Der Fall Nüßlein: Von alten Seilschaften, Lobbyisten und der Gier nach Geld

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Die Masken-Affäre um Georg Nüßlein offenbart jahrzehntelang gewachsene Netzwerke. Wie Lobbyisten ihre Kontakte nutzen, um mit der Krise Geld zu verdienen.

Idyllischer könnte der Ort kaum sein, an dem das politische Beben seinen Anfang nimmt. Hinter dem hübschen Haus mit den roten Fensterläden im schwäbischen Dorf Münsterhausen plätschert ein kleiner Bach. Eine Wasserkraftanlage liefert sauberen Strom. Einst stand da eine Mühle. Heute wohnt hier der Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein. Also, hier wohnt er normalerweise. Zurzeit ist der 51-jährige Politiker nach gemeinsamen Recherchen unserer Redaktion mit dem ARD-Politikmagazin "report München" in der Wohnung eines Freundes in Nordschwaben untergeschlüpft. Er nutzt ein fremdes Auto und hat eine neue Handynummer. Sein Smartphone hat die Generalstaatsanwaltschaft München beschlagnahmt.

Fremde Wohnung, fremdes Auto, neues Handy – fast wirkt es, als sei Georg Nüßlein in einem Zeugenschutzprogramm. Er ist aber kein Zeuge. Er ist der Hauptbeschuldigte in einem der größten Politskandale der vergangenen Jahre. Er gehört zu jenen Abgeordneten, die von der Boulevardpresse den Stempel „Masken-Raffkes“ erhielten. Ihre Geschäfte – und deren Aufdeckung – schadeten der Union schon bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz massiv und könnten sogar dazu beitragen, dass die Partei im September nach 16 Jahren mit Angela Merkel das Kanzleramt räumen muss.

Mit Georg Nüßlein erreichte die Masken-Affäre die CSU

Nüßlein ist der Mann, der mit möglicherweise kassierten Bestechungsgeldern die Masken-Affäre losgetreten hat. Seit knapp drei Wochen ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft München gegen ihn wegen des Anfangsverdachts der Bestechlichkeit. Nüßlein soll vom schillernden Geschäftsmann Thomas Limberger über eine von dessen Firmen 660.000 Euro Provision dafür kassiert haben, dass er sich als CSU-Politiker und Bundestagsabgeordneter für eine hessische Textilfirma bei Ministerien und Behörden starkgemacht hat.

Abgesehen vom politischen Aufruhr, den das dubiose Geschäft erzeugt hat, ermitteln die Staatsanwälte, was an dem Verdacht strafrechtlich dran ist. Der Ausgang ist offen. Wenn etwas dran ist, droht Nüßlein eine Freiheitsstrafe. Sollte er sich nicht strafbar gemacht haben, ist seine politische Karriere trotzdem vorbei. Seit dem Tag, an dem die Ermittler seine Büros und Privaträume durchsucht haben, hat Nüßlein einen Rückzug auf Raten angetreten. Erst gibt er seinen Posten als stellvertretender Vorsitzender der Unions-Fraktion auf und erklärt seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur für den Bundestag. Dann tritt er nach 34 Jahren aus der CSU aus.

Georg Nüßlein.
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Die Parteispitze spart sich die sonst an dieser Stelle üblichen Dankesworte. In München erntet nur noch Wut, wer nach Nüßlein und dessen Rolle fragt – erst recht, weil sich der gebürtige Krumbacher noch immer an sein Bundestagsmandat klammert. Das kollidiert mit dem fast verzweifelten Versuch der Union, die Affäre zu Beginn des Superwahljahres schnell abzuräumen. Nüßlein steht vor den Trümmern seiner Laufbahn – das ist allerdings zu vernachlässigen im Vergleich zur politischen Dimension der Affäre, die er ausgelöst hat.

Wie kann es sein, dass gleich mehrere Abgeordnete mitten in der schwersten Krise der Bundesrepublik Geld an öffentlichen Aufträgen verdienen? Die Verunsicherung in der Union ist so groß wie seit den Debatten um die schwarzen Kassen eines Helmut Kohl nicht mehr. Der Spiegel packt die verfilzten Buchstaben „CDU/CSU“ auf seinen Titel und lässt sie wie Euro-Zeichen aussehen. Gekauft von Unternehmen? Der Vorwurf ist die Höchststrafe für eine Partei, die ja gerade stolz ist auf ihre Nähe zur Wirtschaft.

Beim Maskenproduzenten meldet sich plötzlich ein Lobbyist

Die Spitzen der Union gerieren sich als knallharte Aufräumer gegenüber den eigenen Leuten. Tenor: Es kann nicht sein, dass Abgeordnete sich in einer nationalen Notlage die Taschen vollmachen. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, dass sie alle mehr oder weniger Teil eines Systems sind, das solche Strukturen überhaupt erst möglich gemacht hat. Strukturen, die schon lange als undurchsichtig kritisiert werden. Und Seilschaften, die teils seit Jahrzehnten gepflegt werden – anscheinend überwiegend mit dem Ziel, damit dicke Geschäfte zu machen. Erst in der vergangenen Woche beklagte Transparency International die mangelhafte Transparenz in der deutschen Politik. Der Freistaat Bayern, seit jeher fest in der Hand der CSU und sonst stolz darauf, in vielem besser zu sein als andere, liegt im Vergleich der Bundesländer im auffallend intransparenten letzten Drittel.

Jürgen Beer (Name geändert) hat mit bayerischen Seilschaften unliebsame Bekanntschaft gemacht. Der Unternehmer aus dem Freistaat hat gute Verbindungen nach China und kann im Frühjahr 2020 schnell Millionen zertifizierte Masken organisieren. Er wendet sich im März mit seinem Angebot an Ministerien, Behörden, Klinikverbünde und Kassenärztliche Vereinigungen. Auch mit Georg Nüßlein steht er in diesen chaotischen Tagen zu Beginn der Pandemie in Kontakt. Als Gesundheitsexperte und Vize der Unions-Fraktion im Bundestag ist der Politiker bestens vernetzt. Beer wiederum ist ein erfahrener Geschäftsmann. Er ist sich gleich sicher, dass mit den Masken zu diesem Zeitpunkt gutes Geld verdient werden kann, und bietet Nüßlein mehrere Millionen Stück an. Der habe Interesse bekundet.

Doch was dann geschieht, überrascht den langjährigen Firmenchef. Ein Mann kontaktiert ihn, den er nicht kennt: Michael Kraess. Der betreibt in München die Firma Quanticon. Kraess kann man getrost als Lobbyisten bezeichnen. Seit Mitte vergangener Woche gilt auch er als Beschuldigter in dem spektakulären Ermittlungsverfahren der Generalstaatsanwaltschaft München. Er steht unter dem Verdacht der Bestechung von Mandatsträgern. Kraess wurde offenkundig von Nüßlein ins Spiel gebracht. In einer E-Mail, die uns vorliegt, bezieht sich Kraess auf „Dr. Nüsslein“ und schreibt an den Unternehmer Beer, dass man nun ja die gegenseitigen Geschäftsmodelle kenne und sich später weiter austauschen könne. Auch Thomas Limberger, ebenfalls von der Generalstaatsanwaltschaft der Korruption beschuldigt, ist an Bord.

Dem Geschäftsmann Beer kommt diese offensive Einmischung nach eigener Aussage rasch seltsam vor. Wofür soll er als Masken-Lieferant so viele Vermittler brauchen, wenn der Staat in diesen turbulenten Wochen doch ohnehin alles zusammenkauft, was halbwegs seriös erscheint – zum Teil zu horrenden Preisen? Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass ein ganzes Netzwerk einflussreicher Politiker und Lobbyisten das Durcheinander zu Beginn der Krise nutzt, um an möglichst vielen Geschäften mitzuverdienen.

Beer sieht sich schon bald in seinem unguten Gefühl bestätigt. Denn der Ton der beiden Lobbyisten sollte nicht so vage und unverbindlich bleiben wie in der ersten E-Mail. Der Unternehmer behauptet, die beiden Männer hätten ihn regelrecht bedrängt, das Masken-Geschäft nicht an ihnen und Nüßlein vorbei zu machen. Ja, sie hätten sogar angedeutet, dass ein schneller Deal nur mit ihrer Hilfe möglich sei. Nüßlein habe großen Einfluss darauf, sollen sie gesagt haben. Als Kraess und Limberger nach Darstellung des Geschäftsmannes unverblümt von „Vergütungen“ für ihre Tätigkeit sprechen, stellt der Unternehmer die Gespräche ein. „Solche Geschäfte mit dubiosen Zwischenvermittlern werden von uns nicht akzeptiert“, sagt er heute.

Seine Masken habe er trotzdem verkauft – allerdings auf direktem Weg ins Bundesgesundheitsministerium. Über den dortigen Hausherrn Jens Spahn findet der Unternehmer lobende Worte. Der CDU-Politiker und sein Ministerium hätten sich absolut korrekt verhalten. Die Zahlungen seien pünktlich eingegangen. Das war für ihn eminent wichtig, weil das Geschäft mit einem hohen Millionenbetrag vorfinanziert gewesen sei. Insgesamt habe er mit seiner Firma zertifizierte Masken im zweistelligen Millionenbereich aus China importiert.

Die Masken-Affäre offenbart ein Netzwerk aus alten JU-Tagen

Die Aussagen des Geschäftsmannes werfen ein Schlaglicht darauf, wie Nüßlein und seine Bekannten vorgingen – und auf welches Netzwerk sie zurückgriffen. Der versierte Politiker scheint zu spüren, dass die Aufregung zu Beginn der Pandemie und die hohe Nachfrage nach medizinischer Schutzausrüstung gute Gelegenheiten bieten, etwas vom Kuchen abzubekommen – wenn man die entsprechenden Kontakte hat. Und Nüßlein hat diese Kontakte: Kraess ist ein alter Bekannter aus der Jungen Union. Die beiden Männer kennen sich seit Jahrzehnten. Kraess ist in Weißenhorn geboren und wird in den 90er Jahren Chef des CSU-Nachwuchses in Neu-Ulm. Zeitgleich steht Nüßlein an der Spitze der JU im Nachbarlandkreis Günzburg. Die beiden basteln parallel an ihren Karrieren, ehe sich ihre Wege trennen – zumindest auf dem Papier.

Nüßlein zieht es in die Politik, Kraess biegt auf die Lobby-Schiene ab. Er arbeitet zunächst für den Münchner Berater Klemens Joos. Der ist in den 90er Jahren Landesschatzmeister der Jungen Union Bayern und steht in dieser Funktion in engem Austausch mit dem Chef des CSU-Nachwuchses. Der heißt damals Markus Söder. Joos fährt auf Veranstaltungen schon mal mit einer dicken Limousine vor, während sich seine Parteifreunde aus der Provinz ein Gruppenticket der Bahn teilen müssen. Im Dunstkreis dieses Mannes und seiner Beratungsfirma Eutop zieht es eine ganze Reihe von ehrgeizigen Politikern nach oben.

Joos baut sich ein Netzwerk aus Jung-Unionisten auf, die er zum Teil für seine Firma arbeiten lässt. Die Idee: Aus den Talenten werden eines Tages Kandidaten für die Parlamente. Und das ist wegen der traditionellen Mehrheit der CSU über Jahrzehnte gleichbedeutend mit Mandaten – also Macht. Kraess knüpft Ende der 90er engen Kontakt zu dem einflussreichen Unternehmensberater. 1999 halten die beiden in Kempten einen Vortrag über „Interessensvertretung“ in Brüssel. Nur Lobbyisten würden im komplizierten Beziehungsgeflecht der EU-Institutionen durchblicken, betonen sie und fügen hinzu: „Da läuft viel über Mittagessen und Events.“

Der Schatzmeister der Jungen Union fuhr mit der dicken Limousine vor

Nicht allen nützt der Draht zum schillernden Unternehmensberater Joos, manchen schadet er möglicherweise sogar. Dem Schwaben Martin Sailer zum Beispiel, heute Landrat im Kreis Augsburg, wird seine angebliche Nähe zu der Lobbyisten-Truppe offenbar zum Nachteil, als er sich um Söders Nachfolge als JU-Chef bewirbt. Am Ende macht Manfred Weber, heute Chef der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, knapp das Rennen.

Im Landkreis Neu-Ulm schafft es Kraess in den Kreistag. Zeitweise liebäugelt er mit dem Einstieg in die Berufspolitik. Doch dann kommt im eher traditionellen Flügel des CSU-Nachwuchses Widerstand gegen die als schnöselig empfundene „Elite-Einheit“ auf. Der Konflikt eskaliert. Die smarten Jungdynamiker seien von der Lederhosen-Fraktion wegen ihrer Fixierung aufs Geldverdienen unverhohlen „Stricher“ genannt worden, erzählt einer, der damals dabei war.

2007 scheidet Kraess aus dem Kreistag aus und kehrt der Politik den Rücken. Er wird Chef und Gesellschafter der Beratungsfirma Concilius, die heute ein weiterer alter Kumpel aus JU-Tagen führt, der inzwischen Wert darauf legt, nichts mehr mit Kraess zu tun zu haben. Der hat längst eine neue Beraterfirma gegründet, die Münchner Quanticon GmbH. Die alten Kontakte in die Politik kann er dabei gut gebrauchen. Seine Strategie: „Notwendige Beziehungen aufbauen und pflegen, bevor ein Problem auftaucht.“ So schreibt er es einmal in einem Internet-Blog. „Wir wirken für Sie im Maschinenraum der Politik“, verspricht er seinen Kunden. Die Botschaft ist klar: Da hat einer Zugriff auf die wichtigsten Stellschrauben im politischen Betrieb und direkte Drähte zu Entscheidungsträgern. Als Vize der größten Fraktion im Deutschen Bundestag ist Nüßlein ein solcher Entscheidungsträger. Und so kommen die alten Weggefährten aus JU-Tagen spätestens zu Beginn der Pandemie wieder zusammen.

Welche Rolle spielt Alfred Sauter in der Masken-Affäre?

Kraess sitzt zu diesem Zeitpunkt im Präsidium des Lobbyvereins Internationaler Wirtschaftssenat, dessen Vorstandschef jener Unternehmer Limberger ist, der Nüßlein die Provision für das Masken-Geschäft zugeschanzt haben soll. Inzwischen sind die Namen Limberger und Kraess von der Internetseite des Vereins verschwunden. Nach unseren Recherchen versuchten die drei Männer nicht nur in einem Fall, aus der Pandemie Profit zu schlagen. Die Ermittler versuchen herauszufinden, ob sie dabei weitere Unterstützer hatten. Unsere Anfragen an Thomas Limberger, Michael Kraess und Georg Nüßleins Anwalt blieben unbeantwortet.

Auch der Name Alfred Sauter taucht im ersten Durchsuchungsbeschluss der Generalstaatsanwaltschaft auf. Der CSU-Landtagsabgeordnete scheint in der Affäre zunächst nur eine Nebenrolle zu spielen. Am Mittwochvormittag wird der 70-Jährige plötzlich zu einem der Hauptdarsteller. Die Generalstaatsanwaltschaft München führt Sauter nach unseren Informationen nun auch als Beschuldigten. Privat- und Geschäftsräume werden durchsucht, auch sein Büro im Landtag. Bei Sauter steht ebenfalls der Anfangsverdacht der Bestechlichkeit eines Mandatsträgers im Raum. Der frühere bayerische Justizminister hat nach eigener Aussage lediglich in seiner Funktion als Anwalt gegen Honorar den Vertrag zwischen dem Masken-Hersteller aus Hessen und dem bayerischen Gesundheitsministerium ausgehandelt, für den Nüßlein unter anderem die 660 000 Euro eingestrichen haben soll. Die Ermittler haben offenbar andere Erkenntnisse.

Alfred Sauter.
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Schon wenige Stunden nach Beginn der Durchsuchungen reagiert die CSU-Spitze. Und wie. Sie fordert den langjährigen Landtagsabgeordneten auf, alle Parteiämter niederzulegen. Es wäre das abrupte Ende einer jahrzehntelangen Parteikarriere. Sauter war selbst einmal Chef der Jungen Union in Bayern, von 1979 bis 1987. In dieser Zeit zieht er für zwei Legislaturperioden in den Bundestag ein. Er kehrt nach Bayern zurück, wird Staatssekretär in drei Ministerien. Nach seiner Entlassung als Justizminister im Zuge einer Affäre um die Landeswohnungs- und Städtebaugesellschaft konzentriert sich Sauter stark auf seine Arbeit als Anwalt.

Wie kaum ein anderer ist er in Bayern vernetzt, er kennt die Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Politik. Das bringt ihm immer wieder Vorwürfe ein, auch in der eigenen Partei. Doch der dienstälteste Landtagsabgeordnete Schwabens pflegt einen entspannten Umgang mit seiner Tätigkeit. Als im Oktober 2012 im Landtag heiß über die Nebeneinkünfte von Abgeordneten debattiert wird, sagt Sauter, selbstverständlich habe er einen Nebenjob: Abgeordneter. Als Anwalt zahle er so hohe Steuern, dass er für seine Diäten als Abgeordneter praktisch selbst aufkomme. Das finden schon damals nicht alle witzig.


Alfred Sauter ist seit Jahren einer der Großverdiener im Landtag

Auch in der aktuellen Legislaturperiode ist er Jahr für Jahr in die höchste Stufe 10 eingruppiert – was Nebenverdienste von mehr als 250.000 Euro bedeutet. Auffällig ist, dass die Zahl der Anwaltsmandate von Sauter oder seiner Kanzlei im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegen ist. Waren es 2018 noch zwölf Mandate und im Folgejahr 15, gibt Sauter für 2020 insgesamt 55 Mandate an. Womöglich erklärt sich das auch damit, dass er seit 2019 eine Kanzleigemeinschaft mit einem weiteren CSU-Urgestein bildet: Peter Gauweiler.

Als CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer im Zuge der Masken-Affäre alle Abgeordneten dazu verdonnert, Verstrickungen in dubiose Geschäfte sofort offenzulegen, lässt Sauter ihn abblitzen. Kritikern begegnet er seit jeher mit provokanter Souveränität. Doch die Bereitschaft in der CSU, Sauter nach dem bayerischen Motto „A Hund is er scho“ weiter gewähren zu lassen, tendiert seit Mittwochvormittag gegen Null.

Aktuell mischt Sauter wieder bei einem umstrittenen Großprojekt mit. Am Münchner Flughafen soll eine Event-Arena entstehen. 200 Millionen will ein Investor hineinstecken. Das Convention Center soll in einer großen Halle und rund 40 Tagungsräumen Platz für 20.000 Besucher bieten, ein Hotel und ein großes Parkhaus. Das Problem: Die Staatsregierung sieht das Ganze kritisch. Im Finanzministerium befürchtet man eine „erhebliche Konkurrenzsituation“ zur Olympiahalle sowie eine „direkte und harte Konkurrenz“ zum Internationalen Congresszentrum der Messe München. Zudem warnen die Experten des Ministeriums vor einer Zunahme des Verkehrs in der ohnehin belasteten Gegend.

Das Dossier wurde versehentlich an die Antwort auf eine Anfrage der Grünen angehängt – und ist damit öffentlich geworden. Nun weiß man also, dass in dem Geheimpapier die brisante Formulierung steht: „Investor [unterstützt durch MdL Sauter]“. Auch hier geht es um die Frage, in welcher Eigenschaft Sauter für die Event-Arena tätig ist – als Mitglied des Landtages (dafür steht das Kürzel MdL) oder als Anwalt. Er selbst erklärt, der Investor werde von seiner Kanzlei anwaltlich beraten und vertreten, so auch in der Angelegenheit des Kongress- und Veranstaltungszentrums. Wichtig ist das vor allem aus rechtlicher Sicht: Laut Strafgesetzbuch liegt die Bestechung eines Mandatsträgers nur dann vor, wenn ein Politiker in seiner Funktion als Abgeordneter Geld für eine Gegenleistung fordert oder annimmt. Sauter weiß das natürlich und betont nicht zufällig von Anfang an, dass er in das Masken-Geschäft ausschließlich in seiner Eigenschaft als Anwalt involviert gewesen sei.

Auch Hubert Aiwanger steht vor kritischen Fragen in der Masken-Beschaffung

Das bringt uns zurück zur Frage, warum man überhaupt Anwälte, Politiker oder Lobbyisten gebraucht haben soll, um zu Beginn der Pandemie Aufträge für Schutzmasken zu ergattern. Dazu muss man wissen, dass Ministerien und Behörden im Frühjahr 2020 mit mehr oder weniger seriösen Angeboten geflutet wurden. Nicht jeder, der Masken verkaufen will, kommt zum Zug. Ein bayerischer Unternehmer, der lieber nicht öffentlich genannt werden will, ist überzeugt davon, dass man ohne „Vitamin B“ – also gute Beziehungen in die Politik – kaum Chancen auf die ganz großen Aufträge hat. Am 19. März bietet er dem bayerischen Wirtschaftsministerium Millionen Masken an, auch in der Staatskanzlei wird er vorstellig. Auf einen Rückruf wartet er nach eigener Aussage bis heute. Dabei schien sein Stückpreis von 18 Cent unschlagbar.

Das dicke Geschäft macht ein anderer: Reinhard Zettl. Er ist Geschäftsführer eines Autozulieferers im Örtchen Weng bei Landshut – und wird unverhofft zum Hoffnungsträger für Markus Söder und Hubert Aiwanger. Der Ministerpräsident und sein Wirtschaftsminister inspizieren am 2. April persönlich die Produktionshallen in der niederbayerischen Provinz, wo 80 bis 100 Mitarbeiter nun nicht mehr Sitzbezüge für Autos herstellen, sondern vor allem Masken „Made in Bavaria“.

Markus Söder, Reinhard Zettl und Hubert Aiwanger.
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Auch Journalisten werden zu dem Ortstermin eingeladen. Sie sollen ins Land hinaustragen, dass die Staatsregierung die Sache jetzt selbst in die Hand nimmt. Söder will den Freistaat unabhängig von Lieferungen aus dem Ausland machen. „Es ist ein großes Verantwortungsgefühl da“, sagt Zettl über die Umstellung seiner Produktion. Für den Unternehmer, der sich später mit zwei weiteren Firmen zum „Masken-Verbund Bayern“ zusammentut, ist der staatliche Auftrag ein Glücksfall. Während andere Autozulieferer Kurzarbeit anmelden müssen, weil bei Audi oder BMW die Bänder stillstehen, läuft sein Betrieb auf vollen Touren. Dankbarkeit gibt es gratis dazu.

Doch knapp ein Jahr später, im Zwielicht der Masken-Affäre, wirft das Geschäft auch kritische Fragen auf. Das Ministerium sieht sich zu einer Stellungnahme gezwungen. Es geht vor allem um den stattlichen Preis von fünf Euro netto pro Maske und darum, ob es Zufall war, dass der Niederbayer Aiwanger einen niederbayerischen Anbieter ins Boot geholt hat. Zwischen Weng und Aiwangers Bauernhof liegen keine 25 Kilometer. Der Minister reagiert gereizt: „Es ist unanständig und eine Rufschädigung an der Firma Zettl und an meiner Person, hier jetzt die Fakten zu verdrehen und mich in die Nähe von dubiosen Deals rücken zu wollen“, sagt der Chef der Freien Wähler. Er fügt hinzu: „Wir haben uns erfolgreich für das Leben und die Gesundheit der Bürger unseres Landes eingesetzt und lassen uns diese Arbeit nicht durch eine falsche Berichterstattung kaputtmachen.“

Georg Nüßlein könnte mehr verlieren als nur seine politische Karriere

Als der erwähnte Anbieter, der Masken für 18 Cent angeboten hatte, erfährt, dass der Staat eine zigfach höhere Summe bezahlt hat, versteht er die Welt nicht mehr. Wurde er übersehen? Oder bewusst übergangen? Ein Ministeriumssprecher bestätigt auf Nachfrage, das Angebot sei eingegangen. Es habe damals mehrere hundert solcher Hinweise gegeben. Im konkreten Fall sei die Lieferbarkeit allerdings nicht verifizierbar gewesen. „Es ging um eine eigene, aber noch aufzubauende Produktion“, sagt der Sprecher. Der Anbieter räumt ein, dass er die Produktionsmaschine erst hätte kaufen müssen. Er ist dennoch überzeugt, dass er schneller und günstiger produziert hätte als die meisten Konkurrenten.

Viele Angebote fallen damals durchs Raster, weil die Staatsregierung Masken mit so viel Schutz wie möglich haben will. FFP2-Masken, die heute in Geschäften oder im öffentlichen Nahverkehr vorgeschrieben sind, gibt es damals kaum. Die Zettl-Produkte bekommen das Prädikat CPA (Corona Pandemie Atemschutzmaske) und seien den ganz einfachen OP-Masken deutlich überlegen, wie Aiwanger bis heute betont. Er verweist auch gerne auf mangelhafte Lieferungen aus China, die aus dem Verkehr gezogen werden mussten – im Gegensatz zu den „bayerischen Qualitätsprodukten“.

Als die erste Corona-Welle Deutschland überrollt, mischt sich in die Angst auch eine Art Goldgräberstimmung. Während die einen ihre Existenz verlieren, machen andere Profit. Manche aus eigener Kraft, manche dank guter Kontakte, andere mit illegalen Mitteln. Für Georg Nüßlein war der Masken-Deal unter dem Strich kein gutes Geschäft. Seine politische Karriere ist ohnehin am Ende, er könnte aber sogar ins Gefängnis kommen. Das Strafmaß lässt sich meist deutlich reduzieren, wenn man ein Geständnis ablegt. Während die Mühlen der Justiz mahlen, fließt das Wasser vor dem Haus mit den roten Fensterläden einfach weiter. An einer Brücke vor Nüßleins Anwesen steht eine Heiligenfigur – eine Darstellung des Johannes Nepomuk. Dieser ist Brückenheiliger. Er ist aber auch der Schutzpatron der Beichtenden.