Es soll Orte geben, an denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Der Fuchs war zwar nicht zu sehen am Rande des Scheinwerferkegels auf dem Weg von Oberwaldbach nach Grünenbaindt. Aber dafür saßen zwei Feldhasen – nachdem die Nacht den Tag wenige Minuten zuvor erfolgreich verdrängt hatte – am Rande der Straße. Sie warteten vorsichtig ab, bis der abendliche motorisierte Gast endgültig verschwunden war.
Ruhiges Dorfleben, emsige Bewohner
Steht diese zufällige Begegnung von Mensch und Tier sinnbildlich für ein verschlafenes Nest namens Oberwaldbach? Das wäre wohl zu viel der Symbolik beziehungsweise deren Interpretation. In Oberwaldbach, das seit der Gemeindegebietsreform vor über 40 Jahren seine Eigenständigkeit verloren hat und seither zu Burtenbach gehört, geht es ruhiger zu als in größeren Gemeinden und Städten.
Dennoch sind die Menschen emsig, helfen vor allem in Vereinen zusammen. Im Vereinsheim, das früher einmal ein Schulgebäude war, treffen sich nicht nur die Hubertus-Schützen. Die Räumlichkeiten können alle Klubs und Vereinigungen für Feiern nutzen, deren eigene Domizile für entsprechende Veranstaltungen zu klein ausfallen.
Die Schießanlage wird in die digitale Gegenwart geholt
Am vergangenen Samstagnachmittag legte ein Häuflein Freiwilliger hinter einer durchsichtigen Plane Hand an. Es werden Vorbereitungen getroffen, um die elektronische Schießanlage installieren zu können – mit neuester Technik und Tablets an den Schießständen. 25 000 Euro soll die Umrüstung kosten, sagt Vorsitzender Martin Baur. Ohne die ehrenamtliche Unterstützung wäre dieser Preis nie und nimmer zu halten gewesen.
Noch häufiger als „Oberschütze“ Baur hält sich seine Frau Johanna im Vereinsheim auf. Ihr Reich aber liegt im Erdgeschoss. Dort leitet sie seit inzwischen 26 Jahren den eingruppigen Kindergarten St. Anna. Und bereits über der Garderobe wird auf einem Bild klar, worauf es der Erzieherin ankommt. Gemalte Mädchen und Buben, unterschiedlich gekleidet und mit unterschiedlichen Hautfarben, umringen einen Spruch, der da heißt: „Es ist normal, verschieden zu sein.“ Integration wird hier gelebt – zuletzt beispielsweise mit einem autistischen Kind.
Das Aquarium ist unschlagbar
Einen Gruppenraum, eine Küche, eine „Bewegungswerkstatt“, wie das Turn- und Kletterzimmer genannt wird, und einen Raum zum Kuscheln und Erholen zeigt die Leiterin. Und noch etwas: ein Aquarium. „Wenn die Kinder das sehen, dann haben wir gewonnen. Die Eltern sind ab diesem Zeitpunkt nicht mehr so interessant.“
Oberwaldbach ist reich – reich an Landwirten. Es gibt noch 19 Bauern am Ort. Angesichts von gut 500 Einwohnern doch noch ein gewisser Anteil. Uschi und Josef Dirr gehören dazu. 18 Milchkühe haben sie im Stall. Unter den Klauen der Rindviecher schlummert Historie. Den Überlieferungen nach bewohnten dort die Herren vom Stain zu Eberstall das Schloss in Oberwaldbach, das 1662 aufgegeben wurde und verfiel.
Zähe Verhandlungen mit der Staatsregierung
Oberwaldbach hat noch etwas in Hülle und Fülle zu bieten: Wald. Die Beziehung der meisten Bewohner zu den Bäumen ist eine besondere. Denn der Gemeinde gehörte zwar Grund und Boden, die Einheimischen durften aber das behalten, was am Boden lag. Das betraf einst 75 „Feuerstellen“ im Ort. Nachdem diese Nutzungsrechte nach der Gemeindeordnung bedroht waren, wurde Gottlieb Wiedemann aktiv und begab sich in, wie er sagt, „zähe Verhandlungen“ mit der Bayerischen Staatsregierung.
Denn die wollte zunächst ganz und gar nicht, dass die Gemeinde den kommunalen Wald an die Personen in den 75 „Feuerstellen“ verkaufte. Mit der eigenen schwäbischen Beharrlichkeit gelang den Oberwaldbachern schließlich der Coup. Für vier Millionen Mark gingen 513 Hektar an die Bürgerinnen und Bürger. Aus dem Kommunal- und Rechtlerwald wurde ein Privat- und Gemeinschaftswald. Gerne wird noch heute am Ort von der „Lex Oberwaldbach“ gesprochen. Ein vergleichbarer Verkauf kommunalen Grundes hat es in Bayern nicht mehr gegeben. Vor zehn Jahren ist die letzte der 20 Raten überwiesen worden.
"Meine Frau findet das nicht immer so gut"
Heute steht der Waldgemeinschaft Oberwaldbach in Form einer GbR Ludwig Atzkern vor. Hauptberuflich arbeitet er für den Trailerhersteller Kögel in Burtenbach im Bereich der Auslieferung. Sein „Nebenjob in Vollzeit“ führt ihn stets in den Wald – mindestens sechs Mal in der Woche. „Meine Frau findet das nicht immer so gut“, sagt er und schmunzelt, aber nur leicht.
Wissenswertes über Oberwaldbach
Lage Das Kirchdorf liegt knapp drei Kilometer nordöstlich von Burtenbach.
Einwohner Etwa 515. Vor dem Bevölkerungszuwachs durch Neubaugebiete rund 450.
Fläche Insgesamt gut 1100 Hektar. Der Anteil des Waldes liegt bei 513 Hektar, der Rest ist landwirtschaftliche Nutzfläche.
Landwirte Insgesamt 19 mit Betriebsflächen, die zwischen fünf und 90 Hektar liegen. Sieben Milchviehbetriebe gibt es noch. Vier Bauern betreiben die Landwirtschaft im Vollerwerb, der überwiegende Teil macht das im Nebenerwerb (Milchvieh, Pferdehaltung, Ackerbau usw.). Fünf Betriebe arbeiten ökologisch und bewirtschaften mehr als 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Infrastruktur Drei Direktvermarkter, acht Imker, ein Getränkemarkt mit Metzgereiverkauf. Das Vereinsheim des Schützenvereins als Treffpunkt (früher gab es drei Wirtschaften). (ioa)
An einem Feldweg hält er mit seinem Auto und zeigt auf das halbe Dutzend „Methusalems“, die am Waldrand wie verlässliche Wächter wirken: Die Eichen dürften um die 400 Jahre alt sein – und könnten wohl viele Geschichten erzählen, wenn sie nur könnten. Auf der anderen Seite des Gebiets verlässt Atzkern den Waldweg und geht einige Meter in den Fichtenbestand hinein, bis ein aufgestauter Weiher zum Vorschein kommt. „Das Wasser können wir regulieren mit dem Mönch, der gesetzt worden ist.“
Dem Specht etwas Gutes tun
Damit meint er keinen Geistlichen, der sich dem gesammelten Niederschlagswasser entgegenstemmt. Als Mönch wird in diesem Fall ein Betonblock bezeichnet. Er wirkt, etwa ein Meter tief in den Boden getrieben, wie ein kleines Stauwehr. „Ich muss ja dem Specht was Gutes tun“, sagt der Waldvorstand. Und ein Gewässer wirkt auf Vögel anziehend, deren Anwesenheit wiederum kein Nachteil ist, um Borkenkäfer auf biologische Art und Weise in Schach zu halten.
Von außen wie ein Schrank - und innen ein Beichtstuhl
Der Atzkern der Kirche heißt Reinhold Schuster. Der 68-Jährige ist jetzt im 13. Jahr ehrenamtlicher Kirchenpfleger in Oberwaldbach. Die 1886 eingeweihte, aktuell renovierungsbedürftige Lourdes-Kapelle und der vorbeiführende Kreuzweg sind Anziehungspunkte für Wallfahrer. Und wer schon mal hier ist, der wird sich auch die Pfarrkirche Maria Immaculata nicht entgehen lassen.
Sie ist 2017 renoviert worden und innen modern herausgeputzt. In der Kirche: eine Danktafel an die drei Freifräulein von Lichtenau, die im frühen 16. Jahrhundert der Gemeinde den großen Buchenwald geschenkt hatten. Der Beginn des Waldreichtums. Außerdem: ein Schrank seitlich des Altarbereichs, der sich beim Aufziehen als Stuhl entpuppt – als Beichtstuhl. Links darf der Sünder knien. Getrennt rechts davon sitzt der Pfarrer im grünen Bürostuhl und vergibt. Ein bisschen Unterschied darf sein.
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