Pro: Vitamin-D-Mangel? Sie können in den Süden ziehen – oder in die Drogerie gehen
Fühlen Sie sich im Winter erschöpft, irgendwie deprimiert und ermattet? Sitzen Sie im dunklen Büro, während vor dem Fenster die Sonne gleißt? Dann gehören Sie wahrscheinlich zu den 60 Prozent der Deutschen, die nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt sind. Nun haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie kündigen Ihren Job und ziehen nach Sierra Leone oder Sie holen sich die Sonne in Tropfenform nach Hause. Hinweis: Bei der zweiten Option dürfen Sie Job, Freunde und Familie behalten. Denn Vitamin D gibt es inzwischen nicht mehr nur an der UV-Tankstelle unter freiem Himmel, sondern auch als Tablette in der Drogerie Ihres Vertrauens.
Falls Sie sich hingegen vegetarisch oder vegan ernähren, fehlt es Ihnen wahrscheinlich am tierischen Vitamin B12. Auch hier haben Sie zwei Optionen: Sie untergraben Ihren moralischen Kompass und essen feinste Leberwurst frisch aus der Massentierhaltung oder Sie schonen Ihr Gewissen und greifen zum Nahrungsergänzungsmittel. Sind Sie hingegen schwanger, sportlich aktiv oder über 60 Jahre? Dann können Folsäure, Magnesium oder Eisen Wunder wirken.
Wenn Sie all das nicht sind und sich ausgewogen ernähren: Dann können Sie auf Nahrungsergänzungsmittel verzichten. Aber seien Sie mal ehrlich: Verdrücken Sie jeden Tag die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse? Greifen Sie nicht doch mal zur Tiefkühlpizza anstatt zur Selleriestaude? Oder bevorzugen Döner, Burger und Pommes? Dann bieten Nahrungsergänzungsmittel eine bequeme Möglichkeit, diese Versorgungslücken zu schließen.
P.S.: Wenn Ihnen das zu heikel ist, greifen Sie bitte auch nicht mehr zum Jodsalz – denn das Jod wurde da nicht von Mutter Natur hereingezaubert. (Kilian Voß)
Contra: Wer sich ausgewogen ernährt, braucht weder Kapseln noch Extrakte
Leichte Müdigkeit? Schnell am B12-Trinkfläschchen nuckeln, eine Guarana-Kapsel schlucken und zur Sicherheit einen Magnesium-Stick leeren. Und nach dem Erweckungserlebnis? Drei Löffel Flohsamenschalen in die Trinkmahlzeit streuen, Milchsäurebakterien unterrühren und das Gemisch mit Betacarotin-Tabletten garnieren, dann strahlt der Darm und auch der Teint. Oder war’s das Haar? Egal, rein damit und den Magen mit drei Tröpfchen Fenchel-Anis-Extrakt besänftigen... muss man ja erst mal verdauen, was da im Drogeriemarkt serviert wird.
Nahrungsergänzungsmittel sollen den Geist fitter, die Nägel fester und die Haut straffer machen. Abnehmkapseln, Immun-Booster, Kalorienblocker, staunend blickt man auf die angeblichen Wundermittel und wundert sich, wie die Augen ohne Luteinkapseln überhaupt noch sehen können. Wie das Herz pumpt ohne Thiamin-Tinktur und das Immunsystem arbeitet ohne Abwehr-Brausetabletten. Bei all den gepressten und verflüssigten Stoffen kann einem schwindelig werden, aber keine Sorge, das hochdosierte, sibirische Ginkgo-Biloba-Extrakt soll helfen.
Die Präparate werden angepriesen wie lebensverlängernde Glückspillen, doch es sind Lebensmittel, die nicht mehr für die Gesundheit leisten wie Obst, Gemüse, Fisch oder Vollkornbrot. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht weder Kapseln noch Extrakte. Studien zeigen, dass die meisten Menschen hierzulande mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt sind. Baldriantropfen mögen leichter zu haben sein als guter Schlaf und eine Omega-3-Kapsel ist schneller geschluckt als der Fisch gebraten. Aber effektiver ist das nicht, nur lukrativer für die Hersteller, die einen Mangel suggerieren und das vermeintlich passende Mittel gleich parat haben. (Felicitas Lachmayr)