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Fußball-EM 2021
10.06.2021

Taktiknerd, Emotionaler und Zyniker: Das sind die Kommentatoren-Typen

Gerd Rubenbauer und Fritz von Thurn und Taxis auf diesem Bild aus dem Jahr 1992.
Foto: Witters

TV-Kommentatoren haben es nicht leicht – kaum einer, an dem sich die Zuschauer nicht reiben. Wir verraten Ihnen, welche Typen es gibt.

In Deutschland gibt es bekanntermaßen nicht nur 80 Millionen Bundestrainer, Virologen oder Bundeskanzler, sondern auch ebenso viele TV-Kommentatoren. Die wissen es natürlich besser als ihre Kollegen, die es nur aufgrund glücklicher Umstände zu einem Sender oder einer Streamingplattform geschafft haben.

Und – kleiner Spoiler – meistens sehen die Fußball-Experten auf dem Sofa es besser und genauer als diejenigen, die gerade das Spiel kommentieren. Höchst unterschiedlich sind jedoch die Eigenarten, die diese an den Tag legen. Es folgt eine Klassifikation der Kommentatoren-Typen.

Der Emotionale

Hat seinen Abschluss an der Fritz-von-Thurn-und-Taxis-Akademie gemacht. Geht gerne mal aus dem Sattel und reduziert seine Aussagen auf wenige Vokale, die da wären: "Oaaaah", "Aah!" oder schlicht "Uiuiuiuiui!". Dazwischen werden frivole Details zu Spielerfrauen oder sonstig Pikantes aus dem Privatleben der Kicker serviert. Hält sich deswegen nicht lange mit Spieltaktik, Gegneranalyse oder sonstigem Krimskram auf. Großer Vorteil für alle TV-Sender: Ist völlig schmerzbefreit, wenn es darum geht, während der Partie als Werbung für andere Inhalte des Senders zu betreiben ("Bleiben Sie dran, nachher kommen The Walking Dead! Da geht es um Zombies, habe ich mir sagen lassen! Da sind sie tot, aber sie laufen noch!") Ist eine aussterbende Art, leider.

Der Taktik-Nerd

Verachtet den Emotionalen. Er will seinen Zuschauern etwas bieten, bereitet sich akribisch auf einen Einsatz vor. Seine Liebe gehört Dreier-, Vierer- und Fünferketten, abkippenden und asymmetrischen Doppelsechsern, falschen Neunern, Box-to-Box- und Zielspielern. Hat meist noch einen Dialogpartner dabei, der mindestens ebenso nerdig ist. Beide sind emsige Leser aller Taktik-Blogs im Internet und lassen die Zuschauer an diesen Erkenntnissen teilhaben. Die größte Gefahr der beiden ist, sich völlig im dichten Netz der Taktikanalyse zu verlieren und ganze Halbzeiten lang darüber zu sinnieren, ob die Nummer 17 der Blauen nun Außenstürmer, hängende Spitze oder Offensiv-Libero spielt. Verehrt Laptoptrainer wie Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann. Über allem steht aber Pep, der Magier an der Taktiktafel. Bevorzugtes Habitationsgebiet: neumodische Streamingplattformen mit sperrigen Namen.

Der Comedian

Nicht zu verwechseln mit dem Emotionalen! Dieser Sprücheklopfer ist kein Bauchmensch, sondern bereitet akribisch alles vor und beschäftigt eine Heerschar von Gagschreibern, die ihn im Vorfeld mit mehreren Gigabyte an Jokes versorgen, die auch bei RTL laufen könnten. Oder bei RTL2. Oder auf Twitter. Die besten hat sich der Comedian auf mehreren DINA4-Zettel notiert und arbeitet sie während eines Spiels gewissenhaft ab. Steht ein Spieler etwa frei, nehmen es die Gegenspieler "zu genau mit den Abstandsregeln". Alternativ war ein ungedeckter Stürmer "so solo, dass er sich gleich bei Parship anmelden wird". Hat mehrere Jahre auf Volksfesten als Sprecher der Leopardenspur gearbeitet, um seine Sprechstimme zu perfektionieren. Manchmal aber doch wie der Emotionale. Wenn die Vokale in Spielernamen gedehnt werden: "Goretzkaaaaaa!" oder so.

Der Anekdotendrescher 

Auch dieser Typus legt Wert auf eine gewissenhafte Vorbereitung. Ihm geht es aber weniger um Stand-Up am Mikrofon, sondern um Details, Details, Details. Diese reichen von einer Kuriositäten ("Ein Spieler soll in 24 Stunden drei Kilo abgenommen haben") über Finessen bei der Taktik des Bundestrainers ("Weil wir keine Außenverteidiger haben, spielen wir hinten zu dritt"). Läuft manchmal in Gefahr, diese Details etwas zu stark zu betonen und dann nur noch vom "24-jährigen Dortmunder" zu sprechen. Und, ja, gerät bei alledem manchmal bei den Spielernamen durcheinander. Deswegen: Hoher Polarisierungsfaktor.

Der Verstockte

Versteht sich als zurückhaltender Dienstleister, der erklären und kommentieren, sich selbst nicht allzu wichtig nehmen sollte und deswegen gerne auch mal für mehrere Sekunden nichts sagt. Eben das wird dem Verstockten aber – wie könnte es anders sein – mitunter negativ ausgelegt. In sozialen Netzwerken empört sich das Publikum dann schon mal darüber, "wie man diese Mensch gewordene Valium-Tablette so ein wichtiges Spiel kommentieren lassen kann". All das erträgt der Verstockte – wie könnte es anders sein – aber mit Gleichmut, weil er sich vor Jahren schon von Twitter und Co. abgemeldet hat.

Der Kuriositätensammler

Geht ein wenig in die Richtung des Emotionalen oder des Comedians: Auch er versteht sich als Unterhalter, als ultimativer Witzeonkel. Versucht, dieses Ziel aber auf andere Weise zu erreichen: durch kuriose Einblendungen von Zuschauern, die von ihm kommentiert werden. Das können zum Beispiel Pärchen sein, die sich ein Eis teilen ("Mmmh, lecker! Zumindest diese beiden hatten ihren Spaß!"), gähnende Zuschauer ("Dieser Spielwertung schließe ich mich an, hihi!") oder Fans, die sich über eine vergebene Chance ärgern ("Nanana! Wer wird denn hier schlechte Laune haben! Hohoho!"). Läuft in Zusammenspiel mit dem Regisseur, der ihm die lustigen Happen zuspielt, deswegen vor allem bei Spielzusammenfassungen auf – auf die Gefahr hin, den Fußball völlig außen vor zu lassen.

Der Zyniker

Ist genervt und enttäuscht, in dieser Reihenfolge. Vom nichtsnutzigen Programmchef, der ihn mit sinnlosen Konferenzen die Zeit stiehlt. Vom Fußball, der seine Seele verkauft hat. Und vom Fan, der ihn nicht versteht und meint, dass das Genöle über die Fehler seiner Lieblingsmannschaft ein persönliches Problem des Zynikers mit dieser Mannschaft ist. Der Fan übersieht dabei, dass der Zyniker eben an allem herumnörgelt, erst recht eben an offensichtlichen Abwehrfehlern und lächerlich vergebebenen Großchancen. Kommentiert Gegentore gerne mit "Das musste ja so kommen" oder "Na klar", was den Fan wiederum gegen den Zyniker aufbringt. Wenn der Zyniker von seinem Sender dazu gezwungen wird, während des Spiels das weitere TV-Programm anzupreisen, kann man seine körperliche Abneigung dagegen spüren. Das eigentliche Problem des Zynikers sind die hohen Ansprüche, die er an sich und seine Umwelt stellt. Dass alle daran nur scheitern können, versucht er mit dem zu überdecken, was er für Humor hält. Letztlich ist das aber auch nur Sarkasmus. Aber das ist wieder eine andere Sache.

Dieser Artikel ist Teil der EM-Beilage unserer Redaktion.

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