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Interview
03.06.2021

Medizinhistoriker: „Das Coronavirus wird nicht verschwinden“

Die Corona-Pandemie hat in der ganzen Welt tiefe Spuren hinterlassen. Vieles von dem, was in den letzten Monaten geschehen ist, kommt aber zumindest Historikern bekannt vor.
Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

Heiner Fangerau ist Medizinhistoriker. Er erklärt, was wir aus der Geschichte über den Umgang mit Seuchen lernen können und welche Fehler wir immer wieder machen.

Herr Fangerau, die Zahl der Corona-Neuinfektionen sinkt, Politik und Gesellschaft haben genug von der Pandemie und gehen mit großen Schritten in Richtung Normalität. Ist das ein typisches Ende für eine Seuche: Dass man ein Stück weit auch beschließt, dass es jetzt genug ist?

Fangerau: Die Pandemie wird vorbei sein, aber das Virus selbst werden wir wohl nicht los. Die einzige Infektionskrankheit, die wir als Menschen bisher zum Verschwinden bringen konnten, sind die Pocken. Das ist gelungen durch konsequente Impf-Pflicht, dadurch hat man den Pocken ihre Grundlage entzogen. Das Corona-Virus aber wird uns ab jetzt immer begleiten, es wird nicht wieder aus der Welt verschwinden. Für das Ende der Pandemie bedeutet das: Es braucht entweder eine offizielle Einschätzung der Politik, dass ab jetzt die Pandemie vorbei ist. Das wird die Weltgesundheitsorganisation übernehmen. Oder die Menschen ignorieren die Politik und leben einfach wie vor der Pandemie. Sie fordern also mit den Füßen das Ende der Pandemie ein. Doch tatsächlich wird Corona nie wirklich vorbei sein. Es wird also so sein, dass die Menschen ein Gleichgewicht finden müssen, in dem sie bereit sind, eine bestimmte Anzahl von Infektionen und damit auch von Toten zu ertragen.

Können wir das denn?

Fangerau: Ja, wahrscheinlich sogar relativ schnell. Die Menschen sind duldsam – solange es sie selbst nicht betrifft. Dieses Gleichgewicht haben wir in ganz vielen anderen Bereichen gefunden: An Influenza sterben jedes Jahr Tausende, in den Altersheimen sterben Menschen in heißen Sommern, wir akzeptieren Unfalltote, Krebstote. Dieser Effekt wird auch bei Corona einsetzen.

Das Ende einer Pandemie ist Abwägungssache

Wie wichtig sind die Inzidenzwerte?

Fangerau: Wir schauen auf die Statistiken, weil uns seit 150 Jahren antrainiert wurde, dass alles, was wir bis ins Detail quantifizieren können, die Wahrheit ausdrückt. Deshalb freuen wir uns, wenn wir Kurven sehen, die zeigen, dass die täglichen Inzidenzahlen sinken. Ab einem bestimmten Niveau, das von der Politik festgelegt wurde, spricht man dann vom Ende der Pandemie. Todesursachen-Statistiken gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert setzte sich das statistische Denken auch in der Epidemiologie durch. Das geschah vor allem mit Blick auf die Cholera, aber auch mit den damaligen Influenza-Ausbrüchen. Man wusste nicht, wo die jeweilige Krankheit herkommt, aber man hat gezählt und am Rückgang der Zahlen festgestellt, dass die Pandemie oder Epidemie verschwindet. Der Hygieniker Karl August Lingner – übrigens der Erfinder des Mundwassers „Odol“ – sagte, man müsse der Bevölkerung alles haarklein mathematisch erklären und beziffern, um sie davon zu überzeugen, bei der öffentlichen Gesundheitspflege mitzuwirken.

Die größte Schwierigkeit der Regierung besteht im Moment darin, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam zu öffnen.

Fangerau: Es ist tatsächlich immer wieder eine Abwägung, welchen Wirtschaftseinbruch, welchen Einbruch des sozialen Lebens man wann zulässt. Am Anfang der Pandemie wird der Moment verpasst, rechtzeitig alles runterzufahren. Und im Laufe der Pandemie wird womöglich der Moment verpasst, an dem man wieder alles öffentliche Leben zulassen kann. Es ist vielleicht ein wenig wie bei einem Operateur, der für eine OP am Gehirn die Blutzufuhr kappen muss. Es ist notwendig. Aber wenn er es zu lange macht, ist das Gewebe tot. Nicht vergessen darf man auch den Eigensinn der Bürgerinnen und Bürger, die für sich vielleicht ein Infektionsgeschehen anders beenden als ihre Regierung. Sie verhalten sich nicht immer so, wie es ihre Regierung will: Als etwa der dänische König nach einer Pestepidemie 1710-1714 die Menschen aufforderte, die Betten von Betroffenen zu verbrennen, war in ihren Augen die Epidemie schon vorbei, so dass sie den Sinn nicht sahen, nützliche und kostbare Dinge zu verbrennen und die Anordnungen unterliefen.

Was macht die einen krank, was hält die anderen gesund?

Zu Beginn haben die Virologen eine wichtige Rolle in der Krise gespielt, inzwischen scheint Corona eine politische Verhandlungsmasse.

Fangerau: So eine Pandemie ist nie nur Virusgeschehen, sondern sie hat – und das weiß man spätestens seit der Cholera, der ersten Erkrankung der Industrialisierung und Globalisierung – auch eine soziale, eine psychologische und eine wirtschaftliche Ebene. Das spiegelt sich in der Entwicklung verschiedener Hygiene-Konzepte im 19. Jahrhundert wider. Bei der Cholera etwa hat der Münchner Historiker Max von Pettenkofer gesagt, dass es Chemie und Physik seien, die diese Seuche verursachen und die verantwortlichen Stoffe kämen aus dem Boden und dem Wasser. Die Theorie war nicht richtig, aber sein Handlungsansatz funktionierte trotzdem: Die Städte wurden mittels Kanalisation saniert. Dann kam Robert Koch und sagte: Nein, es ist ein Keim, den wir isolieren müssen. Auch er hatte nur zum Teil Recht. Nicht jeder Keimträger/jede Keimträgerin erkrankt. Was die beiden unterscheidet: Pettenkofer wollte die ganze Umwelt sanieren, Koch schaute nur auf den Keim. Hinzu traten Hygienekonzepte, die auf soziale Verhältnisse schauten. In der Pandemiebekämpfung wirken diese Bereiche zusammen. So ist das auch bei Corona. Das führt dazu, dass die Gesellschaft fragt, was die einen krank macht und die anderen nicht - soziale und wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungen fließen ein. Wie wohnen die Menschen? Warum werden Arme häufiger krank? Werden Menschen, die Sport treiben seltener krank?

Wie werden wir die Pandemie nach ihrem Ende aufarbeiten?

Fangerau: Pandemien sind immer auch Modernisierungs-Beschleuniger. Nehmen wir wieder Cholera: Da hat man im 19. Jahrhundert sehr erfolgreich damit begonnen, die Städte zu sanieren und eine Kanalisation und Kläranlagen aufzubauen. Manche Städte hatten es nicht so genau genommen, da hat man dann nach der Pandemie das gemacht, was vorher hätte passieren müssen. Heute redet man etwa über mRNA-Impfstoffe ganz anders als noch vor Corona. Gut vorstellen könnte ich mir auch, dass Corona dazu führt, dass sich das deutsche Krankenhauswesen verändert. Die Krankenhäuser wurden in den vergangenen Jahren, vorsichtig ausgedrückt, für privatwirtschaftliche Initiativen geöffnet und erlebten einen damit einhergehenden Rationalisierungsprozess - also Einsparungen. Jetzt wurden viele Covid-Stationen modernisiert oder sogar neu gebaut. Viele davon dürften vorher 40 Jahre lang nicht modernisiert worden sein.

Die Gesellschaft sucht nach Schuldigen

In Afrika und Lateinamerika sind die Impfquoten deutlich geringer, das Virus wird länger überleben. Hat das Folgen für unseren Blick auf die Pandemie?

Fangerau: Es sterben jedes Jahr Hunderttausende Menschen an Malaria oder Tuberkulose, in Afghanistan gibt es noch Polio. Aber weil es uns in Deutschland nicht betrifft, ist es uns salopp gesprochen egal. Wenn nicht wirklich eine große vierte Corona-Welle zu uns kommt, wird Corona bald eine Episode der Geschichte für uns sein. Erst wenn die Bedrohung näher kommt, wird sie wichtig. Doch selbst dann sind meist noch die „anderen“ Schuld. Dies betrifft vornehmlich Randgruppen der Gesellschaft, die oft erst durch den Fingerzeig und Schuldzuschreibung zu Randgruppen oder „den anderen“ werden. Bei Cholera waren es die Armen, bei Aids die Homosexuellen und Prostituierten.

Und bei Corona?

Fangerau: Bei Covid war hier der Anfang spannend: Die Neue Zürcher Zeitung aus der eher protestantisch orientierten Schweiz hat in einer Ausgabe wenig subtil die komplette deutsche Ausbreitung auf den katholischen Karneval in Heinsberg zurückgeführt. In der norddeutschen Wahrnehmung verbreitete sich das Virus vor allem wegen der reichen Süddeutschen, die im Skiurlaub in Tirol waren. Später kamen dann die Freikirchen, Menschen mit Migrationshintergrund - das ist in der Geschichte immer wieder geschehen. Dieses Bestreben, die Schuld bei „den anderen“ zu suchen und die „anderen“ überhaupt so zu definieren, ist bis heute nicht überwunden. Obwohl unsere Gesellschaft so ganz anders ist als vor 100 Jahren, gibt es doch immer wieder Parallelen.

Warum lernen wir eigentlich nicht aus der Geschichte?

Fangerau: Vielleicht müssen wir historisches Wissen eher als Orientierungswissen betrachten, denn als Wissen, das mit konkreten Lehren aufwartet. Man nimmt sicher Erfahrungen mit. Aber die Gesellschaften unterscheiden sich. Es gibt bestimmte Pfade, die eingeschlagen sind und auf denen man weitergeht. Aber die Situation ist eben doch immer etwas anders und neu. Selbst das Wissen etwa um eine Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen und die moralische Fragwürdigkeit von Stigmatisierungen trägt nicht dazu bei, dass sie nicht doch erfolgt. Vielleicht werden wir diesmal lernen, dass die Bekämpfung von sozialer Ungleichheit in künftigen Pandemieplänen eine größere Rolle spielen muss; dass wir etwa in Brennpunkten eher Impf- und Hygienekampagnen initiieren müssen als im Villenviertel. Das weiß man seit dem 19. Jahrhundert und hat es im entscheidenden Moment leider immer wieder vergessen.

Werden wir uns nach Corona noch die Hände schütteln?

Pestsäulen erinnern an den Sieg über die Pest – wird es bald auch ein sichtbares Gedenken an die Corona-Opfer geben?

Fangerau: Pestsäulen stammen aus einer Zeit, in der Gott gedankt wurde für die Überwindung einer Seuche. Durch der Säkularisierung der Gesellschaft wird es das nicht geben. Eher wird sich unser Verhalten ändern, etwa könnte ich mir eine größere Normalität von Masken in der U-Bahn vorstellen, über deren Tragen wir vor zwei Jahren noch geschmunzelt hätten oder das uns befremdet hätte. Vielleicht verändern sich auch Begrüßungsrituale.

Wir werden uns nicht mehr die Hand geben?

Fangerau: Ich wage hier die Prognose, dass das Händeschütteln ist so tief in unserer Kultur des Umgangs miteinander verankert ist, dass es wiederkommen wird. Aber die Kultur, fremde Menschen zu umarmen, die ja in manchen Gegenden gepflegt wurde, könnte der Pandemie zum Opfer fallen. Doch wer weiß, vielleicht ist die Kultur hier stärker als die Angst vor Ansteckung.

Der Medizinhistoriker und -ethiker Heiner Fangerau.
Foto: Stefan Puchner, dpa

Zur Person: Heiner Fangerau ist Professor am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Gemeinsam mit Alfons Labisch hat er das Buch „Pest und Corona“ veröffentlicht.

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