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Merz bei Trump in Washington: Deutschland und die USA haben sich entfremdet

Krieg in Nahost

Merz zu Besuch in Washington: Statist im goldenen Trump-Theater

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    Ein Moment unter vier Augen: US-Präsident Donald Trump (links) und Bundeskanzler Friedrich Merz.
    Ein Moment unter vier Augen: US-Präsident Donald Trump (links) und Bundeskanzler Friedrich Merz. Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/dpa

    Dieser Ort kann kein Zufall sein. Friedrich Merz blickt in die Kameras, durch die Glasfassade sieht man den mächtigen Bau des US-Kapitols und seine stolze Kuppel. „Wenn nun dieses Regime an sein Ende kommt, dann ist das eine gute Nachricht für die Iraner und die ganze Welt“, sagt der Bundeskanzler. Eben hat er mit Donald Trump zu Mittag gegessen, jetzt zieht er ein kurzes Resümee mit deutschen Journalisten. Es geht, natürlich, vor allem um den Iran, und Merz nutzt Worte, die Trump genauso hätte sagen können. Keine negative Aussage soll die Bilanz eines Besuches trüben, der, nach allem, was man öffentlich wahrnehmen kann, ohne größere Unfälle verlaufen ist.

    Die mahnende Botschaft, sie wird an diesem trüben Dienstagnachmittag nicht durch die Worte des Kanzlers vermittelt, sondern durch den Parlamentsbau als Hintergrund. Es gibt auch andere Vereinigte Staaten als das Land, das Trump sich Untertan gemacht hat, so darf man das wohl verstehen. Von Senat oder Repräsentantenhaus könnte nach den Midterm-Wahlen im Herbst schrittweise wieder ein Stück Normalität in die Politik des mächtigsten Landes der Welt einziehen. 

    Mit Trump und Co regiert eine neue, grundlegend andere Politikerkaste Deutschlands wichtigsten Verbündeten

    Noch ist das Wunschdenken und kaum jemand weiß das besser als der deutsche Kanzler. Die älteste Demokratie der Welt feiert in diesem Jahr ihr 250. Gründungsjubiläum. Ein Jahr Trump hat gereicht, zentrale Pfeiler dieser Demokratie ernsthaft zu ramponieren. Noch als Oppositionsführer schrieb Merz Mutmachersätze wie: „Entwickeln wir eine transatlantische Positivagenda!“ Das ist gerade mal ein Jahr her. Heute sagt er, etwa bei der Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar: „Der Kulturkampf der Maga-Bewegung ist nicht unserer.“ Es ist ein bemerkenswertes Statement, das bislang deutlichste Eingeständnis, dass die Beziehung Deutschlands zur US-Regierung Trumps nicht mal nur eben ein bisschen nachjustiert werden muss. Es ist das Eingeständnis, dass da eine neue, grundlegend andere Politikerkaste Deutschlands wichtigsten Verbündeten regiert.

    Merz hat lange für den amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock das Deutschlandgeschäft gepflegt, vor allem war er mehr als zehn Jahre Vorsitzender der Atlantikbrücke, ein Verein, der den Austausch zwischen Amerikanern und Deutschen fördern will, ein Treffpunkt für Politiker und Manager, die die transatlantischen Bande fester knüpfen wollen. Auch vor diesem Hintergrund kann man ermessen, welche Reise der Kanzler zwischen den beiden Statements zurückgelegt hat. Von den transatlantischen Mutmachersprüchen ist nichts geblieben.

    Rechts von Merz sitzen die deutschen Berater auf einem Sofa und versuchen, bei Trumps Ausführungen keine Miene zu verziehen, links von Trump reihen sich die Amerikaner auf, darunter Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio.
    Rechts von Merz sitzen die deutschen Berater auf einem Sofa und versuchen, bei Trumps Ausführungen keine Miene zu verziehen, links von Trump reihen sich die Amerikaner auf, darunter Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    „Deutschland ist großartig“, sagt Trump, es ist Mittag in Washington, Merz hat neben dem Präsidenten auf einem mit gelbem Stoff bezogenen Sessel vor dem Kamin Platz genommen. Merz ist im Oval Office zu Gast, wie es der Zufall will, ist der deutsche Kanzler der erste ausländische Regierungschef, der nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran dem US-Präsidenten einen Besuch abstattet. An der Wand ehemalige Präsidenten in Öl, milde lächelt Ronald Reagan herab, ein Konservativer auch er, aber von so ganz anderem Schlag als dieser Donald Trump, der heute hier Hof hält. Rechts von Merz sitzen die deutschen Berater auf einem Sofa und versuchen, bei Trumps Ausführungen keine Miene zu verziehen, links von Trump reihen sich die Amerikaner auf, darunter Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth.

    Für den deutschen Kanzler Friedrich Merz ist Donald Trump voll des Lobes

    Auf dem Kaminsims blinken goldfarbene Pokale. Das Herz von amerikanischer Demokratie und Macht, nicht mehr als eine glitzernde Kulisse, eine einzige, funkelnde Bühne für das große Trump-Theater. Auf dem Weg ins Oval Office kommt man als Besucher an der Bildergalerie vorbei, ein sehr spezieller Walk of Fame, den der Präsident unlängst anlegen ließ. Er zeigt Trumps Vorgänger, allerdings wird das Porträt Joe Bidens durch das Bild eines Unterschriftenautomaten ersetzt, wohl eine Anspielung darauf, dass Trumps alternder Nachfolger und Vorgänger nicht zu jeder Minute im Vollbesitz seiner Kräfte war. Trump findet das lustig, seine Entourage gibt das Publikum und lacht servil dazu. 

    Für den deutschen Kanzler hingegen ist Trump voll des Lobes, er spielt mit Nähe und führt ihn an weiteren Umbauten im Weißen Haus vorbei, viel Marmor, viel Gold, das immerhin sorgte in Washington für ein wenig Empörung. Ein hochgewachsener Kerl, dieser Merz, ein Buddy, der die Sprache der Wirtschaft spricht, das gefällt Trump. „Ich denke, wir sollten sie sehr, sehr hart treffen“, sagt der Präsident, als er nach Zöllen auf deutsche Waren gefragt wird, dann gibt’s einen sanften Schenkelklopfer für Merz, war nicht so gemeint, soll das wohl heißen. Merz revanchiert sich, „mit Augenzwinkern“, wie er später sagt, mit einem besonderen Geschenk: dem Nachdruck des ersten Handelsvertrages, den das junge Amerika 1785 geschlossen hatte – mit Preußen. Überreicht wird das Papier übrigens in einem dicken vergoldeten Rahmen. Auch die Deutschen haben schnell gelernt, dem Geschmack des Präsidenten zu entsprechen.

    Und dann gibt’s einen sanften Schenkelklopfer für Friedrich Merz.
    Und dann gibt’s einen sanften Schenkelklopfer für Friedrich Merz. Foto: Mark Schiefelbein, AP/dpa

    Der so inszenierte kurze Draht ins Weiße Haus hat Merz unter den EU-Partnern zu einer Schlüsselfigur gemacht. Das Problem ist nur, dass sich mit diesen Insignien einer Männerfreundschaft allein noch lange kein belastbares Band zwischen zwei Staaten knüpfen lässt. Merz würde wohl von einer interessengeleiteten Freundschaft sprechen, er will die Bande zu Amerika nicht zerreißen. Zu viel hängt für Deutschland und Europas Sicherheit daran, dass Trump die schützende Hand und amerikanische Sicherheitsgarantien nicht einfach entzieht. Wie zur Bestätigung berichtet er, dass Trump hinter verschlossenen Türen zugesagt habe, die in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten nicht abzuziehen.

    Gesucht wird nicht weniger als ein neuer Bauplan für Deutschlands Außenpolitik

    Seit geraumer Zeit schon bastelt Merz an seiner Antwort auf die neue Zeit, die Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine den Deutschen aufzwingt, die aber auch ein US-Präsident verlangt, an dessen Liebesentzug für Deutschland und die Europäer es trotz kleiner Gesten keinen Zweifel gibt. Merz´Berater bemühen sich, die Kanzlerreden beim Weltwirtschaftsforum in Davos bis, vor allem, bei der Münchner Sicherheitskonferenz als eine Art außenpolitische Evolution darzustellen, als sorgsam durchdachten Pfad, an dessen Ende mehr Unabhängigkeit von den USA stehen soll, mehr Durchsetzungsfähigkeit und Kraft in einer Welt, in der zunehmend das Recht des Stärkeren gilt. Spätestens Trumps ernsthaft betriebener Griff nach Grönland Anfang des Jahres hat die Art und Weise, wie die Politik in Europa auf die USA schaut, grundlegend verändert.

    Gesucht wird nicht weniger als ein neuer Bauplan für Deutschlands Außenpolitik, eine Blaupause für Europas Platz in einer unsicheren Welt. Sichtbar sind bislang allenfalls Umrisse: mehr Zusammenarbeit innerhalb Europas etwa, mit Paris und London. Doch was bringt das, wenn, wie im Falle Irans, Merz auch gemeinsam mit Emmanuel Macron und Keir Starmer wenig mehr bleibt, als die Entscheidungen Trumps wie Statisten zur Kenntnis zu nehmen und die ein oder andere mäkelnde Fußnote anzufügen?

    Das Gastgeschenk des Bundeskanzlers an den US-Präsidenten: eine Nachbildung des Handelsabkommens zwischen den USA und Preußen aus dem Jahr 1785.
    Das Gastgeschenk des Bundeskanzlers an den US-Präsidenten: eine Nachbildung des Handelsabkommens zwischen den USA und Preußen aus dem Jahr 1785. Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/dpa

    Unterhaken mit den verbliebenen Freunden westlicher Werte auf der ganzen Welt, auch das gehört zum Merzschen Plan, mit Australien und Japan, mit Kanada und Teilen Südamerikas. Und es stimmt ja: Ohne Trumps Zollchaos wäre der rasche Abschluss des Mercosur-Abkommens, nach einem Vierteljahrhundert nervig-zäher Verhandlungen mit Argentinien, Brasilien und Co., keinesfalls denkbar gewesen. Das Problem ist nur: Eine enge Freundschaft zur Militärmacht USA kann all das genauso wenig ersetzen, wie ein Regionalligaspieler Harry Kane im Sturm des FC Bayern.

    Merz schweigt zu der Hass-Suada in Richtung Großbritannien und Spanien

    Der Besuch des Kanzlers ist angesichts aller Unwägbarkeiten nicht mehr als eine Momentaufnahme in den zunehmend erratischen Beziehungen der Trump-Regierung zu ihren europäischen Verbündeten. Trump hat die wichtigen Midterm-Wahlen im Herbst im Blick, eine Niederlage könnte seine Machtfülle deutlich einhegen. Eigentlich hatte Trump seinen Anhängern Stein und Bein versprochen, außenpolitischen Abenteuern wie dem Irakkrieg 2003 abzuschwören. Jetzt lässt er mal eben Venezuelas Machthaber verschleppen und riskiert jahrelanges Chaos in Nahost. Das gefällt vielen seiner Anhänger nicht, die genug haben von den unendlichen Kriegen einer Weltmacht ohne klaren Kompass. Dazu kommt, dass den Präsidenten die Epstein Files verfolgen, jene abertausende Briefe, E-Mails und Fotos umfassende Hinterlassenschaft des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, mit dem Trump jahrelang engen Umgang pflegte.

    Dazu, im Fragenfeuer der Journalisten, kein Wort. Früher, in den Zeiten vor Trump, waren die Journalisten nur kurz zu Beginn des Treffens zugelassen, um ein paar Bilder zu drehen oder einige langweilige Höflichkeitsfloskeln zu notieren. Trump hat auch diese Regeln chaotisiert und das Frage-Antwort-Spiel zum Kern seiner Begegnung mit ihm gemacht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj musste das vor gut einem Jahr erleben, als Trump und sein Vizepräsident ihn in aller Öffentlichkeit maßregelten, auch das so ein Wendepunkt für das einstige transatlantische Wertebündnis. Ironischerweise gelten bei diesen Pressebegegnungen nun die gleichen Regeln wie in der Weltpolitik – wer am lautesten schreit, setzt sich durch. Man kann das als entwürdigend empfinden, ja. Andererseits steuern die Journalisten so auf eine gewisse Weise, womit der mächtigste Mann der Welt Schlagzeilen macht.

    Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab nach seinem Treffen mit dem US-Präsidenten, mit dem Kapitol im Hintergrund, eine Pressekonferenz.
    Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab nach seinem Treffen mit dem US-Präsidenten, mit dem Kapitol im Hintergrund, eine Pressekonferenz. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    An diesem Dienstag ist es auch Trumps Kritik an Großbritannien und vor allem Spanien, die seinen Angriff auf den Iran aus seiner Sicht nicht ausreichend unterstützen oder sogar zu kritisieren wagten. Merz schweigt zu dieser Hass-Suada in Richtung der europäischen Freunde, später, beim Statement mit dem Kapitol im Rücken, legt er dann schon Wert auf die Feststellung, dass er Trumps Wutattacken gekontert habe, als die Journalisten den Raum verlassen hatten. Merz‘ nachgeholte Solidaritätsadresse zeigt das Risiko Trumpscher Pressebewegungen. Einerseits muss der Gast öffentlich nicht viel sagen, das verringert die Gefahr, mit Trump in Streit zu geraten. Andererseits sollte der Kanzler der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt auch nicht wie ein Zaungast dasitzen, wenn die Weltmacht ihre Belange unter sich ausmacht.

    Merz wird Trump spätestens im Juni und Juli wieder persönlich treffen

    Der Termin hat seine unfreiwillig komischen Momente. Etwa, als eine Reporterin fragt, ob der Präsident jemanden im Auge habe, der den Iran in Zukunft führen könne, eine naheliegende Frage, die auch die deutschen Besucher umtreibt. „Nun“, antwortet Trump, „die meisten Leute, an die wir gedacht haben, sind tot. Und eine andere Gruppe, die infrage kam, ist auch tot. Jetzt kommt die dritte Welle, und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir danach gar keinen mehr kennen.“

    Hinter verschlossenen Türen geht es dann um die Strafzölle für die EU und immer wieder um die Ukraine, alles im Rahmen des Erwartbaren. Merz hat ausgedruckte Statistiken zu den horrenden Verlusten russischer Soldaten in den vergangenen Monaten dabei. Er zückt sie, um die bei Trump offenbar tief verwurzelte Überzeugung ins Wanken zu bringen, Putin sei unbesiegbar. Auch der Präsident lässt eine Karte kommen.

    Merz, der desillusionierte Transatlantiker, wird Trump spätestens im Juni und Juli wieder persönlich treffen. Dann sehen sich der Deutsche und der Amerikaner beim G7-Treffen am Genfer See und beim Nato-Gipfel in Ankara, bekannte Austauschformate allesamt. Die Bühne, auf der sich die westliche Wertegemeinschaft (plus einiger weiterer Verbündeter) trifft, steht also noch. Das schillernd-schaurige Schauspiel im Weißen Haus aber zeigt, wie schnell dies alles zu einer billig-glitzernden Kulisse verkommen kann.

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