Sonntag, 19. November 2017

13. November 2017 18:30 Uhr

Premiere

Faust und Gretchen beim Pole-Dance

Männerblicke auf Frauenkörper. Bluespots Productions setzt den klassischen Stoff in einen neuen Zusammenhang. Das kommt wie bestellt zur aktuellen Sexismus-Debatte. Von Stefanie Schoene

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Der Regisseur (Martin Schülke) und seine Assistentin (Kim Ramona Ranalter) alias Faust und Gretchen erzählen den klassischen Goethe-Stoff mit einem neuen Blick auf die Geschichte.
Foto: Wolfgang Diekamp

Fuggerstraße. Drei Treppen runter, schwarzes Ledersofa, rotes Licht im Barraum. Eine barbusige Schöne aus Gips empfängt die Gäste der Tabledance-Bar. Rechts die Strip-Bühne, Spiegel, noch mehr Rot, Séparées im Halbrund. Von der Bar aus lästern Produktionsleiter (Holger Seitz) und Regisseur (Martin Schülke) samt Assistentin (Kim Ramona Ranalter) über zwei Casting-Kandidatinnen. Nervös-schüchtern kneten die beiden ihre Finger. Dann spielen sie die Szene von Fausts Gretchen, die den Schmuck findet, der sie für immer an Faust binden soll. „Warum nur wollen alle Schauspielerinnen immer Gretchen sein?“ brüllt der Produktionsleiter von hinten. Er testet die jungen Frauen. Sind sie dabei, wenn es ums Ausziehen, um Menstruation und Sex auf der Bühne geht? Ja, sagen sie. Schließlich wollen sie eine Rolle. Doch der Chef steht auf die langsame Unterwerfung. Frauen sollten Nein-Sagerinnen sein, findet er. Schließlich ist es der Prozess der Demütigung, der ihn antörnt. Es sind eindeutige, unsympathische Signale, die er schon zu Beginn der Premiere von „Leck mich Faust“ in der schummrigen Tabledance-Bar aussendet.

Er ist eben jene fiese Art Macho, die derzeit reihenweise im Show- und Sportbusiness geoutet wird. Ein Machtmensch, der Abhängigkeiten ausnutzt, Frauen demütigt und sich auf ihre Kosten amüsiert. Die neue Sexismus-Debatte und aktuelle Empörungsmaschine rund um die Vergewaltigungsvorwürfe in Film, Politik und Gesellschaft verleihen der Tragödie „Leck mich Faust“ von Bluespots Productions eine unvorhergesehene tagesaktuelle Brisanz.

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Gretchens Erzählung

Das Ensemble mit den ungewöhnlichsten Aufführungsorten Augsburgs nimmt das klassische Goethe-Drama und interpretiert es neu. Packend ist nicht nur die Idee, das Setting der unseligen Beziehung zwischen dem depressiven Faust und Gretchen inhaltlich wie auch zur Aufführung in eine Tabledance-Bar zu verlegen. Die Autoren Leonie Pichler und Alexander Rupflin stellten zudem Gretchens Perspektive in den Mittelpunkt. Oder - wie es die Produktionsassistentin, das spätere Gretchen auf der kleinen Poledance-Bühne erklärt: „Wir nehmen eine über Jahrhunderte von Männern erzählte Geschichte und machen sie zu Gretchens Erzählung, wir machen history zu her story.“

Dem Faust in der Figur des Regisseurs gefällt ihr Vorschlag, er beißt an. Sein Assistentinnen-Gretchen wird er als Heilige, Hure und Unnahbare aufbauen. Drei innere Stimmen (Anja Neukamm, Lieselotte Fischer und Asisa Hafez) begleiten sie wie Schatten, warnend, ermutigend und ängstlich deklamierend. Sie verkörpern ihre innere Zerrissenheit, ihr Bemühen, es dem Regisseur und ihren eigenen Ansprüchen an ein modernes, starkes Frauenbild recht zu machen. Im Folgenden entwickelt sich die Handlung in den wesentlichen Punkten entlang des klassischen Plots von Faust I: Gretchen wird von Faust schwanger, tötet auch das Neugeborene und wird für diesen Kindsmord hingerichtet.

Zwischen Begehren, Ekel, Frust

Jede der Hauptfiguren hat eine Tänzerin (Hanna Knop, Sarah-Lena Brieger, Anja Böhm), die an den Polestangen in wunderbarer Körperarbeit ausdrückt, was die Charaktere umtreibt: Mephisto schwankt zwischen Begehren, Ekel und Frust. Faust gibt sich als Verführer, Blender und Narzisst. Gretchen zerreibt sich zwischen Zweifel und innerer Stärke.

Großartig der Monolog des Regisseurs/Fausts, als er von Gretchens Schwangerschaft erfährt – „vielleicht bist du ja nur krank? Krebs oder so?“ – und seiner Wut über die mysteriöse Beziehung zwischen Frauenarzt und Frau freien Lauf lässt. Mutig und provokant auch die Spielfreude und Bühnenpräsenz von Ranalter, die weder Erregung noch Orgasmus ihres Gretchens scheut.

Bei den Kostümen entschied die Truppe auf Schwarz mit wenigen poppigen Accessoires. Bühnenrequisit ist einzig das Striplokal. Das reicht. Schließlich geht es um Macht, um den männlichen Blick auf den weiblichen Körper und, ja, auch ein feministischer Anspruch wird ausdrücklich formuliert. Doch die Kritik verpufft am Ende. Die Verbrüderung des Ensembles mit dem Inhaber der Tabledance-Bar zum Schlussapplaus ist allzu innig. Letztlich bleibt der Eindruck von Werbung für den Unternehmer, der mit nackten Frauen als Objekt von Männerblicken Geschäfte macht.

Alle sieben Vorstellungen sind ausverkauft. Eine Wiederaufnahme ist fürs Frühjahr geplant.

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