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Analyse

01.12.2020

Machtkampf mit Betriebsrat: VW-Chef Herbert Diess pokert hoch

Herbert Diess sucht wieder die Konfrontation mit den mächtigen VW-Betriebsräten.
Bild: Silas Stein, dpa

Der Manager will die Volkswagen-Festung Wolfsburg schleifen und sucht erneut die Konfrontation mit Betriebsratschef Bernd Osterloh. Wer hat die besseren Karten?

Ein langjähriger Büro-Kollege sagte einmal über den heutigen VW-Chef Herbert Diess: „Er ist ein konsequenter, ja radikaler Typ.“ Vielleicht war das auch ein Grund dafür, weshalb der kantige 62-jährige Münchner als einstiges BMW-Vorstandsmitglied nicht den Sprung auf den Chefsessel des Auto-Konzerns schaffte. Für BMW-Befindlichkeiten war der Bayer mit österreichischem Pass zu „grad heraus“, wie man in München sagt.

Diess ist also kein Schau’n-mer-mal-Typ, wie er idealtypisch vom Münchner Landsmann Franz Beckenbauer verkörpert wird. Und schon gar nicht begnügt sich der Volkswagen-Boss mit der Münchnern nachgesagten Monaco-Franze-Mentalität, nach der a bisserl was immer geht. Diess will nämlich alles – und das mit dem guten Vorsatz, den VW-Konzern radikal zu einem Elektro-Riesen umzubauen, um sich so den Attacken von Herausforderern wie Tesla zu erwehren.

Herbert Diess wurde von den Familien Porsche und Piëch für eine Herkulesaufgabe geholt

Letztlich treibt es ihn an, Größe und Macht des Unternehmens mit weltweit rund 670.000 Mitarbeitern zu bewahren. Für die Herkulesaufgabe haben ihn die Familien Piëch und Porsche in München losgeeist und nach Wolfsburg gelockt, einem der entlegensten Orte der Republik, den Münchner nicht vorschnell als Arbeitsplatz wählen.

Doch Diess reizen von jeher große Aufgaben. Dabei kommen ihm zwei Charaktereigenschaften in die Quere, die für seine Tätigkeit als Chef-Reformer in Wolfsburg besonders hinderlich sind: Er ist wie viele Spitzenmanager ungeduldig und eben ein Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache, insofern also einer, der an der CSU-Legende Franz Josef Strauß Maß nimmt.

Dumm nur, dass solche Naturelle am VW-Stammsitz Wolfsburg, der einer Festung aus Tradition, Besitzstandswahrung und Gewerkschaftsmacht gleicht, schnell auf Granit beißen. Da stößt selbst ein als „harter Hund“ geltender Mann wie Diess an seine Grenzen in Form eines breitschultrigen Arbeitnehmer-Prellbocks namens Bernd Osterloh.

VW-Vorstandschef Herbert Diess rauft wieder mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh.
Bild: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Mit dem 64-jährigen Betriebsratschef und Gewerkschafter hat sich Diess schon mehrfach angelegt und pokert nun wieder hoch, um das Spiel gegen den standhaften Verfechter von Beschäftigten-Interessen zu gewinnen. Dabei zieht der VW-Zampano das Spiel nicht in den Hinterzimmern der VW-Macht durch, was Beobachtern klüger erschiene, sondern er bedient sich in wiederum radikaler Form sozialer Netzwerke und hier vor allem LinkedIn.

Dort macht er schon lange aus seiner Gefühls- und Gedankenwelt keinen Hehl und schrieb unlängst an die Adresse von Osterloh und seinen Mitstreitern, er habe sich vorgenommen, alte und verkrustete Strukturen aufzubrechen: „Das ist mir gemeinsam mit vielen Weggefährten mit gleicher Motivationslage an vielen Stellen gelungen, an einigen nicht, allen voran in unserer Konzernzentrale in Wolfsburg noch nicht.“ Mit den Wolfsburger Verkrustungen, die ihm derart missfallen, meint der VW-Chef natürlich die bei Volkswagen im Vergleich zu anderen Konzern besonders große Macht der IG Metall, die auch auf den hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Mitarbeiter von gut 90 Prozent in Wolfsburg zurückgeht. Wer es etwa versteht, sich dort mit den Arbeitnehmervertretern zu arrangieren, wie das dem Volkswagen-Patriarchen Ferdinand Piëch gelang, findet sich hinter den Wolfsburger Festungsmauern gut zurecht. Wer aber wie Diess die Bastion im guten Willen schleifen will, um Volkswagen endlich deutlich „effizienter“ zu machen, der muss mit reichlich Querschüssen aus den eigenen Reihen leben.

Neue Sticheleien vom mächtigen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh

So soll sich der jüngste Zwist zwischen Diess und Osterloh daran entzündet haben, dass der Konzern-Lenker neue Männer für die Posten der frei werdenden Finanz- und Einkaufsressorts durchsetzen will, die für mehr Tempo und Konsequenz beim Konzernumbau stehen. Das forderte erwartungsgemäß Osterloh zur Gegenwehr heraus, was wiederum Diess zu neuen Sticheleien animierte. Folglich nahm der Bayer – was eine Provokation ist – nicht an den Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen des Betriebsrates in Wolfsburg teil. Diess schickte nur ein pädagogisches Grußwort, in dem er die Gewerkschafter wissen ließ: „Effizienzsteigerungen sind notwendig.“ Volkswagen habe hier noch Nachholbedarf.

Während Ex-Kanzler und VW-Chefversteher Gerhard Schröder beim Festakt väterlich warme Worte für die Betriebsräte fand, moserte Alles-Woller Diess unverdrossen. Dem Vernehmen nach setzt er alles auf eine Karte und fordert eine frühzeitige Verlängerung seines im Frühjahr 2023 auslaufenden Vertrages, wobei darüber frühestens 2022 verhandelt werden müsste. Das wird in VW-Kreisen wie eine Art Vertrauensfrage interpretiert – nach der Devise: Ich oder er. Er ist natürlich Osterloh. Pokert Diess nun zu hoch?

In Salzburg, dem Stammsitz der Piëchs, würden die Antennen schon höher in die Luft gestreckt, ist zu hören. Was das heißt, bleibt noch unklar. Vieles ist also möglich: Diess könnte seine Alles-oder-nichts-Strategie den Kopf kosten oder doch im Amt halten. Wer soll ihm auch aus den eigenen Reihen nachfolgen? Der an sich im VW-Reich hochgeschätzte Porsche-Chef Oliver Blume, 52, gilt Insidern für die Wolfsburger Machtspielchen als nicht erfahren genug. Und der neue VW-Star Markus Duesmann, 51, wirkt als Audi-Lenker unabkömmlich

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