Die Regierungskoalition aus Union und SPD hat wegen der gestiegenen Preise, insbesondere im Energiesektor infolge des Iran-Kriegs, Entlastungsmaßnahmen für die Bevölkerung beschlossen. Unter anderem sollen eine Reform der Einkommensteuer zügig vorangebracht werden, um kleinere und mittlere Einkommen dauerhaft zu entlasten, sowie die Steuern auf Diesel und Benzin für zwei Monate um rund 17 Cent pro Liter sinken, um Bürgerinnen und Bürger an der Tankstelle zu entlasten, informiert die Bundesregierung auf ihrer Webseite. Eine weitere Maßnahme ist die Entlastungsprämie, die Unternehmen ihren Beschäftigten auszahlen können. Doch daran gibt es erhebliche Kritik.
1000-Euro-Prämie auf das Gehalt: Was plant die Bundesregierung?
Die schwarz-rote Koalition hat am 13. April 2026 angekündigt, Arbeitgebern zu ermöglichen, ihren Mitarbeitern eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie in Höhe von 1000 Euro zu zahlen, informiert die Bundesregierung. Steuerausfälle sollen durch eine Erhöhung der Tabaksteuer ausgeglichen werden. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) rechnet laut Tagesschau mit Steuermindereinnahmen von 2,8 Milliarden Euro.
Nachdem der steuerfreie Bonus zunächst nur für 2026 gelten sollte, geht aus einem Entschließungsantrag der Regierungsfraktionen, der der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vorliegt, hervor, dass der Zeitraum bis zum 30. Juni 2027 verlängert werden soll. Der Bundestag muss noch darüber abstimmen.
Was zunächst wie ein Hoffnungsschimmer für Verbraucher klingt, steht laut Medienberichten und Experten allerdings in der Kritik: Laut Tagesschau hatten etwa viele Arbeitgeber angeprangert, dass die Verantwortung in wirtschaftlich angespannten Zeiten auf sie abgewälzt werde. Und: Viele Unternehmen können sich diese freiwillige Prämie schlicht nicht leisten.
Kritik an 1000-Euro-Entlastungsprämie: Wo gehen Arbeitnehmer vermutlich leer aus?
Bei der Frage, welche Arbeitgeber ihren Mitarbeitern die 1000-Euro-Prämie zahlen können, spielen unter anderem die Größe des Unternehmens und die Region eine wichtige Rolle. So erklärte etwa Brandenburgs Finanzminister Daniel Keller (SPD) im Gespräch mit dem Nordkurier, dass über 90 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Brandenburg mit weniger als zehn Beschäftigten arbeiten. „Diese Betriebe stehen nicht selten wirtschaftlich unter großem Druck und haben teilweise Mühe, überhaupt die Arbeitsplätze zu erhalten“, sagte Keller. „Sie werden daher zumeist keine Entlastungsprämie an ihre Beschäftigten zahlen können.“
Auch die Landesbeschäftigten – also etwa Beamte und Beschäftigte im öffentlichen Dienst – in Brandenburg werden laut Keller wohl leer ausgehen. Es gelte als „politisch kaum vermittelbar“, dass Landesbeschäftigte eine Prämie erhalten, während die große Mehrheit der arbeitenden Menschen in Brandenburg – meist mit geringerer Bezahlung – leer ausgehen würde. Das passt auch zu einer Umfrage der Bild-Zeitung, wonach keine Länderregierung derzeit dazu bereit sei, seinen Beamten und Angestellten die Prämie auszuzahlen. Mehrere Minister verwiesen dabei auf die kürzlich verhandelten Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst.
Insgesamt gibt es laut dem MDR besonders in Ostdeutschland ein Problem beim geplanten Krisenbonus: Laut Daniel Knorr, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in der Region Leipzig-Nordsachsen, gebe es im Osten weniger Beschäftigte mit Tarifbindung als in Westdeutschland. In Unternehmen mit Tarifbindung könnten aber Sonderzahlungen wie der Krisenbonus leichter in Tarifverhandlungen einbezogen werden. Zudem arbeiten viele Beschäftigte in Ostdeutschland im Niedriglohnsektor oder in Teilzeit. Betriebe in der freien Wirtschaft hätten derweil besonders unter der wirtschaftlichen Situation zu leiden. Es bleibe also fraglich, ob Arbeitgeber hier die Prämie zahlen können.
Aber auch in westdeutschen Regionen wird die Prämie kritisch wahrgenommen: Kleine und mittelständische Betriebe in Baden-Württemberg könnten ebenfalls Probleme haben, die Prämie zu zahlen, berichtet der SWR, der bei verschiedenen Unternehmen im Bundesland nachgefragt hat. Um die Prämie auszuzahlen, müsse sie erst erwirtschaftet werden – und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn Personalkosten ohnehin vielerorts reduziert werden sollen. Selbst große Unternehmen wie der Technologiekonzern Bosch und der Energiekonzern EnBW zeigen sich laut SWR zurückhaltend.
Laut einem Bericht der Bild geht die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) davon aus, dass nur wenige Arbeitgeber die steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1000 Euro an Beschäftigte auszahlen werden. „Die wirtschaftliche Lage ist, dass vieles in den Unternehmen spitz auf Knopf gemacht wird. Wir haben eine Insolvenzwelle und viele Unternehmen können das einfach nicht leisten“, sagte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter gegenüber der Zeitung.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass vor allem Beschäftigte in größeren und finanzstarken Unternehmen vom Bonus profitieren, während viele andere Gruppen leer ausgehen – etwa Arbeitslose, Rentner, Studierende oder Beschäftigte kleiner Betriebe. Also jene, die eine Entlastung dringend benötigen würden.
Welche Vorschläge gibt es statt der Entlastungsprämie für Arbeitnehmer?
Zusammengefasst wird die geplante Entlastungsprämie der Bundesregierung aktuell eher kritisch wahrgenommen. Derweil gibt es alternative Vorschläge von verschiedenen Seiten.
So schlägt DIW-Präsident Marcel Fratzscher in einem Gastbeitrag in einer Print-Ausgabe der Fuldaer Zeitung laut Welt eine Vereinfachung der 1000-Euro-Prämie vor: eine an die Einkommensteuer gekoppelte, einmalige Energiekostenpauschale in Höhe von 300 Euro für alle Erwachsenen. Bei einkommensschwachen Menschen würde diese Unterstützung vollständig ankommen, während sie bei höheren Einkommen schrittweise abnimmt. Zudem könnten die Empfänger selbst entscheiden, wofür sie das Geld nutzen – ob für den Tank, die Heizkosten oder teurere Lebensmittel.
Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW, macht hingegen auf Anfrage des WDR einen weiteren Vorschlag: Statt dass die Unternehmen den Bonus zusätzlich bezahlen, könnten die bis zu 1000 Euro aus bestehendem Einkommen steuerfrei oder vergünstigt werden. Dadurch würden die Beschäftigten entlastet, ohne die Unternehmen zu belasten. Auch eine Erhöhung der Pendlerpauschale hält Pöttering demnach für zielführender.
BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter sagte gegenüber Bild: „Das Wichtigste und das Sozialste und Entlastendste ist Arbeitsplatzsicherheit.“ Statt einmaliger Prämien plädiert er für echte Entlastungen – weniger Bürokratie, niedrigere Energiepreise und geringere Sozialabgaben.
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