Markus Söder, ganz klar: Typ Texas. Mag es andere Politiker zu den Anzugträgern nach Washington ziehen, Bayerns Ministerpräsident bleibt ein Südstaatler, mehr Cowboy als Unternehmensberater. Ein bisschen Future, ein bisschen Folklore. So mag es der Texaner. So mag es Söder. Auf seiner Reise in den Wilden Westen bekommt er beides. Und jetzt kann sich jeder selbst denken, welche Rolle „The Houston Saengerbund“ dabei spielt.
Als der Gast aus Bayern den mit Kunstrasen ausgelegten Biergarten erreicht, holt der Chor alles aus sich heraus. Beethovens „Ode an die Freude“ zur Begrüßung – und schon ein paar Minuten später ist der Zenit of „Bavarian Gemütlichkeit“ an diesem lauen Frühlingsabend herbei gesungen: „In München steht ein Hofbräuhaus!“ Doch noch bevor oans, zwoa gsuffa wurden, folgt schon die nächste Ode an die Freude: Texas bekommt ein eigenes Hofbräuhaus. Yee-haw! Jörg Lehmann, Chef der staatlichen Brauerei, ist extra angereist, um die News gemeinsam mit Söder zu verkünden.
Söder, seit ziemlich genau acht Jahren im Amt, spürt, dass der Grau-Anteil wächst in Bayern
Grund genug, um gleich mal ein Fass anzuzapfen, das übrigens nur mithilfe des Generalkonsuls und gerade noch rechtzeitig aus den Fängen der strengen US-Zollbehörden befreit werden konnte. Unten im Bierkeller riecht es schon nach Sauerkraut, oben im Kunstrasengarten spricht der Ministerpräsident über die bayerische Vierfaltigkeit: Freiheit, Heimat, Bodenständigkeit – und Bier.
Bayern ist halt doch am schönsten, am besten und eh überall Spitze. Und wenn so viel Selbstwertgefühl bei den Menschen außerhalb des Paradieses bisweilen Ohrensodbrennen erzeugt, dann kommt das dem Landesvater gerade recht. Wir und die anderen. Wir gegen die anderen. Und dass wir die Besseren sind? Logisch! Nur wie das so ist mit den Bildern in Schwarz und Weiß – in Wahrheit ist halt immer auch ein bisschen Grau dabei. Und Söder, seit ziemlich genau acht Jahren im Amt, spürt, dass der Grau-Anteil wächst in Bayern.
Wenn sich der Nebel der Selbstbeweihräucherung lichtet, kann man das durchaus erkennen. Die Energiekrise trifft den Standort härter als andere, die Arbeitslosigkeit steigt schneller, die finanziellen Spielräume werden enger, die Wahlergebnisse der CSU schlechter. Die von Söder selbst auch. Der Mythos, alles zu sein für Bayern, Regierung und Opposition zugleich, ist dahin. Und die Autoindustrie, die den Freistaat so lange getragen hatte, zieht ihn jetzt nach unten. Söder kämpft mit aller Macht um eine Laufzeitverlängerung für den Verbrenner – und damit auch um eine für sich selbst. Er weiß, spätestens in ein, zwei Jahren braucht er andere, neue Erfolgsgeschichten. Und die stehen für ihn in den Sternen.
Hier in Houston bejubelten die Amerikaner 1969 die erste Mondlandung
Das legendäre Kontrollzentrum der Nasa. Hier bejubelten die Amerikaner 1969 die erste Mondlandung. Hier ging knapp ein Jahr später jener berühmte Funkspruch ein, der die Welt den Atem anhalten ließ. Gesendet aus dem All, von der Crew der Raumfahrtmission „Apollo 13“. Ihr Ziel war der Mond, doch nach einer Explosion an Bord ging es nur noch darum, irgendwie auf die Erde zurückzukommen: „Houston, wir haben ein Problem!“
Weil die Amerikaner ein Gespür für filmreife Geschichten haben, kommt die Story sogar in die Kinos, mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Der scheinbar lapidare Satz „Houston, wir haben ein Problem!“ wird zum Synonym für unerwartet auftretende Schwierigkeiten. Und irgendwie passt er auch zur Ära Söder im „Mission Control Center“ München. Flüchtlingskrise, Pandemie, Angriff auf die Ukraine, Angst vor dem Blackout, Wirtschaftsflaute, all die Irrlichtereien des Donald Trump – und immer der gleiche Funkspruch: „Söder, wir haben ein Problem!“ Aber wer weiß, vielleicht liegt ein Teil der Lösung ja ausgerechnet hier in Texas?
Es sind aufregende Tage für die Nasa. Und so viel Ehrlichkeit muss erlaubt sein: Das hat nur bedingt mit dem Söder-Trip zu tun. Noch in dieser Woche soll die Artemis-2-Mission starten. Eine bemannte Weltraumkapsel wird den Mond umrunden, wenn alles gut geht. Die Rakete steht bereit. Söder war schon als kleiner Bub fasziniert von den unendlichen Weiten. Mit fast kindlicher Begeisterung schaut er jetzt auf die Bildschirme im Kontrollzentrum, die live übertragen, was gerade so auf der Internationalen Raumstation ISS los ist. „Ich muss da immer an das Lied ,Starman‘ von David Bowie denken“, sagt er.
Nie war Söder dem All näher als in diesem Augenblick
Der Termin ist für den CSU-Chef eine Genugtuung, und er gibt sich wenig Mühe, das zu verbergen. Noch vor ein paar Jahren sei er belächelt worden für seine Weltraumstrategie. Und nun sei Bayern ein echter Partner für die Amerikaner. Tatsächlich wird an diesem Tag in Houston eine neue Kooperation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen mit der Nasa im Bereich künstliche Intelligenz besiegelt. „Die Nasa bleibt das Maß der Dinge, aber wir sind über den Fan-Status hinaus“, sagt Söder und verabschiedet sich mit dem vulkanischen Gruß, den man von Mr. Spock aus Star Trek kennt: Live long and prosper – lebe lang und in Frieden!
Anschließend geht es ins Trainingszentrum, in dem sich sämtliche Astronauten auf ihre Missionen vorbereiten. Söder steht vor einem Nachbau der ISS in Originalgröße und der glänzenden Artemis-Kapsel. Die echte soll wenige Stunden später Richtung Mond fliegen. Nie war Söder dem All näher als in diesem Augenblick. Nur der perfekte Ort für ein Foto ist offenbar nicht ganz so leicht zu finden. Ein Nasa-Mitarbeiter hält für den entscheidenden Moment eine schwarze Mission-Control-Jacke bereit, trägt sie dem Gast dann aber eine ganze Weile hinterher. Söder holt sich erst mal Nachschub für seine Tassensammlung aus dem Souvenirshop. Dann gibt es doch noch ein Happy End. Für die Jacke. Sie schafft es aufs Bild, wenn auch unangezogen. Und schon geht es weiter für die Reisegruppe „Soeder, Markus Thomas“, wie er tags zuvor bei der Landung am Flughafen begrüßt wurde.
Der Zeitpunkt war nicht schlecht für ihn, um mal rauszukommen. Aber irgendwie auch nicht so richtig gut. Schlechte Stimmung dahoam. Erst hatte die Kommunalwahl Söder in Schwierigkeiten gebracht, dann er sich selbst. Auf der Suche nach den Verantwortlichen für das miese CSU-Ergebnis fand er viele. Viele andere. Diese anderen wiederum fanden, dass ihm mehr Demut gutgetan hätte. Und sie ließen ihn spüren, wie schnell ein politisches Kreditkonto vom grünen in den roten Bereich rutschen kann.
Zur Wahrheit gehört: Ganz so fest im Sattel sitzt Cowboy Söder nicht mehr
Wer sich in diesen Tagen an der Basis oder auch in der Landtagsfraktion umhört, bekommt ein Gefühl dafür, was da passiert ist. Worte gewordenes Kopfschütteln. Söder hat zweimal aus nächster Nähe erlebt, dass die Dinge kippen können, wenn die eigenen Leute beginnen, die Frage in den Raum zu stellen, wie lange das alles noch gut gehen wird. Er musste mitansehen, wie die CSU seinen Mentor Edmund Stoiber fallen ließ. Den Sturz seines Rivalen Horst Seehofer begleitete er wohlwollend, vorsichtig ausgedrückt.
Nun mag der Weg zu einer neuen Palastrevolte weit sein, sogar dann, wenn die Nummer eins tausende Kilometer entfernt ist und daheim keiner so genau hinschaut. Aber zur Wahrheit gehört: Ganz so fest im Sattel sitzt Cowboy Söder nicht mehr.
Dabei hatte er sich mit voller Kraft in diesen Wahlkampf gestürzt, sich trotz Hüftoperation nicht geschont. Er tat es im Söder-Style. Saß, stand und redete auf zig Bühnen, verteilte Fleischprodukte aller Art ans wählende Volk. Analysierte als Studioexperte die Chancen des FC Bayern in der Champions League und schaute zusammen mit Boris Becker einen Kinofilm über die Fußballweltmeister von 1990. Zwischendurch Smalltalk mit Hape Kerkeling, der in seiner Rolle als „Horst Schlämmer“ in der Staatskanzlei vorbeischaute.
Auf seiner USA-Tour postet Söder keine Fotos vom Essen
Söder hat früh begriffen, dass Leichtigkeit und Humor zur politischen Disziplin geworden sind, in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen weniger Zeit beträgt, als man braucht, um das Wort Aufmerksamkeitsspanne zu lesen. Er ist überzeugt, dass soziale Netzwerke schon bald Wahlen entscheiden werden. Nur die Sache mit der richtigen Dosis – schwierig. Zwischen leicht und seicht liegt halt auch nur ein Buchstabe. Es ist wie mit der Weißwurst. Zwei sind ein bisschen zu wenig, aber von der dritten kann einem auch ganz schnell schlecht werden.
Und so muss sich der Polit-Entertainer selbst von eigenen Leuten inzwischen vorhalten lassen, er möge mal wieder über den Tellerrand hinausschauen – Stichwort „Söder isst“. Auf seiner USA-Tour postet er übrigens keine Fotos vom Essen, obwohl die texanischen Steaks einen eigenen Insta-Account verdient hätten. Klar, einen Cowboyhut hat er schon aufgesetzt. Und ein Pferd getätschelt. Aber er liefert eben auch jene Substanz, die ihm Kritiker gerne absprechen.
Man spürt hier in Houston seine Lust auf Zukunft. Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Quantencomputer, das sind Söders Themen. Und die USA schon jetzt Bayerns wichtigster Handelspartner außerhalb Europas. 700 Firmen haben sogar einen eigenen Standort in den Vereinigten Staaten – wie der Maschinenbauer Everllence, dessen texanisches Werk der Ministerpräsident ebenfalls besucht. Das Augsburger Unternehmen erschließt hier gerade einen neuen Markt: Die US-Tech-Riesen und gigantische KI-Rechenzentren brauchen ungeheure Mengen an Strom, die leistungsstarken Everllence-Motoren können die Lösung dafür sein.
Bis 2030 investiert der Freistaat eine Milliarde Euro in die Luft- und Raumfahrt
Noch ist Söders Hightech-Agenda vor allem eine Wette auf die Zukunft, aber er hat als Erster seinen Einsatz auf den Tisch gelegt. Und der Einsatz ist hoch. Bis 2030 investiert der Freistaat eine Milliarde Euro in die Luft- und Raumfahrt und insgesamt sieben Milliarden in Forschung und Wissenschaft. Was, wenn die Wette nicht aufgeht?
„Ich spüre in Gesprächen durchaus eine gewisse Skepsis von Unternehmern oder auch Leuten aus der CSU, die sagen: Der will ständig nach den Sternen greifen, hier unten am Boden haben wir aber ganz andere Sorgen“, sagt die Politologin Ursula Münch. Söder stecke in einem Dilemma: „Einerseits muss er sich natürlich Gedanken machen, wo Bayern in zehn oder 20 Jahren stehen soll. Und da ist es immens wichtig, sich um Technologien und damit auch Arbeitsplätze der Zukunft zu kümmern. Andererseits bringt ihm das im Hier und Jetzt wenig Renommee. Im Gegenteil: Er läuft sogar Gefahr, abgehoben zu wirken. Und abgehoben wollte die CSU ja nie sein.“
Auf diesem schmalen Grat ist der 59-Jährige also unterwegs. Auf seiner Reise in die Vereinigten Staaten, aber auch sonst. Die Geschichte der Nasa-Astronauten von „Apollo 13“ ging übrigens gut aus. Sie haben ihr Problem gelöst. Markus Söder arbeitet noch dran. Und denkt dabei womöglich manchmal an eine Zeile aus David Bowies „Starman“: „Er hat uns gesagt, wir sollen es nicht vermasseln.“
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