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Unternehmen

07.10.2020

Unternehmer träumen vom besseren Kapitalismus

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat Sympathien für die Pläne der Unternehmer.
Bild: Markus Schreiber, dpa

Immer mehr Unternehmer wollen verhindern, dass Firmen zum Spekulationsobjekt werden. Doch eine von ihnen vorgeschlagene Rechtsänderung provoziert Widerstand.

Einer der beiden Söhne von Michael Hetzer war acht Jahre alt, als er dem Vater eine folgenschwere Frage stellte: „Papa, muss ich den Betrieb dann mal übernehmen, wenn mein Bruder nicht will? Es ist ja ein Familien-Unternehmen.“ Die Worte brachten den Firmen-Chef aus Leutkirch im Allgäu zum Nachdenken.

Nach dem Weckruf des Sohnes suchte Hetzer, 52, nach einer Regelung, wie es mit der Firma Elobau einmal weitergeht. Damals gehörte ihm das von seinem 2003 gestorbenen Vater gegründete Unternehmen alleine. Elobau ist einer der führenden Anbieter von berührungsloser Sensortechnik. Die Produkte des Hauses mit rund 1000 Mitarbeitern werden etwa in Maschinen und Nutzfahrzeuge eingebaut. Hetzer entschied sich für ein kompliziertes und auch teures Modell, das langfristig die Unabhängigkeit des Unternehmens garantieren soll. Letztlich mussten zwei Stiftungen gegründet werden, wobei 99 Prozent an die gemeinnützige Elobau-Stiftung übertragen wurden. Danach ist ein einzelner Eigentümer nicht mehr allein in der Lage, die Strippen zu ziehen. Das Unternehmen kann nicht mehr verkauft werden.

Michael Hetzer musste sich um seine Nachfolge im Familienunternehmen kümmern.
Bild: Elobau

Wer übernimmt die Leitung in einem Familienunternehmen?

Heute bildet Hetzer mit zwei anderen Managern, die nicht aus der Familie stammen, die Geschäftsführung. Seine 19 und 23 Jahre alten Söhne können nun frei entscheiden, ob sie einmal in die Firma einsteigen wollen. Bis das Unternehmens-Konstrukt 2016 stand, gingen sechs Jahre ins Land. „Wir haben dafür sehr viel Geld ausgegeben“, sagt der Unternehmer. Nun kämpft er mit rund 500 anderen Firmen-Verantwortlichen und etwa 100 Wirtschafts-Experten dafür, dass es leichter und günstiger wird, einen Betrieb in Form eines „Verantwortungs-Eigentums“ zu führen. Das Stiftungsmodell mag für Konzerne wie Bosch passen, kleinere Unternehmen stoßen hier schnell an Grenzen.

Deshalb setzen sich die Unternehmer für eine Ergänzung des GmbH-Rechts ein, um eine neue Rechtsform für Verantwortungseigentum zu schaffen. Die Liste der Unterstützer ist prominent besetzt. Neben Vertretern aus der Bosch-Dynastie und der SB-Warenhauskette Globus stehen führende deutsche Ökonomen wie Michael Hüther und Marcel Fratzscher hinter dem Vorstoß. Hinzu kommen erfolgreiche Start-up-Unternehmer wie die Macher des Kondomherstellers Einhorn und des Internet-Suchmaschinen-Anbieters Ecosia. Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und seine Parteikollegin Annegret Kramp-Karrenbauer haben Sympathie für das Projekt erkennen lassen, auch wenn Mittelstandspolitiker aus der Union Sturm gegen das Modell des Verantwortungs-Eigentums laufen. Sie befürchten eine Aushöhlung des auf Eigentum als Anreiz für wirtschaftliches Handeln fußenden Prinzips der Sozialen Marktwirtschaft.

Verband der Familienunternehmer warnt vor Angriff auf Privateigentum

Der Verband der Familienunternehmer sieht die Initiative gar als Angriff auf das Privateigentum. Nun ist es ungewiss, ob das auch von der SPD unterstützte Modell noch in dieser Legislaturperiode Gesetzeskraft erlangt. Sollte es nicht klappen, setzen die Initiatoren auf ihren großen Unterstützer, Grünen-Chef Robert Habeck. Sie glauben, dass in einer möglichen schwarz-grünen Koalition endgültig das GmbH-Recht in ihrem Sinne ergänzt wird. Hetzer und seine Mitstreiter träumen also von einem besseren Kapitalismus. Dabei beschneiden sich die Verantwortungs-Eigentümer in radikaler Weise selbst. Sie betrachten ihr Unternehmen nicht als ihnen gehörendes Vermögen, sondern als etwas, für das sie als Treuhänder verantwortlich sind: So muss die Mehrheit der Gewinne wieder in die Firma gesteckt werden. Der Betrieb darf nicht für individuelle Zwecke versilbert werden.

Die neuen Treuhänder bekommen zwar ein Gehalt, können aber nicht wie einst Vermögen flugs ausschütten. Dabei heben die neuen Unternehmer den Kapitalismus nicht aus den Angeln. Sie wollen weiter Gewinne einfahren. Doch die Firmen werden nicht automatisch an Familienmitglieder vererbt – alles Grundsätze, an die sich freilich auch viele Inhaber normaler GmbHs gerade aus dem Mittelstand halten. Dabei will es ihnen Armin Steuernagel nur leichter machen, Firmen über einen langen Zeitraum zu erhalten. Der 30-Jährige zählt zu den Protagonisten der Verantwortungs-Eigentums-Bewegung. Er ist ein Macher-Typ und hat schon mit 16 Jahren als Waldorf-Schüler ein Geschäft für Produkte aufgezogen, die speziell Besucher solcher Schulen brauchen. „Ich wollte so Geld für unsere Theatergruppe verdienen“, sagt er.

Im Waldorfshop in Landsberg sind Gewinne zweckgebunden

Den in Landsberg am Lech angesiedelten „Waldorfshop“ gibt es bis heute. Seit 2017 ist die Firma ein Verantwortungs-Eigentums-Unternehmen. Nach der Satzung werden Gewinne entweder wieder in die Firma gesteckt, gespendet, genutzt, um Preise zu senken oder Mitarbeitern bessere Gehälter zu zahlen. Am Ende sind Steuernagel und seine Genossen – wenn auch sanfte – Revolutionäre.

Unternehmer Armin Steuernagel setzt sich für eine neue Unternehmensform ein.
Bild: Steuernagel

Das mag den Widerstand aus Teilen des Unternehmerlagers gegen ihre Pläne erklären. Steuernagel lässt nicht locker und zieht die Konsequenzen aus den desaströsen Erfahrungen seiner Familie mit dem Raubtier-Kapitalismus. Denn sein Vater leitete eine Klinik bei Dresden, die nach einem langen Hin und Her in den Fängen eines börsennotierten Konzerns landete. Erbost sagt Steuernagel im Gespräch: „Die Klinik wurde schließlich zu einer reinen Spekulationsware.“

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