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Interview
09.07.2021

Firmen-Insider sagt: „Ich würde Curevac nicht abschreiben“

Das Biotech-Unternehmen Curevac aus Tübingen hat zuletzt die Hoffnungen der Anleger nicht erfüllt.
Foto: Sebastian Gollnow, dpa

Wolfgang Klein, der frühere Finanzchef von Curevac, erklärt, warum neue Virusvarianten die Lage für das Unternehmen schnell drehen könnten.

Herr Klein, von der großen Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff Made in Tübingen scheint nicht viel übrig zu bleiben. Die Wirksamkeit des Vakzins hinkt hinterher. Hat sich Curevac mit der Impfstoffentwicklung übernommen?

Wolfgang Klein: Das würde ich nicht sagen. Der Impfstoff steht kurz vor der Zulassung und die Daten sind so, dass das auch gelingen könnte. In Sachen Geschwindigkeit wäre das vor Corona als sensationeller Weltrekord gefeiert worden: Wenn Sie mir gesagt hätten, man kann innerhalb eines Jahres einen wirksamen Impfstoff auf den Markt bringen, hätte ich gesagt, das geht nicht. Curevac hat weniger etwas falsch gemacht, als dass andere etwas noch besser gemacht haben. Das Unternehmen ist nicht das einzige, dessen erster Versuch eines Corona-Impfstoffs zu scheitern droht. Nur einer von zehn Wirkstoffen, gerechnet ab dem Beginn der klinischen Entwicklung, erreicht im Durchschnitt die Marktzulassung. Bei Curevac waren selbst Wissenschaftler überrascht, die Erwartungen waren ganz andere.

Woran liegt es denn?

Klein: Sicherlich spielen die neuen Virusvarianten eine Rolle. Ich bin davon überzeugt, dass Curevac vor einem halben Jahr problemlos die Zulassung bekommen hätte, wer weiß, vielleicht nicht mit ganz so hohen Wirksamkeitsdaten wie Biontech und Moderna. Denn auch bei diesen beiden Impfstoffen zeigt sich, dass sie nicht mehr ganz so gut gegen die Varianten wirken wie gegen das ursprüngliche Virus.

Aber die Frage ist doch: Bringt ein schwacher Impfstoff überhaupt etwas?

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Klein: Ganz persönlich glaube ich, wir konzentrieren uns zu sehr darauf, keine Infektion zu bekommen. Kommt es nicht eher darauf an, dass wir schwere Verläufe bis hin zum Tod verhindern wollen? Denn da sind alle zugelassenen Impfstoffe sehr wirksam, auch der noch nicht zugelassene von Curevac.

Hätte es früher einen erfahrenen und entwicklungserfahrenen Partner gebraucht?

Klein: Das wäre hilfreich gewesen. Aber gute Pharma-Partner zu finden, kann durchaus ein bis zwei Jahre dauern. Biontech und Pfizer, wie schnell die beiden zusammenkamen, das ist wirklich ungewöhnlich für die Branche. Hinzu kommt: Curevac hat es im ersten Halbjahr 2020 deutlich stärker an Geld gefehlt als den anderen mRNA Unternehmen: Biontech hatte gerade Geld aufgenommen, Moderna war ohnehin immer sagenhaft gut finanziert.

 

Sicherlich haben auch die Führungswechsel bei Curevac ihr Übriges getan…

Klein: Natürlich. Curevac-CEO Daniel Menichella war Anfang März beim damaligen US-Präsidenten Donald Trump zu Besuch. Kurz darauf war er nicht mehr CEO, Curevac-Gründer Ingmar Hoerr übernahm für wenige Tage, bis er wegen einer Blutung im Hirn auch ausfiel und der heutige CEO, Franz-Werner Haas übernahm. Unter diesen schlechten Voraussetzungen war Curevac auf der Suche nach Investoren, während sich die Konkurrenz ausschließlich auf die Impfstoffentwicklung konzentrieren konnte.

Geklappt hat es dann ja noch…

Klein: Ja. Anfang August ging Curevac nach Finanzierungen durch GlaxoSmithKline und den Bund an die Börse in New York, wo der Wert innerhalb von Stunden um das Mehrfache stieg. Schicksal, dass man diese Aufgaben nicht vorher erledigt hat.

Hat Curevac noch eine Chance, mitzumischen auf dem Impfstoffmarkt - Stichwort Virusvarianten?

Klein: Curevac ist gut aufgestellt, um schnell auf neue Varianten zu reagieren. Der Weg von der Sequenz der neuen Variante bis zum neuen Impfstoff kann sehr kurz sein. Das ist bei der Konkurrenz nicht anders, Curevac hat mit der betriebseigenen Roboterproduktion künftig vielleicht einen gewissen Vorteil, aber das macht nur Tage oder Wochen aus. Wenn man ein Grundgerüst des mRNA-Impfstoffs hat, das zugelassen ist und funktioniert, kann man schnell reagieren und auch mehrere Varianten in einem Impfstoff vereinen. Curevac muss jetzt eben dieses Grundgerüst bringen. Aber da ist das Unternehmen mit Partner GlaxoSmithKline auf einem guten Weg.

Was passiert, wenn Curevac keine Zulassung bekommt? Stürzt die Aktie dann ins Bodenlose und macht Curevac damit handlungsunfähig?

Klein: Ich habe keine Glaskugel. Mein Eindruck ist, Curevac ist gut aufgestellt, hat langfristig denkende Investoren. Es werden nicht alle das Schiff verlassen, weil es vermeintlich sinkt. Die direkte Konkurrenz hat jetzt allerdings schon Milliarden verdient und kann investieren in die Weiterentwicklung der mRNA-Technologie.

Der Bund hält 16 Prozent der Anteile - ist das gut oder schlecht? Sollte der Staat sich finanziell an solchen Unternehmen überhaupt beteiligen?

Klein: Der Staat sollte, und das schreibe ich in meinem Buch „Die CureVac Story“, Rahmenbedingungen schaffen, dass andere gerne investieren und er dann nicht selbst investieren muss. Denn privates Geld gibt es viel mehr. Damit es hierherkommt oder hierbleibt und in Sprunginnovationen investiert, müssen wir es diesem Geld für diesen Zweck angenehm machen. Sonst werden transformative Technologien in USA oder China entstehen und auch dort ihre segensreiche Wirkung hinsichtlich Arbeitsplätzen, Wohlstand und sozialer Sicherung entfalten. Ein Beispiel: Wir lassen gerade das Zeitalter des Verbrennungsmotors hinter uns. Das hat uns lange getragen, die ganze Wirtschaft. Aber jetzt kommt nichts nach, das ähnlich tragfähig wäre, und wir verlieren in vielen Bereichen den Anschluss.

Hätte der Bund mit Blick auf China früher in die Branche investieren müssen?

Klein: Da bin ich skeptisch. Das Investment des Bundes war begleitet von Beteuerungen Altmaiers, dass der Staat nicht der bessere Investor ist. Vielmehr hat die Bundesregierung die Notwendigkeit gesehen wegen der akuten Notlage und des internationalen Wettbewerbs: Weil dort - vor allem in den USA - verzerrt wurde, wurde hier nachgezogen. Eine gute langfristige Strategie ist das nicht, im Zweifel wird das Falsche gefördert.

Curevac wurde als Weltunternehmen gehypt. War das zu optimistisch?

Klein: Nein, das glaube ich nicht. Man muss so auftreten, wenn man erfolgreich sein will. Man kann nicht einen Impfstoff für die Provinz machen. Der Kurs der Curevac-Aktie ist immer noch vier Mal so hoch wie zum Börsengang. Die Bundesrepublik hat vor dem Börsengang investiert und damit einen ungewöhnlichen Reibach gemacht. Der Glaube der Investoren, der Börse, dass das eine interessante Technologie ist, ist ungebrochen. Der Glaube, dass Curevac bei der ersten Generation von Covid-Vakzine noch mitspielen kann, schon eher.

Wolfgang Klein ist Mitbegründer sowie CEO der Katairo GmbH in Kusterdingen bei Tübingen, einem Entwickler von Augenmedikamenten. Der Naturwissenschaftler promovierte in Freiburg, absolvierte ein MBA-Studium in Krems - mit Ingmar Hoerr, Gründer des Tübinger Biopharmaunternehmens Curevac. Von 2002 bis 2010 war er Finanz- und Personalchef bei Curevac. Seit 2011 ist er selbst Biotech-Unternehmer und berät Firmen.

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