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Zu viele Fehler: Das Vertrauen in die Schiedsrichter ist am Ende

Christof Paulus
Kommentar Von Christof Paulus
15.02.2021

Fehlentscheidungen geballt – trotz klarer TV-Bilder: Die alten Entschuldigungen für Bundesliga-Schiedsrichter gelten nicht mehr. Es braucht grundlegende Reformen.

Warum er am Freitag den entscheidenden Elfmeter zum 0:1 verursacht hat, wird Hendrik Bonmann bis heute nicht verstehen. Dem Torwart der Würzburger Kickers sei versichert: Da ist nichts zu verstehen. Bonmann hatte einen Ball geklärt und dabei seinen Kieler Gegenspieler leicht gerempelt, der im Weg stand. Der folgende Elfmeterpfiff war völlig überzogen, der Video-Schiedsrichter blieb untätig.

Früher hätte man das verteidigen können, Fehler passieren. Doch heute gibt es abgeschottete Assistenten, die sich TV-Bilder ansehen – und dort in aller Ruhe wöchentlich Schnitzer einbauen, die ratlos machen. Der Videobeweis offenbart, dass vielen Spitzen-Schiedsrichtern das Niveau für ihre Spiele fehlt. Das müssen die Fußball-Verbände anpacken.

Die Arbeit von Bundesliga-Schiedsrichtern wird immer schwieriger

Manchen Umstand kann die Schiedsrichterei nicht beeinflussen. Das Spiel wird schneller, die Zweikämpfe intensiver, den Überblick zu behalten schwieriger. Das Fernsehen legt fast jeden Fehler offen. Headsets und Fahnen mit Funksignal erleichtern die Arbeit zwar etwas. Dass die Spiele immer überfordernder werden, können sie aber nicht verhindern. Es braucht andere Ansätze. Regeländerungen, die oft weder nötig noch sinnig sind, müssen klüger gestaltet werden.

Zuständig dafür sind – da hat der Stammtisch Recht – mäßig qualifizierte Funktionäre. In der Führungsriege der deutschen Schiedsrichter steht der weltweit oberste Regelhüter David Elleray in zweifelhaftem Ruf. Ehemalige Profis beraten zwar, doch wenn man Regeln wirklich verbessern will, müssten sie mitentscheiden. Für Fußballer sind die Regeln schließlich gemacht. Das Schiedsrichterwesen hingegen ist eine Parallelstruktur zum Spielgeschehen, ohne wirksame Kontrolle.

Es gibt kleine Schiedsrichtergruppen in Deutschland, in denen ein einzelner Obmann entscheiden kann, ob ein Neuling die zweite Stufe erreicht – oder gleich am Anfang hängen bleibt. Wenn in der Entscheidung um Aufstiege die ohnehin nicht immer objektiven Spielbewertungen nicht das gewünschte Bild ergeben, kommen plötzlich Faktoren wie Alter oder Prüfungsergebnisse in Spiel. Nichts verhindert, dass Sympathien anstelle von Qualität und Integrität stehen können. So ist es logisch, dass sich Bundesliga-Schiedsrichter im internationalen Vergleich nicht mehr positiv abheben. Solange das Leistungsprinzip nur bedingt gilt, nützt es auch nichts, Schiedsrichter zu Profis zu machen, wie manche schon länger fordern.

Bei Fußball-Schiedsrichtern gilt das Leistungsprinzip nur bedingt

Die Gefahr zur Günstlingswirtschaft zieht sich bis zur Spitze. Felix Zwayer etwa, der kürzlich als Video-Assistent einen unübersehbaren Handelfmeter übersah und den Bayern 2018 nach Videostudium den vielleicht klarsten Strafstoß der Pokalgeschichte verwehrte, war in Spielmanipulationen verwickelt. Liefe alles sauber, würde Zwayer nun nicht Champions-League-Spiele pfeifen dürfen. Er hätte keinen Schiedsrichterausweis mehr.

Das strukturelle Problem beschäftigt Fußball-Deutschland indes nicht. Schiedsrichter kommen erst zur Sprache, wenn sie die eigene Mannschaft benachteiligen. Tatsächlich müsste die leitende Schiedsrichter-Kommission viel stärker kontrolliert werden. Natürlich dürfen Vereine nie in Bewertungen einzelner Schiedsrichter eingreifen, diese müssen unabhängig bleiben. Doch wer sich mit Fußball beschäftigt, steht in der Verantwortung, einen kritischen, aber rationalen Blick auf die Schiedsrichter zu werfen. Und es braucht eine unabhängige Institution, der die Führung der deutschen Schiedsrichter Rechenschaft für ihre Entscheidungen ablegen muss.

Das blinde Vertrauen haben Deutschlands Spitzen-Schiedsrichter mit jedem unerklärlichen Fehler mehr verspielt.

Christof Paulus ist Redakteur der Augsburger Allgemeinen und seit 2007 ausgebildeter Schiedsrichter. Er leitet Spiele bis zur Bezirksliga.

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15.02.2021

Zur Problemlösung könnte die Einführung der "Demokratischen Schiedsentscheidungen" im Fußball helfen: Die Zuschauer entscheiden zukünftig über Abseits, Ausball, Regelwidrigkeit, Strafstoß und Elfmeter.
Vorteil: Die Zuschauer gehen zufriedener nachhause, dafür dauert das Spiel etwas länger und es wird mehr konsumiert und die Werbung kommt auch auf ihre Kosten.

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