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Bietschlacht um Motorenbauer: Volkswagen braucht MAN-Milliarden aus Augsburg

Augsburg

Bieterschlacht um Motorenbauer: Volkswagen braucht MAN-Milliarden aus Augsburg

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    Blick auf den Maschinenbauer Everllence, der früher MAN Energy Solutions hieß.
    Blick auf den Maschinenbauer Everllence, der früher MAN Energy Solutions hieß. Foto: Ulrich Wagner

    Im Jahr 2011 war es so weit: Der einstige Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch hatte sich die Mehrheit der MAN-Aktien in einem atemberaubenden Wirtschaftskrimi gesichert. Der Österreicher angelte sich den Lkw- und Bushersteller mit Sitz in München. Dabei ging ihm ein gewaltiger und technologisch interessanter Augsburger Beifang ins Netz. Denn der Wolfsburger VW-Konzern erlangte so die Kontrolle über zwei in der Fuggerstadt sitzende Industrie-Größen, den Panzergetriebehersteller Renk und den Motoren- und Turbomaschinenbauer MAN Diesel & Turbo. Erstere Firma hat VW längst gewinnbringend in die Freiheit entlassen. Jetzt kommt „der Diesel“, wie die Firma in Augsburg immer noch genannt wird, dran. Der Name hält sich hartnäckig, auch wenn das Unternehmen zunächst in MAN Energy Solutions und zuletzt in Everllence umgetauft wurde. 

    Der Techniker Piëch war fasziniert von den großen Schiffsmotoren des „Diesel“. Doch der Schutzpatron für die Augsburger MAN starb 2019. Auch Gunnar Kilian, der nach dem VW-Urgestein dafür kämpfte, dass MAN Energy Solutions und heute Everllence bei VW bleibt, ist als treuer Unterstützer ausgefallen. Der einst einflussreiche VW-Personalvorstand musste im Juli 2025 überraschend gehen. Kilians Ur-Ur-Großvater hatte für MAN gearbeitet. Der Manager war dem Unternehmen im VW-Reich emotional verbunden. Ohne Amt konnte er nicht verhindern, dass Volkswagen nach Renk auch Everllence abstoßen will, schließlich hat das Unternehmen „keine Räder unten dran“, wie es salopp in VW- und Everllence-Kreisen heißt. Unternehmensberater monieren, dass es kaum Synergie- und Skaleneffekte mit dem Hauptgeschäft von VW gibt. Natürlich will diese Branche zunächst an einem Verkauf, schließlich an einer Umstrukturierung und am Ende an einem Börsengang verdienen. So läuft das Business. 

    Everllence ist Milliarden Euro wert

    In der ersten Phase der Trennung der Wolfsburger von ihrem Augsburger Maschinenbau-Schwergewicht können Interessenten nach Informationen unserer Redaktion bis 12. Februar Angebote abgeben, die von VW-Verantwortlichen bewertet werden. Spekuliert wird, dass Volkswagen sich zunächst von 51 Prozent an Everllence trennt. Insgesamt wird das Unternehmen Frankfurter Finanzkreisen zufolge mit fünf bis sechs Milliarden Euro bewertet. An anderer Stelle ist von mindestens sechs Milliarden Euro die Rede. 

    Volkswagen kann die Milliarden aus Augsburg gut brauchen. Das Handelsblatt zitierte einen VW-Manager mit den Worten: „Jetzt kommt das Silberbesteck auf den Tisch.“ So seien die Großbanken Goldman Sachs und J.P. Morgan beauftragt worden, Verkaufsoptionen für Everllence zu prüfen. Nach Berichten aus mehreren Quellen, darunter dem Finanzinformationsdienst Bloomberg, ist das Interesse an dem Augsburger Unternehmen groß. So entsteht der Eindruck, VW verkaufe nicht Silberbesteck, sondern Goldschmuck. Das könnte den Preis nach oben treiben. Ein VW-Insider hatte dem Handelsblatt gebeichtet: „Uns fehlen elf Milliarden Euro.“ Da kämen die Milliarden aus Augsburg zur rechten Zeit, zumal Volkswagen für die Wende hin zur E-Mobilität und zur weiteren Digitalisierung der Fahrzeuge Milliarden ohne Ende benötigt. 

    Volkswagen trifft eine Vorauswahl der Bewerber für Everllence

    Wie es in Industriekreisen heißt, würden die VW-Verantwortlichen nach Eingang der Bewerbungen für Everllence eine Art Shortlist mit aussichtsreichen Kandidaten erstellen. Unter einer Shortlist wird eine engere Vorauswahl verstanden, wie man es vom Deutschen Buchpreis kennt. Dabei gibt es keine offiziellen Angaben, wer sich für den Augsburger VW-Teil interessiert. Ein Sprecher des Konzerns teilte auf Anfrage unserer Redaktion lediglich mit: „Zu Spekulationen äußern wir uns nicht. Generell gilt: Volkswagen managt sein Portfolio an Geschäftsbereichen sowie an Beteiligungsgesellschaften aktiv.“ Für Everllence prüfe der Konzern derzeit ebenfalls strategische Optionen. Volkswagen dementiert die Verkaufspläne also nicht. 

    Der Vorstandsvorsitzende Uwe Lauber vor der Unternehmenszentrale von Everllence in Augsburg.
    Der Vorstandsvorsitzende Uwe Lauber vor der Unternehmenszentrale von Everllence in Augsburg. Foto: Stefan Puchner, dpa

    Es wird bereits heftig spekuliert, wer sich Everllence angeln könnte. Dabei fällt nach Recherchen unserer Redaktion auf: Ein Interessent wird häufiger und ausdauernder als andere mögliche Bewerber genannt, nämlich die schwedische, weltweit tätige Investmentgesellschaft EQT. Das Unternehmen genießt in der Private-Equity-Szene einen guten Ruf und hatte einst den Diesel-Motorenbauer MTU Friedrichshafen übernommen und unter dem Namen „Tognum“ an die Börse gebracht. Hinter den Kulissen werden die Vorzüge eines Einstiegs der Schweden und damit eines europäischen Investors hervorgehoben, zumal reichlich Private-Equity-Unternehmen aus den USA Appetit auf das Augsburger Maschinenbau-Gold nachgesagt wird. Die Liste ist lang: Auch der amerikanische Gigant Blackstone, nach Darstellung der Zeitschrift Capital die größte Beteiligungsgesellschaft der Welt vor KKR und EQT, wird genannt. Das japanische Maschinenbau-Unternehmen Yanmar Holdings soll ebenfalls die Fühler nach Everllence ausstrecken.  

    EQT wird nachgesagt, den Deal nicht allein stemmen zu wollen, sondern huckepack mit dem Singapur-Staatsfonds GIC ein Angebot abgeben zu wollen. Stimmt das, würden sich die ersten Adressen des globalen Finanzkapitalismus um den Augsburger Maschinenbauer reißen. Das ist kein Wunder: Der einst von Rudolf Diesel von 1893 bis 1897 in Augsburg entwickelte Diesel-Motor wird von Everllence längst mit klimafreundlicheren synthetischen Kraftstoffen angeboten, die ebenfalls mit Technologien des Hauses aus erneuerbarer Energie entwickelt werden. Diese Motoren auf Basis der Diesel-Technologie können bei Bedarf zwar immer noch mit Schweröl, aber auch mit einer Reihe klimafreundlicher Gase betrieben werden. 

    Der Motoren- und Turbomaschinenhersteller heißt zwar inzwischen Everllence, doch viele in Augsburg sprechen nach wie vor von „MAN“ oder „dem Diesel“.
    Der Motoren- und Turbomaschinenhersteller heißt zwar inzwischen Everllence, doch viele in Augsburg sprechen nach wie vor von „MAN“ oder „dem Diesel“. Foto: Stefan Puchner, dpa

    Everllence ist damit ein Klimawende-Unternehmen, mit dessen Technik der Schiffsverkehr die Umwelt weniger belastet. Die Groß-Wärmepumpen des Herstellers im dänischen Esbjerg spart jährlich 120.000 Tonnen CO₂ ein und deckt den Wärmebedarf von rund 25.000 Haushalten. Bei Everllence haben die Verantwortlichen alles darangesetzt, dass der Diesel ein Grüner wird, wie es immer wieder launig heißt. Das zieht Finanzinvestoren aus dem Land des Klima-Leugners Donald Trump an. So wird den US-Unternehmen Advent, Bain Capital, KPS Capital Partners und Clayton Dubilier & Rice eine ausgeprägte Lust nach Everllence unterstellt. Daneben soll auch CVC Capital Partners mit Sitz in Luxemburg mitmischen. 

    Auch Porsche SE wurde gehandelt

    Hinzu gesellen sich drei schillernde Namen: So wurde im vergangenen Jahr gemutmaßt, Porsche SE, die Beteiligungsgesellschaft der VW-Großaktionärsfamilien Porsche und Piëch, plane mit EQT ein Everllence-Engagement. Das behauptete das Manager Magazin. Mit der VW-Welt vertraute Personen geben zu bedenken, dass die Porsches und Piëchs für die Transformation des Fahrzeugbereichs Milliarden brauchen. „Warum sollten sie aus der linken Tasche Milliarden ziehen, um sie in die rechte Tasche zu stecken?“, gibt ein Insider zu bedenken. So sind diese Spekulationen zuletzt etwas in den Hintergrund getreten.

    Weitere Gerüchte schwirren durch die Frankfurter Finanzwelt. Spuren führen zu dem japanischen Handelsunternehmen Mitsui und vor allem zu dem türkischen Betreiber von auf Schiffen montierten Kraftwerken, dem Anbieter Karpowership, der zur Karadeniz Holding gehört. Der Konzern ist ein treuer Everllence-Kunde und rühmt sich, die weltweit einzige schwimmende Kraftwerksflotte zu besitzen. Das Geschäft muss gut laufen. Ob der Gewinn reicht, um den deutschen Maschinenbauer zu kaufen, ist ungewiss. Das türkische Unternehmen beschäftigt rund 3000 Menschen, während für Everllence allein etwa 4300 der weltweit 15.000 Beschäftigten in Augsburg arbeiten. Für das Unternehmen arbeiten am Hauptsitz etwa 600 Frauen und Männer mehr als im Jahr 2021. 

    Dass es so viele Bewerber für Everllence gibt, liegt sicher auch an der unter Vorstandschef Uwe Lauber stark verbesserten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens: Bei einer operativen Rendite von knapp acht Prozent, was für einen Maschinenbauer gut ist, wurden 2024 mit 5,3 Milliarden Euro so viele Aufträge wie nie zuvor reingeholt. Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor. Die gute Verfassung von Everllence erklärt, warum Finanzanalysten den Wert des Unternehmens auf fünf bis sechs Milliarden und mehr taxieren. 

    Noch finden Verhandlungen über eine neue Beschäftigungsgarantie statt

    Arbeitnehmervertreter verhandeln weiter mit Verantwortlichen von Volkswagen eine Liste von Bedingungen, die ein Käufer zu erfüllen hat. Hier wurde noch keine Einigung erzielt. Die Gesprächspartner haben Stillschweigen vereinbart. Astrid Kluge gehört dem Verhandlungsteam an. Sie ist Vorsitzende des Augsburger Betriebsrats und auch Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende von Everllence. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt sie: „Ich hoffe auf eine baldige Unterschrift.“ Weil die Beschäftigungsgarantie für die deutschen Standorte Ende 2026 ausläuft, strebt Kluge eine Verlängerung der Regelung an. Und sie engagiert sich auch für entsprechende Standort-Garantien sowie Regelungen, damit das Unternehmen nicht von einem Käufer zerschlagen werden kann. Nach der Private-Equity-Logik steigt indes der Wert eines Unternehmens, das sich auf die am besten laufenden Bereiche konzentriert und nicht ganz so profitable abstößt. Das widerstrebt Kluge allerdings: „So könnte die Vision von Everllence, Lösungsanbieter für die Dekarbonisierung zu sein, zerschlagen werden.“

    Das Motto von EQT heißt jedenfalls: „Creating value that creates more value.“ Auf Deutsch: Wert schaffen, der noch mehr Wert schafft. Das ist Finanzkapitalismus auf den kürzestmöglichen Nenner gebracht. Doch solche Investoren können auch segensreich wirken, wie das Beispiel Renk zeigt. Hier machten die Experten der Beteiligungsgesellschaft Triton nach Einschätzung aller Beteiligten einen guten Job: Der Wert des Unternehmens stieg deutlich, aber auch die Zahl der Arbeitsplätze schnellte empor. Der Triton-Slogan lautet: „Buy well, build better businesses, sell growth.“ Das heißt: „Kaufe gut ein, baue bessere Geschäfte auf und verkaufe Wachstum“. Das hat in Augsburg bestens geklappt. Renk – das hoffen viele Betroffene in der Stadt – könnte zur Blaupause für die Everllence-Zukunft werden. Das Rüstungsgeschäft ist allerdings nach der Zeitenwende zur Boom-Branche geworden. Branchen-Kenner geben zu bedenken, dass sich die Renk-Story nicht eins zu eins mit dem Diesel wiederholen lässt. 

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