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Autismus
18.06.2020

Warum Autisten in der IT-Branche besonders stark sind

Autisten haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. In gewissen Bereichen sind ihre Fähigkeiten aber gefragt. Beispielsweise in der IT.
Foto: Daniel Reinhardt, dpa

Im Unternehmen Auticon lösen Autisten sehr erfolgreich die IT-Probleme großer Firmen. Ihre Eigenschaften können in der Programmierwelt eine große Hilfe sein.

Auticon hat seit der Gründung 2011 in Berlin einen rasanten Aufstieg hingelegt: Das IT-Unternehmen ist inzwischen mit 20 Standorten auf drei Kontinenten vertreten. Sein Erfolg liegt in einem außergewöhnlichen Konzept: Hocheffiziente IT-Spezialisten, sogenannte Consultants, arbeiten an Projekten großer Firmen wie Airbus, Allianz oder auch beim LKA, meist direkt in den Räumen des Auftraggebers. Diese Spezialisten haben alle eines gemeinsam: Sie sind Autisten. Einer von ihnen ist Benjamin Heiland, der am Münchner Standort angestellt ist.

Wenn Autisten in Bildern und nicht in Sprache denken

Der 30-Jährige kann neben mehreren Schulwechseln auch ein abgebrochenes Chemiestudium, eine erfolgreiche Ausbildung zum Koch und ein abgebrochenes Informatik-Studium vorweisen. Außerdem hatte er mit Mobbing, Konzentrationsstörungen und Depressionen zu kämpfen. „Mein Lebenslauf ist ein bisschen wild“, fasst er zusammen.

Benjamin Heiland arbeitet bei Auticon und löst erfolgreich IT-Probleme.
Foto: Weber

Warum das so kam, darüber hat 2019 die Diagnose eines Arztes Klarheit gebracht: Heiland ist Autist. „Ich hatte schon den Verdacht, als ich eine Dokumentation über einen Autisten gesehen habe, der nicht in Sprache, sondern in Bildern denkt. Bei mir ist das auch so.“ Heiland tue sich manchmal schwer, Dinge in Worte zu fassen, weil er sie erst übersetzen müsse. Zwischenmenschliche Signale wie ein Lächeln oder einen bestimmten Tonfall, die normalerweise unterbewusst ausgesendet und wahrgenommen werden, müsse er erst bewusst entschlüsseln oder ganz gezielt von sich geben.

Autisten sind im IT-Bereich gefragt

Bald nach der Autismus-Diagnose hat sich Heiland bei Auticon beworben, wo er seit Anfang des Jahres arbeitet. „Ich habe keine Zettelqualifikationen wie ein abgeschlossenes Studium, aber Auticon hat auf meine Fähigkeiten Wert gelegt“, sagt er. Das macht das Unternehmen nicht allein aus sozialen Gründen.

Dieter Hahn, Leiter des Münchner Standorts, erklärt, warum Autisten mit dem nötigen Fachwissen im IT-Bereich besonders produktiv sein können: Weil sie sehr systematisch denken, fallen ihnen Muster und Systemfehler viel leichter auf als anderen Menschen – in der rein logisch aufgebauten Programmierwelt ein Vorteil von unschätzbarem Wert. „Wir haben viele langjährige Kunden, die ihre Aufträge verlängern und neue erteilen“, sagt Hahn. Mancher Auftraggeber sei anfangs verblüfft, wie schnell der Consultant arbeite, und habe Mühe, ihm genügend Arbeit zu geben.

Reizüberflutung hat im Büro nichts zu suchen

Damit die Autisten in Ruhe arbeiten können, müssen allerdings Umgebung und Kommunikation stimmen. Dafür gibt es bei Auticon eigene Ansprechpartner. Diese sogenannten Job-Coaches klären Kunden über die Bedürfnisse der Consultants auf – zum Beispiel ist die Reizüberflutung in Großraumbüros für viele von ihnen problematisch, sie bevorzugen stille, schmucklose Räume und aufgeräumte Schreibtische. Die Coaches stehen auch bereit, um Missverständnisse auszuräumen.

Die können sich ergeben, weil Autisten oft nur an den Informationsgehalt von Worten denken und nicht bemerken, dass das Gesagte jemandem vor den Kopf stoßen könnte. Sie sind in der Regel geradeheraus und ehrlich, wollen niemanden ärgern oder beeindrucken. So informiert Heiland ohne Umschweife: „Ich finde die Corona-Einschränkungen nicht belastend. Ich habe sowieso nicht viele soziale Kontakte und gehe nicht viel raus.“ Heiland stört, dass Autisten oft vorgeworfen wird, sie seien empathielos: Dass er Gefühle von anderen nur schwer erkenne, heiße nicht, dass sie ihm egal sind.

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