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Gesundheit

01.09.2020

Neues Gesetz: So werden die Pfleger von morgen ausgebildet

In der Corona-Krise tragen Pflegekräfte mit die Hauptlast. Das brachte ihnen viel Applaus ein, aber nicht unbedingt bessere Arbeitsbedingungen.
Bild: Imago Images

Lehrlinge sollen erst später entscheiden, ob sie sich speziell um Kranke, alte Menschen oder Kinder kümmern wollen. Was hinter der neuen Ausbildung steckt.

Stühle stehen auf Tischen, eine Tafel ist zugeklappt, in einem Übungsraum liegen Puppen zugedeckt in Betten. Noch sind Ferien in der Akademie für Gesundheitsberufe in Augsburg. Eine Auszubildende kommt an diesem Vormittag trotzdem: Burcu Gündüz, 21 Jahre alt. Sie redet über ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, umgangssprachlich Krankenschwester. Eine Lehre, die in ihrer jetzigen Form verschwindet. Weil ein neues Gesetz es so will.

"Bei der Körperpflege gehe ich richtig auf", sagt Burcu Gündüz. "Wenn der Patient sauber und eingecremt ist, macht mich das glücklich." Mit 17 Jahren, zu Beginn ihrer Ausbildung, hatte Burcu Gündüz ihren ersten Einsatz auf der Station. "Da wusste ich, dass ich das machen will." In dem Job kämen immer neue Sachen hinzu, sagt Gündüz. Mit Physios, Hebammen, Ärzten zusammenzuarbeiten bereichere sie.

Aus diesen drei Berufen wird der Pflegefachmann, die Pflegefachfrau

Die klassische Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gehört bald der Vergangenheit an. Vom heutigen Dienstag an wird sie an der Augsburger Akademie und vielen anderen Gesundheitsschulen in Bayern in eine generalistische Pflegeausbildung integriert. Zu dieser zählen noch zwei weitere Ausbildungsberufe: Altenpfleger sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger. Aus diesen drei Berufen wird der Pflegefachmann, die Pflegefachfrau.

Das neue Modell nennt sich Generalistik. Diese Reform sieht das Pflegeberufegesetz vor, das seit diesem Jahr in Kraft ist. Es geht um den Nachwuchs derjenigen, die während des Lockdowns "in der vordersten Linie" standen, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte. Mitarbeiter im Gesundheitswesen bekamen Applaus von Balkonen, Bäckereien schenkten ihnen Gutscheine, Veranstalter luden sie zu Reisen ein. Lob, das nicht bei allen gut ankam.

 

Exemplarisch dafür steht das Buch der Pflegekraft Nina Böhmer: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken" lautet der Titel. Die Autorin schreibt darüber, was im deutschen Gesundheitssystem schieflaufe. Die Branche beklagt seit Jahren einen sogenannten Pflegenotstand. Bis 2035 werden nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft bis zu 150.000 Pflegefachkräfte fehlen. Auf höhere Gehälter, die Politiker während der Hochphase der Pandemie versprachen, warten viele vergeblich, ebenso wie auf versprochene Prämien. Ambulante Pfleger etwa verdienen in Deutschland durchschnittlich 2500 Euro im Monat.

An der neuen Ausbildung gibt es Kritik

Auch an der neuen Ausbildung gibt es Kritik. Die äußert etwa der Vize-Chef des Verbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfgang Kölfen. Er sagt, dass der traditionsreiche Beruf der Kinderkrankenschwester zum Auslaufmodell werde. "Wenn Eltern ihr Kind in die Kinderklinik bringen, können sie einer Generalistin mit 120 Stunden pädiatrischer Ausbildung begegnen oder einer Kinderkrankenschwester mit 2800 Stunden Theorie und Praxis" – nach alter Ausbildung meint er damit.

Kritik kommt auch aus der Altenpflege. Kleinere Einrichtungen wie ambulante Sozialstationen sehen sich im Nachteil gegenüber Kliniken, um Anforderungen an die Ausbildung zu erfüllen. Die beinhaltet verschiedenere praktische Einsätze als zuvor.

 

Susanne Arnold, 54, ist Pflegedirektorin am Universitätsklinikum Augsburg. Das Uniklinikum ist mit mehr als 500 Lehrlingen und dualen Studenten in mehr als 20 Berufen sowie Studiengängen ein großer Ausbildungsbetrieb in der Region. 100 Schüler in vier Kursen beginnen dort die generalistische Ausbildung. Was Arnold von dem neuen Gesetz hält? "Das ist der richtige Schritt", sagt sie. Das Gesetz sei aber auch eine große Herausforderung. Die liege besonders darin, die Einsätze der Azubis in Altenheimen, Psychiatrien, Hospizen zu koordinieren. Die Akademie der Uniklinik kooperiert für die neue Ausbildung mit 50 statt – wie zuvor – 25 externen Partnern. "Das ist ein hoher Aufwand. Wir müssen uns ein größeres Netzwerk schaffen", sagt Arnold.

Vor eineinhalb Jahren begann die Direktorin, die neue Ausbildung vorzubereiten. Sie und ihre Kollegen haben Info-Veranstaltungen veranstaltet, zu denen Pflegeheim- und Schulleiter kamen. "Jeder, der die neue Ausbildung anbietet, tut sich schwer. Aber alle ziehen an einem Strang", sagt Arnold. Mit dem Gesetz gleiche sich Deutschland an eine EU-Norm an. Die generalistische Ausbildung wird in anderen EU-Staaten anerkannt.

Für eine Pflegedirektorin hat die Reform Vorteile

Für Pflegedirektorin Susanne Arnold hat die Generalistik den Vorteil, dass Lehrlinge besser auf alle drei Berufe vorbereitet werden. Außerdem hätten Schüler zwei Jahre Zeit, sich für eine Spezialisierung zu entscheiden. Sie absolvieren 24 Monate lang die generalistische Ausbildung, beschäftigen sich mit Anatomie und Physiologie. Im dritten Jahr können sie die Lehre zum Pflegefachmann fortsetzen – oder einen gesonderten Abschluss in Altenpflege oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflege machen.

Einen Nachteil sieht Expertin Arnold darin, dass examinierte Kräfte sich nach ihrer Ausbildung länger in ihrem Wunschjob einarbeiten müssten. Statt zwei bis vier Wochen setzt die Uniklinik nun sechs bis acht Wochen an. Außerdem könne die Ausbildung nicht mehr so in die Tiefe gehen wie früher. Das alles umzustellen sei ein Prozess, der mehrere Jahre dauere, sagt Arnold. Dass die neue Ausbildung den Mangel an Fachkräften lindert, glaubt sie nicht. "Dazu bräuchten wir mehr Ausbildungsplätze." Stellt sich die Frage, warum die Uniklinik die neue Ausbildung erst jetzt umsetzt, obwohl das Pflegeberufegesetz schon im Januar in Kraft trat. Im April sind an der Augsburger Akademie Azubis nach alter Ordnung gestartet. "Der bundesweite Lehrplan war erst im Herbst vergangenen Jahres fertig", sagt Arnold. Danach habe es erneut gedauert, bis ein bayerischer und ein schulinterner Lehrplan ausgearbeitet gewesen seien. Die nötigen Informationen früher zu bekommen, "wäre gut gewesen", sagt Direktorin Arnold. Sie kenne kaum eine Einrichtung in Bayern, die im Frühjahr anfing.

Ein gigantischer Katalog für die neue Ausbildung umzusetzen

Arnold und ihr Team hätten einen "gigantischen Katalog umsetzen müssen". Dazu zählen Fragen wie: Müssen die Azubis ihre Arbeitskleidung zu externen Einsätzen selber mitbringen? Welche Aufgaben haben sie dort? Kommen sie auf die Pflichtarbeitsstunden? Fest steht: Wer dieses Jahr nach alter Ordnung gestartet ist, hat nach dem Examen trotzdem die Möglichkeit, zwischen den drei Berufen zu wechseln. Eine Kinderkrankenschwester etwa kann auch in der Altenpflege arbeiten.

Wo Burcu Gündüz, die angehende Krankenschwester, in zweieinhalb Jahren arbeiten möchte, weiß sie noch nicht. Ihre Ausbildung dauert viereinhalb Jahre, weil sie sich für ein duales Studium der Pflegewissenschaften entschied. Burcu Gündüz’ Faszination für Pflege hat Gründe. Ihre Cousine arbeitet in der Radiologie, ihre Schwester wird Gesundheits- und Krankenpflegerin. Und da ist noch etwas: Mit 13 Jahren fing Gündüz an, die Arztserie "Dr. House" zu schauen.

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