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Wirtschaft

31.10.2019

Tausende Arbeitsplätze fallen bis 2023 weg: Was läuft schief in Augsburg?

Hunderte Mitarbeiter von Premium Aerotec gingen im April für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße. Auch in vielen anderen Unternehmen gibt es personelle Einschnitte.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Innerhalb von zwei Jahren wurde bekannt, dass in Augsburg bis zu 4000 Arbeitsplätze wegfallen werden. Woran das liegt und was das für Konsequenzen hat.

Bis zu 4000 Arbeitsplätze könnten bis 2023 in Augsburg wegbrechen, wenn man die Zahlen zu Standortschließungen und Abbauplänen großer Augsburger Firmen zusammenzählt. Ausgangspunkt für diese Rechnung war die Standortschließung von Ledvance , die bis Ende dieses Jahres so gut wie abgeschlossen ist und rund 750 Menschen den Job kostete. Es folgten Fujitsu (bis 2020; 1500 Mitarbeiter), sowie der Stellenabbau bei Premium Aerotec (mindestens 500 ab 2021; weitere 600 gefährdet), Kuka (180 in einer ersten Welle und weitere 350 ab jetzt) und zuletzt MT Aerospace , wo zu Jahresbeginn 2020 mindestens 70 bis 80 Beschäftigte ihren Platz räumen müssen, weitere 80 Jobs sind gefährdet.

Die Zahlen sind dennoch nur ein Rechenspiel, denn wie viele Arbeitsplätze es am Ende tatsächlich bis 2023 sein werden, die aus der Statistik verschwinden, und wie viele Beschäftigte arbeitslos werden, weiß bislang keiner. Denn während unter anderem bei den Luftfahrtzulieferern MT Aerospace und Premium Aerotec der Eingang neuer großer Aufträge das Ausmaß noch abmildern könnte, stehen im Fall Fujitsu weitere interessierte Unternehmen in den Startlöchern, die den Mitarbeitern eine Chance auf einen Jobwechsel bieten wollen. In allen Fällen wird zudem versucht, mit sozial verträglichen Mitteln zu agieren und beispielsweise ein Ausscheiden über die Altersteilzeit zu ermöglichen. Im Fall von Ledvance hat der gute Arbeitsmarkt vielen eine neue Perspektive eröffnet.

Arbeitsplätze in Augsburg fallen weg: Welche Ursachen stecken dahinter?

Doch auch wenn sich die Lage entschärfen könnte, hinterlassen die Zahlen kein gutes Gefühl, und die Intensität, in der Augsburg zuletzt von schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft konfrontiert wurde, regt zum Nachdenken an. Was läuft schief? Welche Ursachen stecken hinter diesen Entwicklungen?

Experten aus Wissenschaft und Praxis sind sich in ihrer Betrachtung und den entsprechenden Antworten weitestgehend einig. Auch dahingehend, dass die Entwicklungen nichts mit der Qualität des Wirtschaftsstandorts Augsburg zu tun haben. „Augsburg verfügt wie jeder Standort über Wettbewerbsvor- und -nachteile. Jedoch gibt es keine Anzeichen, dass die Standortgüte Augsburgs ursächlich mit der spezifischen Entwicklung der genannten Unternehmen zusammenhängt“, sagt Matthias Köppel, Leiter des Geschäftsbereichs Standortpolitik bei der Industrie- und Handelskammer für Schwaben. Das sieht auch Wirtschaftswissenschaftler Erik Lehmann von der Uni Augsburg so: „Augsburg nimmt hier im Vergleich zu anderen Städten oder Regionen keine Sonderrolle ein. Weil in Augsburg aber vor allem Traditionsunternehmen für die schlechten Nachrichten zuständig waren, haben die Entscheidungen eine stärkere psychologische Wirkung.“

Die Gründe, die tatsächlich hinter den Abbauprogrammen stecken, seien vielfältig. Köppel und Lehmann nennen strategische Unternehmensentscheidungen ebenso, wie Managementfehler, eine nötige Anpassung an neue Märkte oder den enormen Innovations- und Preiswettbewerb in verschiedenen Branchen. Einen starken Zusammenhang mit einer sich abflachenden Konjunktur sehen die Experten dagegen weniger – auch wenn eine aktuelle IHK-Umfrage zeigt, dass derzeit gerade die exportorientierten Unternehmen eine rückläufige Nachfrage spüren. Die weltweiten Handelskonflikte seien hierfür ausschlaggebend.

"Von einer Krise sind wir weit entfernt", sagt der Experte

Für die Beschäftigten mag all das eine Erklärung für das Handeln der Unternehmen sein, eine Hilfe ist es nicht. Noch ist der Arbeitsmarkt aber aufnahmefähig, selbst wenn – wie im Fall von Premium Aerotec und MT Aerospace – gleich von zwei Seiten Fachkräfte aus dem Bereich Luft- und Raumfahrt auf den Markt kommen, sagt der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Augsburg, Roland Fürst. Mit einer Einschränkung: „Die Beschäftigten kommen von einem sehr hohen Lohnniveau. Eine Arbeitsstelle mit gleichen Konditionen zu finden, könnte schwierig werden“, so der Experte. IHK-Mann Köppel ergänzt: „Nicht immer passen die Qualifikation oder der Wohnort eins zu eins zu den noch offenen Stellen. Daher lässt sich zumindest kurzfristig ein leichter Anstieg der sogenannten Sucharbeitslosigkeit nicht ausschließen.“ Von einer Krise am Arbeitsmarkt wollen beide dennoch nicht sprechen. „Die aktuellen Zahlen zeigen uns, dass es erste Anzeichen einer Eintrübung gibt, aber von einer Krise sind wir weit entfernt“, so Fürst.

Und welche Lösungen gibt es für die Unternehmen, um sich zukunftssicher aufzustellen? „Wir müssen uns an die Ursachen wagen. Also Bürokratie abbauen, Steuern senken, Energiepreise in den Griff bekommen und Lohnnebenkosten begrenzen. Nur wenn wir in diesen Bereichen wettbewerbsfähig werden, machen wir die Industrie in Deutschland krisenfest“, sagt Köppel.

Konjunkturdelle als Chance?

Wirtschaftswissenschaftler Lehmann hält zudem die sich abzeichnende Konjunkturdelle für eine Chance. „Es ist normal, dass es nach so einem langen Hoch wieder eine Phase der Eintrübung gibt. Hysterie wäre aber fehl am Platz. Eine Eintrübung ist noch lange keine Rezession. Vielmehr erhalten Unternehmen nun die Chance durchzuatmen und sich wieder mehr auf sich und ihre Arbeit zu konzentrieren.“ So könnten bestehende Strukturen und Konzepte des Unternehmens sowie die Herausforderungen der Digitalisierung genauer unter die Lupe genommen und gegebenenfalls angepasst werden. „Das ist wie bei einem Marathon: Irgendwann brauchen Sie eine Pause, um sich wieder fit für den nächsten Lauf zu machen. So sollten es jetzt die Unternehmen auch angehen“, so Lehmann.

Auch hier herrscht Einigkeit mit IHK-Mann Köppel. „Die Unternehmen sollten diese Phase für die Verbesserung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit nutzen. In enger Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen möchten wir alle Unternehmen dazu ermutigen, die Zeit mit weniger Aufträgen für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter zu nutzen.“ Viele Kosten würden dabei übernommen. Das Qualifizierungschancengesetz sei nur eine Maßnahme, die den nötigen Rahmen dafür bietet.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Andrea Wenzel: Positiv denken - obwohl viele Arbeitsplätze wegfallen

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01.11.2019

Lustig, in D hat man Onlinehandel, Social Media, mp3, Halbleiter, Photovoltaik, Windkraft, Gentechnik usw. komplett verschlafen oder abgewürgt. Jetzt schert man sich einen Dreck um KI, autonomes Fahren etc. Wo sollen die Weltmarktführer Startups herkommen? Ja die verbrennen 10 Jahre lang Milliardenbeträge, dann geben sie 100Tenden Arbeit. Das einzige was dem Deutschen bei Amazon und Tesla einfällt war/ist Hohn und Spott- bis er dann in Graben arbeitet. Aber was reg ich mich auf bei endemischer "Deutscher Angst".

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31.10.2019

Valium fürs Volk! Eine Tatsache ist doch dass immer mehr Industriearbeitsplätze und das dazugehörige Know-How in Billiglohnländer abwandern. Und die Politik tut nichts dagegen! Warum hält man es nicht wie die Chinesen: Marktzugang nur, wenn heimische Firmen zu X Prozent an der Fertigung beteiligt werden und das Knowhow noch Deutschland transferiert wird.
Sonst haben wir am Ende weder Jobs noch Geld für Millionen von Armen!

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31.10.2019

>> Wirtschaftswissenschaftler Lehmann hält zudem die sich abzeichnende Konjunkturdelle für eine Chance. „Es ist normal, dass es nach so einem langen Hoch wieder eine Phase der Eintrübung gibt. Hysterie wäre aber fehl am Platz. Eine Eintrübung ist noch lange keine Rezession. <<

Meines Erachtens politisch gefärbte Valium Einzelmeinung - wenn Firmen wie Osram und Fujitsu schließen, sind die Arbeitsplätze für immer verloren. Es geht da nicht um mal 100 Arbeitnehmer mehr oder weniger wie es sie z.B. bei MAN immer wieder mal gegeben hat. Das sind strukturelle Veränderungen, die man nicht mit Konjunktur blabla klein reden darf.

Andere Branchen wie Banken und Versicherungen werden vom AZ Redakteur erst gar nicht genannt, obwohl dort die Arbeitsplatzverluste in den letzten Jahren auch dreistellig sind.

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