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Augsburg

22.07.2020

Streicht MAN Energy Solutions bis zu 1800 Stellen?

Die Firmen MAN Energy Solutions könnte in Augsburg bis zu 1800 Stellen streichen. 
Bild: Siegfried Kerpf

Plus MAN Energy Solutions will sparen. Im Unternehmen können deshalb fast 4000 Arbeitsplätze wegfallen - Augsburg träfe es am härtesten. Doch es gibt Hoffnung.

Das setzt selbst erfahrenen und leidgeprüften Arbeitnehmervertretern massiv zu. Der Augsburger IG-Metall-Chef Michael Leppek und der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende des Motorenbauers MAN Energy Solutions, Werner Wiedemann, sagen übereinstimmend: „Wir sind traurig. Wir sind wütend. Die Pläne für den Personalabbau sind völlig überzogen.“

Derart emotional reagieren sie auf den zweiten Job-Hammer in kurzer Zeit für den Industriestandort Augsburg: Nachdem die Airbus-Tochter Premium Aerotec einräumte, rund 1000 der noch 3500 Arbeitsplätze stünden in dem Flugzeugwerk auf der Kippe, folgte am Mittwoch die zweite traurige Nachricht für die Stadt: Denn der zum Volkswagen-Konzern gehörende Motoren- und Turbomaschinenbauer MAN Energy Solutions (einst MAN Diesel & Turbo) will die Kosten bis 2023 um 450 Millionen Euro senken. Um die enorme Einsparsumme zu erreichen und wieder deutlich profitabler zu werden, geht der Vorstand des Unternehmens um Firmen-Chef Uwe Lauber davon aus, „dass die Umsetzung des Programms einen Abbau von rund 3000 Arbeitsplätzen in Deutschland und 950 im Ausland zur Folge hat“.

Auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigte ein Firmen-Sprecher, dass der Standort Augsburg am härtesten von möglichen Einschnitten betroffen sein könnte. Dort stehen demnach bis zu 1800 von etwa 4000 Stellen auf der Kippe. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen mit Hauptsitz in Augsburg rund 14.000 Frauen und Männer.

Streicht MAN Energy Solutions bis zu 1800 Stellen?

MAN Energy Solutions will betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen

Der Personalabbau solle dabei weitgehend sozialverträglich erfolgen. Doch das Unternehmen machte auch deutlich: „Betriebsbedingte Kündigungen können nicht gänzlich ausgeschlossen werden.“ Die nun am Mittwoch in Mitarbeiterversammlungen den geschockten Beschäftigten digital oder vor Ort präsentierten Arbeitsplatz-Konzepte stellen allerdings ein Worst-Case-Szenario dar. Am Ende könnten also weniger Stellen als ursprünglich befürchtet gestrichen werden, wenn es gelingt, anderweitig deutlich Kosten einzusparen.

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Bild: Ulrich Wagner

Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter wollen nun ausloten, wie MAN Energy Solutions erfolgreich umgebaut werden kann, sodass unter dem Strich nicht derart viele Arbeitsplätze geopfert werden müssen. Dabei hat das Unternehmen kein Umsatz-, sondern ein Gewinnproblem, wie auch die Arbeitnehmerseite einräumt. Im vergangenen Jahr lag die Vorsteuerrendite (Ebit) nur bei 3,5 Prozent, während es 2018 noch 4,3 Prozent waren. Doch beide Werte sind weit weg von den einstigen zweistelligen Kennziffern.

Betriebsratsvorsitzender Wiedemann will das Unternehmen zwar dabei unterstützen, dass es mit dem Restrukturierungsprogramm wieder eine Vorsteuerrendite von rund neun Prozent erzielt, er hält den drohenden Job-Abbau aber in seiner Dimension „für völlig überzogen“. Das käme einem Kahlschlag gleich, sagt er. Wiedemann und auch der regionale IG-Metall-Chef Leppek befürchten, dass der Augsburger Standort bei einem Wegfall von 1800 der 4000 Arbeitsplätze zu einem reinen Entwicklungs-, Endmontage- und Testwerk degradiert werden könnte. „Wir werden nicht zulassen, dass die Rolle von Augsburg als großer Produktionsstandort infrage gestellt wird und der MAN-Betrieb zu einem Handelshaus verkommt“, warnt Leppek schon einmal die Arbeitgeberseite.

MAN-Vorstand überlegt, Teile der Fertigung ins Ausland zu verlagern

Dabei gibt es seitens des MAN-Energy-Vorstands Überlegungen, die Fertigungstiefe zu verringern, also die Produktion von bestimmten Bauteilen in das kostengünstigere Ausland zu verlagern. Das Unternehmen sieht das Umbauprogramm als notwendig an, auch weil es sich auf eine längere Zeit stagnierender Umsätze als Folge der Corona-Krise einstellt. Dabei sind mehrere Standorte des Unternehmens von der Restrukturierung betroffen: So soll die Dampfturbinenfertigung in Hamburg eingestellt werden. Dort arbeiten etwa 155 Beschäftigte. Geprüft wird auch die Verlagerung der Berliner Fertigung mit 430 Mitarbeitern innerhalb des Produktionsverbundes.

Uwe Lauber ist Vorstandschef von MAN Energy Solutions. 
Bild: Ulrich Wagner

Dabei will MAN Energy Solutions das Sparziel von 450 Millionen Euro nicht nur über einen Personalabbau erreichen, auch Material- und Sachkosten sollen gesenkt werden, ja das Unternehmen werde insgesamt effizienter aufgestellt. „Wir müssen uns auf ein längerfristig schwieriges Marktumfeld einstellen“, sagt Unternehmens-Chef Lauber zur Begründung.

Zwar sind die Arbeitnehmervertreter über das heftige Sanierungsprogramm entsetzt, sie erklären sich aber bereit, Ideen einzubringen, mit denen MAN Energy Solutions effizienter und damit auch wieder gewinnträchtiger arbeiten kann. Betriebsratsvorsitzender Wiedemann fordert nun eine „vernünftige und zielführende Restrukturierung“ ein. Zielführend wäre es für ihn aber nicht, wenn etwa die Augsburger Gießerei mit rund 300 Mitarbeitern geschlossen würde, wie es wohl in einem Radikal-Szenario schon einmal diskutiert worden ist. Der Arbeitnehmer-Vertreter will am Beispiel des Werksteils, in dem große Motorblöcke gegossen werden können, aufzeigen, wie der angedrohte Stellenabbau nicht in dem Maße Wirklichkeit wird.

Wiedemann wirbt nämlich dafür, „die unterausgelastete Gießerei durch Aufträge anderer Unternehmen wieder profitabel zu machen“. Die Chancen dafür sind seines Erachtens gut. Denn in Europa gäbe es nur noch drei Gießereien dieser Art – und eine davon habe auch noch Insolvenz angemeldet. MAN Energy Solutions könnte also vom massiven Gießereisterben in Europa profitieren und damit Arbeitsplätze in Augsburg absichern. Wiedemann warnt: „Die Gießerei ist eine unserer Kernkompetenzen. Wir dürfen sie nicht aufgeben. Es wäre leichtsinnig, uns von Gießereien in Asien abhängig zu machen.“ Nun kämpft er mit IG-Metall-Vertreter Leppek dafür, „Augsburg als Produktionsstandort zu erhalten“. Dabei hängen die Firmen der Stadt natürlich am Tropf der Weltkonjunktur. Das Augsburger Werk von MAN Energy Solutions etwa leidet als wichtiger Motorenlieferant darunter, dass der Markt für Kreuzfahrtschiffe eingebrochen ist.

Schwere Zeiten für MAN-Mitarbeiter: Firma könnte nach wie vor verkauft werden

Die Beschäftigten des Unternehmens leben jetzt in doppelter Unsicherheit: Einerseits wissen sie nicht, wie viele Arbeitsplätze letztlich wegfallen und ob sie selbst betroffen sind, andererseits steht das Unternehmen nach wie vor zum Verkauf. Die Muttergesellschaft Volkswagen hält an dem Plan fest, MAN Energy Solutions ganz zu veräußern oder mit einem Partner zusammen zu bringen. Der Prozess gestaltet sich weiter schwierig. Nach Informationen unserer Redaktion gibt es zwar mit dem japanischen Mitsubishi-Konzern und dem US-Motorenbauer Cummins Interessenten an dem deutschen Unternehmen. Aber wie es heißt, könne keiner der Kandidaten garantieren, dass die Firma als Ganzes erhalten bleibt, also neben dem Motorenbau auch das Turbinen- und Kompressorengeschäft langfristig Bestand hat. Hauptstandort für den Turbo-Bereich ist Oberhausen. Dort sind rund 1700 Menschen beschäftigt. Nun sind dort bis zu 560 Stellen gefährdet.

All diese Abbauziele will Gewerkschafter Leppek nicht hinnehmen: „Für uns ist es völlig inakzeptabel, darüber auch nur nachzudenken.“ Wie der Betriebsratsvorsitzende Wiedemann fordert er gerade die bayerische Staatsregierung auf, „MAN in Augsburg zu helfen und sich auch gegenüber den Anteilseignern des Mutterkonzerns VW für den Erhalt der Arbeitsplätze stark zu machen“.

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