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Kirche
01.01.2022

Augsburger Bischof kritisiert Ampel-Koalition und Kanzler Scholz

Der Augsburger Bischof Bertram Meier - hier während eines Pontifikalamts an Weihnachten - wird in seiner Silvesterpredigt grundsätzlicher und auch "politischer".
Foto: Annette Zoepf

Exklusiv "Lebensschutz" komme nicht vor, bemängelt der katholische Bischof Bertram Meier in seiner Silvesterpredigt. Er mahnt: Das Lebensrecht dürfe nicht "auf dem Altar der Selbstbestimmung" geopfert werden.

Der Augsburger Bischof Bertram Meier kritisiert in seiner Jahresschlussandacht die neue Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP sowie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Ihm habe in dessen erster Regierungserklärung, in der Scholz die Agenda seiner „Fortschrittskoalition“ entfaltet habe, der „moralische Fortschritt“ sowie der „Fortschritt des Humanum“ (des menschlichen Wesens, die Red.) gefehlt, so der hochrangige katholische Geistliche in seinem Predigtmanuskript. Aller Fortschritt nütze nichts, wenn dabei der Mensch auf der Strecke bleibe.

Vor allem betont Meier, dass das Thema „Lebensschutz“ ausgespart werde, es finde sich weder im Koalitionsvertrag noch in der Regierungserklärung. Mit dem Begriff „Lebensschutz“ ist im kirchlichen Kontext insbesondere der Schutz ungeborenen Lebens und damit der Einsatz gegen Schwangerschaftsabbrüche gemeint. „Wir wagen nicht ’mehr Fortschritt’, wenn damit ein Rückschritt der Menschlichkeit einherginge“, so der Bischof, der Lebensschutz allerdings weiter fasst – „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“. Das „Lebensrecht vor allem der Schwachen, Kleinen und Kranken“ dürfe nicht „auf dem Altar der Selbstbestimmung“ geopfert werden.

Er ermutigte die Gläubigen, sich als Christ nicht wegzuducken: „Tun wir alles, dass der Mensch nicht vogelfrei wird, sondern geschützt bleibt, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“. Wir dürften das Lebensrecht vor allem der Schwachen, Kleinen und Kranken nicht opfern auf dem Altar der Selbstbestimmung. Es käme einem „Selbstmissverständnis“ der Kirche gleich, wenn sie sich daran beteiligen würde, so Bischof Bertram. Wer mehr Fortschritt wagt, dürfe sich schon die Frage stellen, ob er nicht auch mehr Glauben wagen sollte. „Dabei geht es nicht nur um Rechtgläubigkeit, sondern auch und vor allem um Glaubwürdigkeit“, appellierte er an alle Christen, dies trotz zahlenmäßigen Schrumpfens als Chance zu begreifen und gemeinsam als „kreative Minderheit“ Kirche wieder mehr Strahl- und Anziehungskraft zu entwickeln.

Bischof Bertram Meier hält Silvesterpredigt im Augsburger Dom

Meiers mahnende Worte finden sich im Manuskript seiner Silvesterpredigt, die er am Freitagabend im Augsburger Dom hielt. In dem Predigttext, der unserer Redaktion vorliegt, betont er jedoch zugleich, er wolle die Ampel-Koalition nicht vorschnell kritisieren, das stehe ihm nicht zu. „Auch dem Kanzler und seiner Ministerriege ist eine Frist von 100 Tagen zu gönnen.“

Was den Begriff „Lebensschutz“ angeht, so findet dieser sich tatsächlich nicht im Koalitionsvertrag. Dagegen ist darin unter anderem das politische Vorhaben festgehalten, den Paragrafen 219a des Strafgesetzbuches zu streichen und damit Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit zu geben, öffentliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche bereitstellen zu können – ohne eine Strafverfolgung befürchten zu müssen. FDP-Bundesjustizminister Marco Buschmann hat für den Januar einen Gesetzentwurf zur Abschaffung dieses „Werbeverbots“ für Abtreibungen angekündigt. Auch heißt es im Koalitionsvertrag, dass die Möglichkeit zu kostenfreien Schwangerschaftsabbrüchen zu einer verlässlichen Gesundheitsversorgung gehöre.

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Um hierfür geistliche Perspektiven zu entwickeln, lud der Bischof die Gottesdienstbesucher zu einer Zeitreise in das Jahr 1521 ein, 500 Jahre zurück in der Menschheitsgeschichte. Denn er ist überzeugt: „Der Blick ins Gestern leuchtet uns den Weg ins Morgen.“ Ausdrücklich erwähnte er dabei die Fugger, die mit ihren Stiftungen schon damals wertvolle Impulse gesetzt, die bis heute Vorbildcharakter haben, wie die 1521 errichtete Fuggerei als „sozial-caritatives Pilotprojekt aus christlichem Geist“. Mit Blick auf die getrennten christlichen Konfessionen hat Bischof Bertram – 500 Jahre nach der Spaltung – die Hoffnung, dass sich eine neue Gelegenheit eröffnet, die Ökumene voranzutreiben: „Wie sich im Namen Gottes die Fronten vor 500 Jahren verhärteten, so wünsche ich mir, dass wir in Gottes Namen ökumenisch endlich weiterkommen. Ich träume von Augsburg als Schrittmacherin für die Einheit der Christen!“ Die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Confessio Augustana im Jahr 2030 könnten ein solcher Impuls sein.

Bischof Bertram Meier warnt vor Fake-News

Wie bereits im vergangenen Jahr wird Meier in seiner Silvesterpredigt grundsätzlicher, „politischer“ und überaus konkret. Er versteht sie offensichtlich als programmatisch.

Vor einem Jahr warnte er mit Blick auf Polarisierungen und einer von ihm ausgemachten „Zersplitterung der Gesellschaft“ in Pandemiezeiten: „Wehret den Anfängen!“ Dumpfe Töne würden salonfähiger. Wer dazu neige, so Meier, „sich mit Leuten zu verbünden, die an den Grundpfeilern der Demokratie sägen oder innerkirchlich der Einheit schaden wollen, anstatt sich von diesen Bewegungen klar und aktiv abzugrenzen, macht sich mit ihnen gemein“. Angesichts der fortschreitenden Radikalisierung sogenannter Querdenker, Corona-Leugner und Impfgegner, die zuletzt bei Protesten in Schweinfurt oder München zu beobachten war, haben die Worte des Augsburger Bischofs nichts von ihrer Aktualität verloren. (mit bau)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

01.01.2022

@ANDREAS T., 31.12.2021: "Herr Eimiller: 'Ihr Kommentar erinnert mich immer an die Reaktion meines Vaters (ich vermute mal, sie sind ein ähnlicher Jahrgang, also irgendwas zwischen 1950-1960)'“

Wenn Sie meine Beiträge als meinem Alter geschuldet abtun, möchte ich Sie im Gegenzug bitten: Bleiben Sie sachlich!
Wenn der Augsburger Bischoff den „Lebensschutz“ anspricht, dann muss das nicht zum Anlass genommen werden, um auf Kreuzzüge und Hexenverbrennungen hinzuweisen. Diese schlimmen Taten sind nicht zu rechtfertigen. Es war nicht gut, dass der Glaube von Fürsten den Untertanen befohlen (https://de.wikipedia.org/wiki/Cuius_regio,_eius_religio) und Bischöfe und Äbte von weltlichen Herren eingesetzt wurden. Aber nicht alles, was heute als Versagen der Kirche(n) gilt, ist so eineindeutig. Selbst zum 30jährigen Krieg schreibt der SPIEGEL (https://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/a-778430.html): „Erst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die ‚Kleine Eiszeit‘.“ (Also eine Klimakrise war mitursächlich.)
Wenn sich aber die Kirche bei innerhalb der Kirche ausgeübten Verbrechen über den Rechtsstaat stellt, dann fehlt auch mir dafür jegliches Verständnis (https://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-missbrauch-strafverfolgung-justiz-1.4339753).

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31.12.2021

Zurecht hat Augsburger Bischof Bertram Meier heute in seiner Predigt im Dom zum Jahresausklang auch Winfried Kretschmann MP aus BW für seine Narrative und zweckendfremdende Beispiele aus der Bibel im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kritisch bemerkt und auch auf dessen mangelhaften Bibelkenntnisse hingewiesen.
Herr Kretschmann gehört auch zu den Politikern, die wegen Alternativlosigkeit zum Regierungsjob kamen und mittlerweile abgehoben haben.

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31.12.2021

Herr Kraus,
glauben Sie wirklich, dass es darum geht, wie die Bibel ausgelegt wird.
Es geht um Politik und darum, dass die Katholische Kirche Ihren politischen Einfluss auf die Ampelkoalition
schwinden sieht. Und das ist, Gott (falls es in gibt ) sie Dank gut so.

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31.12.2021

@WOLFGANG S Sie kennen den Zusammenhang leider nicht. Es ist jedoch lobenswert, wenn jemand wie Bischof Bertram Meier den Mut hat die Fehler von Politikern zu benennen.
Aber vielleicht gibt es in ein paar Jahren auch ein Serum gegen Inkompetenz?

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31.12.2021

Herr Kraus,
Sie sprechen Herrn Kretschmann die Fähigkeit ab,, ein guter Politiker zu sein.
Ich spreche dem Bischoff die Fähigkeit und moralische Kompetenz ab, ein Urteil über Politiker zu fällen. Sie behaupten
doch immer, dass Politiker fremdgesteuert seien. Ich weigere mich, einen Mann ernst zu nehmen,
der eine Institution vertritt, die weltweit Hunderttausende von Missbrauchts Opfer auf Ihrem
moralischen Gewissen hat und außer beten und Strafzahlungen nicht gegen diese Umtriebe unternimmt.
Der werte Leser mag entscheiden, wer inkompetent oder fremdgesteuert ist.
Wer ist hier fremdgesteuert?

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31.12.2021

Der Herr Bischof interessiert sich nicht für den Rüstungsexport in Schurkenstaaten wie Ägypten. Ägypten ist im Jemen am Krieg aktiv beteiligt. Aber da werden ja nur bereits geborene Kinder ermordet und verstümmelt.
In diesem Sinne, ein gesegnetes friedliches neues Jahr.

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31.12.2021

@GEORG KR.: „es menschelt überall“
Herr Kr., Sie haben hier genau das geschrieben, was ich mir gedacht habe. Danke dafür!

Passt zwar nicht ganz zu diesem ernsten Thema, aber ich habe heute von Ihnen gelesen, dass Sie sich bei einigen Dingen des täglichen Lebens österreichische Verhältnisse wünschen. Zu Bayern und Österreich habe ich gerade im Internet gefunden: „Urkunde aufgetaucht – Bayern gehört eigentlich zu Österreich“ (http://www.die-stadtredaktion.de/2018/10/redaktionsempfehlungen/ausdemnetz/postillon/der-postillon-urkunde-aufgetaucht-bayern-gehoert-eigentlich-zu-oesterreich/)

Hiermit möchte ich meine Kommentare für dieses Jahr beenden. Guten Rutsch!

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31.12.2021

Erstmal: Kommen Sie gut und gesund ins und über das nächste Jahr.

Schade, dass der Postillion nur eine Satire-Publikation ist.

Jetzt, nachdem der große Hoffnungsträger unserer sehr weit rechten Mitdiskutanten das Weite gesucht hat, hätte ich ehrlich gesagt, gegen einen Anschluss, oder besser gegen eine "Wiedervereinigung" in diesem Sinne nichts einzuwenden.

Wobei zu befürchten ist, dass uns nicht ganz grundlos eine Flucht in die österreichischen Sozialsysteme unterstellt würde. Aber den Vorwurf kennen wir ja zur Genüge . . .

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31.12.2021

@Helmut Eimiller und Georg KR.: Menschen machen Fehler, das bestreitet keiner, außer der Katholischen Kirche: Deren Bestrebungen die eigenen Fehler zu vertuschen kann man nicht mit den Problemen, wie z.B. der Polizei oder der Bundeswehr vergleichen, weil dort wird von der Politik aufgeräumt.
Die Katholische Kirche wird hier mit Samthandschuhen angefasst und in keiner Weise irgendwie belangt.
Sollte es mir entgangen sein, dass Priester verklagt, und die die deren Taten vertuschet haben ebenfalls vor Gericht kamen, dann sagen sie es mir bitte, dann ist es mir nämlich entgangen. Es wurden zwar einzelne vor Gericht gestellt, allerdings wurde dem Problem nicht auf den Grund gegangen.
Die Kirche hat ihren Stand als Moralinstanz verspielt. Anstatt zu ihren Fehlern zu stehen wird geleugnet, verschleppt und ignoriert.

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31.12.2021

Ach ja ich sag da nur vor der eigenen Türe kehren Bischof und Generalvikar waren das nicht eine der ersten wies um das Impfen ging, man Predigt Wasser, säuft Wein! Ein Hohn wenn man da von MORAL AUCH NUR ZU SPRECHEN WAGT!!!!

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31.12.2021

Ob in den Kirchen, bei der Polizei, ob in den Parteien oder der Bundeswehr - es menschelt überall.

Jede Organisation, die eine mehr die andere weniger ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Wer meint aufgrund schlimmer Verfehlungen einzelner verallgemeinernd die ganze Gruppe über einen Kamm scheren zu müssen, macht es sich zu einfach.

Zeitgenossen*innen, die dazu neigen, alles und jedes in vorhandene Schubladen zu stecken lassen häufig, selbst wenn die Realität ihnen vor Augen führt, dass sie sich irren, nicht von ihrer Einschätzung ab.

Gerade wir Deutschen sollten uns über die schrecklichen Folgen solcher Verallgemeinerungen im Klaren sein . . .

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31.12.2021

Es ist wirklich bemerkenswert, mit welcher Arroganz die katholische Kirche, die Tausende von Missbrauchsfälle zu verantworten hat,
von " moralischem Aufbruch " faselt.
Man kann nur hoffen, dass ihr immer mehr aufgeklärte Menschen den Rücken zukehren.

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31.12.2021

Mal schaun´, wie lange die "gottlose" Ampel noch blinken wird?

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31.12.2021

@WOLFGANG S.: Kirche als „moralische Instanz“
Herr S., der Augsburger Bischof macht hier gerade das, was nach meiner Auffassung Aufgabe der Kirche ist: Die in einem Gottesdienst – hier: Jahresschlussandacht – Versammelten in der Predigt auf politische Entwicklungen aufmerksam machen, die man mit einem christlichen Weltbild kritisch sehen kann. (Wer mit einer solchen Predigt nichts anfangen kann, muss sie sich ja nicht anhören.)

Und Herr S., mich stört auch der Begriff „Beritt“. Ich habe diesen Begriff gegoogelt und bin unter https://de.etc.sprache.deutsch.narkive.com/hy3hQdia/beritt-im-sinne-von-zustandigkeits-bereich fündig geworden. Unter anderem steht da: „Beritte sind laut Küpper auch der Kasernenhof und das Revier der Bordsteinschwalbe.“ (gemeint ist wohl Heinz Küpper: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Klett, Stuttgart 1997)

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31.12.2021

Herr Eimiller: Ihr Kommentar erinnert mich immer an die Reaktion meines Vaters (ich vermute mal, sie sind ein ähnlicher Jahrgang, also irgenwas zwischen 1950-1960), wenn ich höflich darauf hinweise, dass die Katholische Kirche eine Organisation ist, die über Jahrhunderte die tollsten Dinge getrieben hat, bzw. bei den Verbrechen die in ihrem Namen begangen wurden (Kreuzzüge, Spanische Inquisition, Hexenverbrennung,...) immer Tatenlos zugesehen und eigentlich mit allem einverstanden war. Die Sexuellen Übergriffe, die die letzten Jahre bekannt wurden, und auch die Maßnahmen der Kirche diese zu VERTUSCHEN, sind nur ein weiterer Punkt auf der Liste.

Diese Diskussion habe ich die letzten Jahre nicht mehr so oft, weil mir jeder Kirchentreue Mensch, mit dem ich darüber gesprochen habe nicht mehr dagegen reden konnte.

Wenn der Herr Bischof irgendwas richtig machen würde, dann müsste er Pausenlos auf die Aufklärung der Verbrechen ihn seinem Verein hinweisen.

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31.12.2021

Der Kirchenfürst täte gut daran, sich um seinen eigenen Beritt zu kümmern. Da gibt es viel zu tun!
Irgendwie befremdlich, dass diese Institution immer noch als moralische Instanz wahrgenommen werden will.

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31.12.2021

Eine gewisse moralische Instanz ist die Kirche schon. Ich sehe keine andere auf weiter Flur. Aber grundsätzlich sollte sie sich doch zuerst mal um sich selbst kümmern.

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