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Missbrauch: Kirche will keine Verantwortung übernehmen

Kommentar Von Daniel Wirsching
20.09.2021

Die "moralische Institution" ist barmherzig eigenen Vertretern gegenüber und kalt zu Betroffenen. In Fulda wird klar: Noch immer geht es um den Schutz des Systems.

Als kritischem Beobachter der katholischen Kirche, der über deren zahlreiche Skandale zu berichten hat, wird einem bisweilen entgegengehalten: Man solle doch mal über das Positive schreiben und nicht ständig über Missbrauch. Die Antwort darauf kann nur lauten: Natürlich gibt es Gutes dank und in der Kirche – und über das wird auch berichtet. Engagierte Seelsorger, das karitative Engagement... Nicht alles ist schlecht. Aber zu vieles war und ist eben schlecht, vor allem die begangene massenhafte psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt und ihr Umgang damit.

Der weltweite Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ist ein Jahrhundertskandal. Er überschattet alles und führt dazu, dass die Glaubwürdigkeit dieser „moralischen Institution“ und das Vertrauen in sie erodieren. Die deutschen Bischöfe – die sich von diesem Montag an zu ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda treffen – können noch so sehr dem entgegenwirken wollen. Etwa, indem sie versuchen, andere Themen zu setzen.

Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, durfte nicht von seinem Amt zurücktreten. Die Begründung des Papstes führte zu empörten Reaktionen auch innerhalb der katholischen Kirche.
Foto: Axel Heimken, dpa (Archivbild)

Solange der Missbrauchsskandal nicht unabhängig aufgearbeitet ist und spürbare Konsequenzen erfahren hat, solange wird diese Institution weder Glaubwürdigkeit noch Vertrauen (zurück-)gewinnen. Ihre Zukunft entscheidet sich am Umgang mit Missbrauchsfällen. Und der ist, allen aufrichtigen Bemühungen zum Trotz, ein fortgesetztes Scheitern. Er ist einer Kirche, für die Nächstenliebe zentral ist, unwürdig.

Noch immer geht es um den Schutz und Erhalt des Systems

Beispielhaft zeigte sich das vor wenigen Tagen an der Entscheidung des Papstes, den Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Amt zu belassen. Der hatte sich laut Rechtsgutachten elf kirchenrechtlicher Pflichtverletzungen schuldig gemacht. Er ist Verdachtsfällen nicht nachgegangen oder unterließ es, sie den Strafverfolgungsbehörden anzuzeigen. Für Franziskus – diesen absoluten Monarchen – kein ausreichender Grund, sein Rücktrittsgesuch anzunehmen und wenigstens ein kleines Signal mehr als bloß symbolischer Verantwortungsübernahme zu senden. Eines, das es Betroffenen erleichtern würde, eine Art von Frieden zu finden.

Um Betroffene und Gerechtigkeit geht es allerdings kaum. Kleriker erfahren Barmherzigkeit, Betroffene können damit nicht rechnen. Sie erfahren Kälte und die Selbstgerechtigkeit einer nach wie vor einflussreichen und sehr weltlichen Institution: Heße habe, so der Papst, seine „Fehler in Demut anerkannt“ und nicht vertuschen wollen. Tatsächlich zeigte Heße keine Demut (und tut es immer noch nicht). Erst auf öffentlichen, journalistischen Druck hin und als es ihm nicht mehr anders möglich erschien, stellte er sein Amt zur Verfügung.

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Das „Grundproblem“, hieß es in der Begründung weiter, sei „im größeren Kontext der Verwaltung“ zu sehen. So stiehlt sich die Kirche als ihr eigener Ermittler, Ankläger, Verteidiger und Richter aus der Verantwortung. Kein Wort an Betroffene, keine Spur von Nächstenliebe. Der Kontext war’s!

Eine Begründung, die den Weg weist für künftige Entscheidungen über Rücktritte im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal. Sie werden, wie im Falle des Münchner Kardinals Marx, den mächtigen Ortsbischöfen zum Schutz und Erhalt des Systems verwehrt. Seit über einem Jahrzehnt ist das klerikale Trauerspiel, das von der Politik weitgehend beschwiegen wird, hierzulande zu beobachten. Was, fragt man sich, muss eigentlich geschehen, bis das Weiter-so endet?

In Fulda wird auch der höchst umstrittene Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki predigen, der Inbegriff kirchlicher Demutssimulation. Es wäre keine Überraschung, behielte auch er sein Erzbischofsamt. Doch selbst wenn er gehen müsste, ist es längst zu spät, um das „verantwortlich“ nennen zu können.

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