabul in drei, vier Monaten einnehmen. Das macht schon deutlich, dass der neue Bundestag dieses Desaster parlamentarisch aufarbeiten muss. Aber auch wir lagen falsch. Ich hatte Anfang Juli ein langes Gespräch mit unserem Büroleiter in Kabul. Er war weit davon entfernt zu sagen, es könne mit den Taliban jetzt schnell gehen.

Tolerieren die neuen Herren Kabuls die Arbeit christlicher Organisationen in Afghanistan?

Peter Neher: Wir haben Ende der 90er Jahre bereits mit den Taliban zusammengearbeitet. Und auch jetzt fielen sie nicht vom Himmel, sondern hatten in einzelnen Provinzen längst die Regierung übernommen. In solchen Regionen haben wir in unseren Projekten weitergearbeitet. Es war also durchaus möglich, wenn die Taliban erkannt haben, dass die Arbeit den Menschen zugutekommt. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu missionieren. Das machen wir in keinem Land. Letztlich ist es aber klar, dass der christliche Glaube unsere Motivation ist, Menschen in Not beizustehen. Vor diesem Hintergrund sehe ich sehr wohl die Möglichkeit, dass wir in Afghanistan weiterarbeiten können.

Caritas-Präsident Neher: "Es war eine dramatische Situation"

Während die Bedrohung durch die Taliban weit weg erscheint, bedroht uns in Deutschland das Coronavirus seit anderthalb Jahren sehr konkret. Die Caritas betreibt Altenheime, Krankenhäuser, Pflegedienste, Kindergärten, Schulen. Hadern Sie damit, dass es nicht gelungen ist, die Alten besser zu schützen?

Peter Neher: Es waren auch Einrichtungen der Caritas betroffen, in denen Bewohnerinnen und Bewohner gestorben sind. In der ersten Corona-Welle haben wir sehr auf das Thema Schutz gesetzt, ohne am Anfang über genügend Masken, Schutzkittel oder Schnelltests zu verfügen. Es gab ständig neue Regelungen in den verschiedenen Bundesländern. Der Preis dafür war die Vereinsamung der alten Menschen. Wir haben schon damals darauf aufmerksam gemacht, dass Menschen vom Kontakt leben, von Berührung, von Begegnung. Aber niemand – weder die Verantwortlichen in der Politik noch bei uns – hatte jemals mit einer Pandemie solchen Ausmaßes zu tun gehabt. Es war eine dramatische Situation. Da gibt es überhaupt nichts schönzureden.

Spüren Sie, dass bei der Caritas Schwestern und Pfleger sagen, „Ich lasse mich nicht noch mal verheizen“?

Peter Neher: Speziell mit Blick auf Corona ist es mir nicht bekannt, dass es eine besondere Entwicklung dahin gibt. Aber es ist ein Thema überhaupt in den sozialen Berufen, sie verlangen einen starken persönlichen Einsatz. Wenn sich die Menschen dann nicht die nötige Zeit für ihre Arbeit nehmen können, weil der Rahmen nicht stimmt, gibt es Spannungen. Das bleibt eine Dauerbaustelle für den Gesetzgeber.

Bei der Pflege hat die Bundesregierung reagiert. Pflegerinnen und Pfleger bekommen mehr Geld, der Eigenanteil wurde begrenzt und Angehörige sind weitgehend vom Zuschuss befreit. Reicht das jetzt aus, um die Missstände in der Pflege zu beseitigen?

Peter Neher: In der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode ist eine Menge Positives erreicht worden, gerade für die stationäre Pflege. Das ist natürlich nicht ausreichend, was bei den Eigenanteilen erreicht wurde. Die nächste Bundesregierung kommt nicht drum herum, ein nachhaltiges Konzept für die Finanzierung zu beschließen. Vor allem die häusliche Pflege muss gestärkt werden, zum Beispiel durch Erhöhung des Pflegegeldes oder ein Entlastungsbudget für pflegende Angehörige. Die Politik hat bislang die Augen zugemacht, was mit den Haushaltshilfen passiert, die bei Familien leben und sich um die Alten kümmern. Die kommen meistens aus Osteuropa und viele arbeiten schwarz zu niedrigen Löhnen. Wenn sie legal beschäftigt werden, wird es zu Recht teurer; und das muss aber auch finanziert werden. Vergessen wir dabei nicht, dass drei Viertel der zu Pflegenden daheim versorgt werden.

Caritas-Präsident Neher: "Die Bildungspolitik hat an dieser Stelle absolut versagt"

Ist nach anderthalb Jahren Corona etwas dran an dem Urteil vieler Familien mit Kindern, dass sie in Deutschland keine Lobby haben?

Peter Neher: Es hat lange gedauert, bis Familien, Kinder und Jugendliche in der Pandemie das Gehör gefunden haben, das sie verdient haben. Das Problembewusstsein war überhaupt nicht da. Die Schulen waren weit weg vom Standard der Digitalisierung, wie wir ihn aus anderen Bereichen gewohnt sind. Es war weitgehend individuell den Schulen überlassen, ob und wie die Kinder überhaupt lernen konnten. Viele Kinder in Deutschland wurden dabei abgehängt, Eltern versuchten, die Doppelbelastung aus Beruf und Unterricht zu Hause irgendwie zu schaffen. Die Bildungspolitik hat an dieser Stelle absolut versagt.

War es für Sie leicht, einen Termin bei der Kanzlerin zu bekommen?

Peter Neher: Nein. Alle anderthalb Jahre gab es ein Treffen zwischen den großen Wohlfahrtsverbänden und Angela Merkel. Sie müssen sich das so vorstellen, dass so ein Termin intensiv mit dem Kanzleramt vorbereitet wird. Die Themen werden abgestimmt. Beim eigentlichen Termin konnten wir zu den Problemen einen kurzen Impuls vortragen und Frau Merkel hat darauf geantwortet. Sie war immer sehr gut vorbereitet und hatte ein hohes Detailwissen. Das hat mich beeindruckt. Aber mit der Kanzlerin geht es nicht um das Klein-Klein, sondern ein, zwei große Punkte. Dabei ist sie unprätentiös und ohne Schnörkel. Man kann mit ihr Klartext reden.

Im Oktober wird Ihr Nachfolger gewählt, dann sind Sie noch maximal vier Monate im Amt. Die Caritas ist ohne die katholische Kirche nicht denkbar. Doch die Kirche steckt in einer schweren Krise. Gibt es in 20 Jahren noch eine Caritas, während die Kirche verschwunden sein wird?

Peter Neher: Es wird auch in 20 Jahren noch eine Kirche mit ihrer Caritas geben. Wie die Gestalt der Kirche sein wird, das wird sicher ganz anders sein als heute. Aber wie genau, das weiß ich nicht. Die Kirche wandelt sich seit 2000 Jahren. Ich bin da nicht pessimistisch. Auch diese Kirche wird eine Caritas haben, sie ist als soziale Tätigkeit des Evangeliums essenzieller Bestandteil. Kirche nur aus Liturgie und Verkündigung kann es nicht geben, sonst ist sie nicht mehr katholische Kirche.

Caritas-Präsident Neher: "Es muss sich viel ändern"

Leiden Sie an den Zuständen Ihrer Kirche, an den Missbrauchsskandalen, dem Beschweigen und der Selbstbezogenheit? Macht Sie das nicht wahnsinnig?

Peter Neher: Es ist für mich eine ganz dramatische Situation. Der Begriff schmerzlich ist viel zu schwach dafür und trifft es nicht. Die Missbrauchsskandale sind beschämend. Die Aufklärung ist zum Teil besser als ihr Ruf, dann aber wieder in großen Teilen halbherzig. Dieser Zustand ist nicht akzeptabel.

Was muss sich ändern?

Peter Neher: Es muss sich viel ändern. Zum Beispiel in der Frage der Sexualmoral sind wir überhaupt nicht mehr sprachfähig. Die Welt nimmt uns einfach mit den kirchlichen Argumenten nicht wahr. Seit Jahrzehnten ist klar, dass hier vom Menschen aus gedacht werden muss. Es stehen dringende Veränderungen der Lehre an. Das ist offensichtlich. Genauso überfällig ist die Frage der Ämter in der Kirche. Ich weiß aber, dass das weltweit nicht in der gleichen Brisanz wahrgenommen wird. Ich bin der Meinung, die Kirche hält es aus, wenn nicht alles in allen Teilen der Welt gleich behandelt wird. Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt ja verheiratete katholische Pfarrer, nämlich wenn ein evangelischer Pfarrer katholisch wird. Dann bleibt er selbstverständlich verheiratet. Und auch in den mit Rom unierten Ostkirchen sind die Pfarrer verheiratet. Das haben wir also schon.

Sollten auch Frauen zu Pfarrerinnen geweiht werden können?

Peter Neher: Ich denke, dass das ein dringendes Thema ist. Es ist aber nicht damit getan, nur Frauen das Amt zu übertragen. Wir müssen das Amtsverständnis diskutieren. Die Philosophie muss heißen, weg von der Selbstbezogenheit und den Machtverhältnissen des Apparates, hin zu den Gläubigen.

Was machen Sie, nachdem Sie den Schlüssel zum Präsidentenbüro beim Pförtner abgegeben haben? Kehren Sie in Ihre Heimat, das Allgäu, zurück?

Peter Neher: Ich bleibe Priester des Bistums Augsburg und damit weiter Seelsorger. Ich werde aber nicht in das Allgäu zurückkehren, sondern in Freiburg bleiben, wo die Caritas ihre Zentrale hat und ich in den letzten 18 Jahren gewohnt habe. Nach ein paar Monaten Auszeit werde ich mich besonders in der Seelsorge für die Seelsorgerinnen und Seelsorger im Erzbistum Freiburg engagieren.

Zur Person: Peter Neher, 66, ist in Pfronten geboren. Nach seiner Zeit als Caritas-Chef will er im Bistum Freiburg als Seelsorger arbeiten.

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