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„Systemversagen“: Warum läuft es in der Pflege so schlecht? Ein Experte klärt auf

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„Systemversagen“: Warum läuft es in der Pflege so schlecht? Ein Experte klärt auf

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    In Deutschland läuft es in der Pflege nicht gut. Ein Experte spricht von Systemversagen und fordert eine grundlegende Reform.
    In Deutschland läuft es in der Pflege nicht gut. Ein Experte spricht von Systemversagen und fordert eine grundlegende Reform. Foto: Kiattisak, stock.adobe.com (Symbolbild)

    Die Pflege in Deutschland steht schon lange vor großen Problemen. Schnell steigende Pflegefallzahlen und Kosten treffen auf zu wenige Pflegekräfte. Eine umfassende Reform des Systems wäre nötig und ist politisch auch angedacht. Bis Ende 2026 soll sie ausgearbeitet werden. Das teilte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nach der abschließenden Sitzung der gemeinsamen Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ im Dezember 2025 laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit.

    Der Ergebnisbericht der AG stößt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zufolge bisher bei Pflegeverbänden und in der Politik allerdings eher auf Kritik. Es sei ein „mutloses Papier“ und nach konkreten Lösungsvorschlägen suche man vergeblich. Auch Gesundheitsökonom Heinz Rothgang blickt besorgt auf die Situation in der Pflege. Im Interview mit MDR aktuell erklärt er, welche „echten Reformen“ nötig wären, um die Situation aufzulösen.

    Status quo in der Pflege: Welche Probleme gibt es?

    Im Jahr 2017 wurden laut dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff sowie die Pflegegrade 1 bis 5 eingeführt. Das hat sich auch auf die Zahl der Pflegebedürftigen ausgewirkt, da Menschen seitdem schon mit einer geringen Beeinträchtigung ihrer Fähigkeiten Unterstützung durch die Pflegeversicherung bekommen können. Laut dem Statistischen Bundesamt hatten 2023 knapp 5,7 Millionen Menschen einen Pflegegrad, 2021 waren es etwa fünf Millionen und 2017 nur 3,4 Millionen. Die Zahlen für 2025 werden voraussichtlich im Dezember 2026 veröffentlicht, dürften die Sechs-Millionen-Marke aber knacken, sagt auch Heinz Rothgang.

    Hinzukommt: Die Pflege verlagert sich immer mehr in den ambulanten Bereich. 2023 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge fast 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause durch Angehörige und/oder einen ambulanten Pflegedienst versorgt. Rothgang zufolge gibt es rund zehn Millionen pflegende Angehörige in Deutschland und über 1,5 Millionen beruflich Pflegende. Damit sei der Alltag jedes fünften Menschen hierzulande vom Thema Pflege geprägt. Dabei würden zehntausende Pflegekräfte fehlen – eine Vorausberechnung des Statistischen Bundesamts geht bis 2049 sogar von einer Lücke zwischen 280.000 und 690.000 aus.

    Der starke Fokus auf die häusliche Pflege hängt unter anderem mit den Kosten zusammen. Sie gilt verglichen mit der stationären Versorgung als günstiger, weil Angehörige ehrenamtlich pflegen. Die Eigenanteile im Pflegeheim steigen hingegen immer weiter an. Einer Auswertung des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) zufolge mussten Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner im Januar 2026 im ersten Jahr der stationären Pflege im Bundesdurchschnitt 3245 Euro selbst bezahlen. Im Januar 2025 waren es mit 2984 Euro noch 261 Euro weniger pro Monat. Aktuell seien die Eigenanteile damit „doppelt so hoch wie die Eckrente“, sagt Rothgang im MDR-Interview. „Das nenne ich Systemversagen.“

    Was ist die Eckrente?

    Eckrente und Faktencheck Icon Pfeilspitze nach unten

    Als Eckrente oder Standardrente wird laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) die fiktive Monatsrente bezeichnet, die ein Modell-Versicherter nach 45 Beitragsjahren bei einem Durchschnittsgehalt bekommen würde. Der aktuelle Rentenwert liegt laut der Deutschen Rentenversicherung (DRV) bei 40,79 Euro. Die Eckrente beträgt also 1835,55 Euro brutto.

    Heißt: Die Aussage von Heinz Rothgang zur Eckrente und den Eigenanteilen stimmt nur fast. Wenn man es ganz genau nimmt, entspricht ein Eigenanteil von 3245 Euro etwa der 1,8-fachen Eckrente und nicht dem zweifachen Betrag.

    Hauptkostentreiber bei den Eigenanteilen im Pflegeheim sind gestiegene Personalkosten, erklärt der VDEK. Das sei zwar eine positive Entwicklung, die aber zulasten der Pflegebedürftigen gehe. Die Pflegeversicherung beteiligt sich laut dem BMG nämlich nur an den Pflegekosten und zahlt maximal 2096 Euro bei Pflegegrad 5 sowie einen Zuschuss zum einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE).

    Im Vergleich gilt die Pflege zu Hause als deutlich günstiger. Das stimme Rothgang zufolge allerdings nur für die Pflegeversicherung, die aktuell Millionendefizite verbuche. „Laut Untersuchungen entspricht der Wert der ‚informell‘ erbrachten Pflege einem Betrag von etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist mehr als dreimal so viel wie die Gesamtausgaben der Pflegeversicherung“, erklärt der Experte. Dadurch würden ambulante Pflege-Settings „schöngerechnet“. Gesamtgesellschaftlich gesehen zahle sich der gesetzlich festgeschriebene Grundsatz „ambulant vor stationär“ aber vor allem für die Pflegeversicherung aus, die bei Pflegegrad 5 laut dem BMG maximal ein Pflegegeld von 990 Euro pro Monat zahlt.

    Pflegereform: Diese großen Schritte müsste die Politik laut Heinz Rothgang gehen

    Eine mögliche Lösung sieht Rothgang laut dem MDR nur in einer umfassenden Pflegereform. Dafür müssten sowohl die Ausgaben- als auch die Einnahmenseite angegangen werden. „Mein Vorschlag heißt ‚sektorenfreie Versorgung‘“, sagt der Gesundheitsökonom. Was er damit meint: Eine modular organisierte Pflege mit einheitlichen Pflegeleistungen, die unabhängig von der Pflegeform je nach Bedarf zusammengestellt werden können. Aktuell gebe es zwei Sektoren – ambulant und stationär – mit jeweils eigenem Ordnungsrecht, eigenem Leistungsrecht, eigenem Leistungserbringungsrecht und eigenen Institutionen. „Wir regulieren uns zu Tode, indem wir jedes Modell einzeln regulieren. Das muss alles weg“, sagt Rothgang. „Wir brauchen ein einheitliches Ordnungsrecht, Entbürokratisierung und eine sektorenfreie Versorgung.“

    Auch auf der Einnahmenseite sieht der Experte Reformbedarf und schlägt eine „Verbreiterung der Beiträge“ vor. Pflegebeiträge sollten demnach nicht nur auf Einkommen, sondern beispielsweise auch auf Mieteinnahmen gezahlt werden. Das könnte die Pflegeversicherung laut Rothgang entlasten „und wäre auch gerechter“.

    Im Sinne der Gerechtigkeit schlägt der Experte außerdem vor, „Privatversicherte in die Solidarität [zu] zwingen“. Sie würden die gleichen Leistungen erhalten wie gesetzlich Versicherte, die Ausgaben der privaten Versicherungen wären aber nur halb so hoch, weil ihre Mitglieder eine günstigere Alters- und Geschlechterstruktur hätten und im Schnitt gesünder seien. Privatversicherte seien also zwar untereinander solidarisch, aber nicht mit der Gesamtbevölkerung. „Das geht so eigentlich nicht“, findet Rothgang.

    Wie die Ideen des Experten in der Politik ankommen, wird sich zeigen. Klar ist schon jetzt: An eine schnelle Umsetzung möglicher Reformideen glaubt Rothgang selbst ohnehin nicht. „Ich habe zehn Jahre im Beirat der Bundesregierung zur Regelung der Pflegebedürftigkeit gesessen, in dem es letztlich darum ging, zwei Paragrafen im Sozialgesetzbuch XI zu verändern“, erklärt er im MDR-Interview. „Für Reformen in der Pflege brauchen wir einen langen Atem.“

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