Montag, 29. Mai 2017

24. November 2014 13:52 Uhr

Psychologie

Weihnachten ist für Perfektionisten gefährlich: So werden Sie lockerer

Weihnachten ist für Perfektionisten gefährlich: Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli erklärt, was Perfektionismus mit Angst zu tun hat und wie es gelingt, lockerer zu werden.

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Perfektionisten haben es zur Weihnachtszeit nicht leicht: Alles muss den eigenen, hohen Erwartungen entsprechen. Ein Experte erklärt, wie das Fest dennoch entspannt genossen werden kann.
Foto: Bernhard Weizenegger, Symbol

Herr Professor Bonelli, ist Weihnachten eine besonders gefährliche Zeit für Perfektionisten?

Ja, an Weihnachten eskaliert oft das perfektionistische Denken, weil das IST nicht mit dem SOLL zusammenkommt. Diese Diskrepanz ist für Perfektionisten bedrohlich und ärgerlich und führt häufig zu Konflikten. Ein „Weihnachtsperfektionist“ hat ja sehr konkrete Vorstellungen, wie Weihnachten sein soll, und ist durch diese Vorstellungen nicht mehr flexibel. Er sieht das SOLL nicht mehr als SOLL, sondern als MUSS.

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Könnten Sie das näher erläutern?

IST, SOLL und MUSS erklären Perfektionismus sehr gut. IST ist die Realität im Hier und Jetzt, das SOLL das erstrebenswerte Ziel. Ein Perfektionist hält die Spanne zwischen IST und SOLL nicht aus, für ihn wird das SOLL zum MUSS. Das Weihnachtsessen zum Beispiel muss großartig sein.

Hohe Ziele machen noch keinen Perfektionisten

Bin ich denn schon ein Perfektionist, wenn ich etwas besonders gut machen will, zum Beispiel den perfekten Weihnachtsbraten?

Nein, es gibt auch ein normales, gesundes Perfektionsstreben, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Wer sich selbst keine hohen Ziele setzt, verkommt zum Spießer und bleibt im Mittelmaß. Die Spanne zwischen dem SOLL, das hoch gesteckt ist, und dem IST, das darunter liegt, macht ein Wachstum des Menschen möglich. Es ist auch falsch, was viele herkömmliche Ratgeber empfehlen: Dass 80 Prozent Leistung reichen und man keine 100 Prozent geben muss. Wenn wir unser Auto zum Mechaniker geben oder wegen einer Krebserkrankung den Onkologen aufsuchen, erwarten wir schon 100 Prozent! Wir bewundern es auch, wenn Menschen etwas wirklich gut können. Michelangelo zum Beispiel hat seinen David perfekt gemacht. Es ist keine Lösung zu sagen, man macht alles nur noch halb oder dreiviertel so gut.

Was ist denn das Krankhafte am Perfektionismus?

Der Perfektionist ist angstgetrieben, er hat Angst vor Tadel und will unangreifbar, makellos sein. Ihm geht es nicht um die Sache an sich, sondern um die Außenwirkung. Er will soziale Ausgrenzung vermeiden und geliebt werden, er ist sehr abhängig von der Wertschätzung anderer. Perfektionismus ist die ängstlich-neurotische Art, Perfektion zu suchen. Das Krankhafte am Perfektionismus ist die Angst.

Welche Folgen hat Perfektionismus für den Betroffenen?

Es ist faszinierend, dass es sehr viele Studien gibt, die den Zusammenhang zwischen perfektionistischem Denken und psychischen Störungen aufgreifen – wie Essstörungen oder Burnout. Der Grund: Perfektionismus ist ein Lebensgefühl, und zwar ein schlechtes Lebensgefühl. Es baut inneren Druck auf. Der Perfektionist ist immer unter Anspannung, hat das Bedürfnis, immer mehr zu leisten – aber seine Lebenszufriedenheit nimmt immer mehr ab. Der innere Stress macht ihn mit der Zeit psychisch krank. Ein Burnout-Patient geht an der Arbeit, die ein anderer gut verkraftet, zugrunde, weil er sich zu viel Stress macht.

Perfektionismus kann behandelt werden

Weiß man denn, wie es zu Perfektionismus kommt?

Es gibt da drei Ebenen. Erstens die Genetik – es gibt wohl eine gewisse Vererblichkeit und folglich Kinder, die von den Genen her näher an der Angst gebaut sind. Perfektionismus hat mit Neurotizismus zu tun, von dem man weiß, dass er zu 50 Prozent vererbt wird. Die zweite Ebene ist die Erziehung; viele meiner Patienten haben eine perfektionistische Mutter oder – seltener – auch einen perfektionistischen Vater. Bei einer angstvollen, leistungsorientierten Erziehung kann es eher zu Perfektionismus kommen. Manche Kinder kommen damit zurecht, aber andere, die anfällig sind, reagieren sehr stark darauf. Die dritte Ebene ist die persönliche Entscheidung, jeder Mensch ist frei, zu sagen, wie gehe ich mit meinen Ängsten, mit meinem Bauchgefühl und meinen Bedürfnissen um.

Gerade in jüngerer Zeit gibt es sehr viel Forschung zum Perfektionismus. Aus welchem Grund ist das so?

Der Perfektionismus wird häufiger, wobei wir dafür noch nicht wirklich Erklärungen haben. Die Genetik ist ja noch die gleiche! Aber die Erziehung wird ängstlicher. Wir beobachten, dass Beziehungen – ob Partnerschaft oder Eltern-Kind-Bindung – immer instabiler werden, wodurch das Angstniveau steigt. Viele Kinder sind schon früh mit Verlustängsten konfrontiert. Zum anderen ist unsere Gesellschaft sehr leistungsorientiert geworden, sie beurteilt den Wert des Menschen immer mehr nach seiner Leistung. Viele Menschen schätzen ihren Selbstwert nur nach dem ein, was sie leisten, und wer seine Arbeit verliert, denkt, dass er wertlos sei. Solche Denkfehler werden strukturell unterstützt. Wenn immer mehr Leute perfektionistisch denken, wird die Gesellschaft insgesamt perfektionistischer, und es wird immer schwieriger, Fehler zuzugeben.

Wie kann man Perfektionismus behandeln?

Erste Säule der Behandlung ist sicher die Selbsterkenntnis. Ursache des Perfektionismus ist die Angst, einen Fehler zu machen und nicht mehr liebenswert zu sein. Es geht tatsächlich um Liebe! Der Patient glaubt, dass er nur liebenswert ist, wenn er eine tolle Leistung, eine Super-Performance abliefert.Wenn er das erkennt, ist das schon sehr viel wert, es ist der Beginn, etwas an der Angst zu verändern. Zweitens sollte er der Angst auch nicht aus dem Weg gehen, sie zu vermeiden versuchen – dann wird die Angst kleiner. Er sollte schauen, wo er mittelmäßig ist, und damit locker und gelassen umgehen. Ich nenne das Imperfektionstoleranz – es zu ertragen, dass man nicht perfekt ist, und sich selbst anzunehmen in der eigenen Durchschnittlichkeit. Dann kann man auch kritisches Feedback zulassen und sich daran weiterentwickeln. Ein Chef, der jede Kritik ablehnt, wird so bleiben wie er ist, einer, der Kritik zulässt, kann sich verbessern! Dritte Säule schließlich ist der Humor, die Kunst, über sich selbst zu lachen. Sie gibt die Lockerheit, die den Perfektionismus vertreibt.

Wie ein Perfektionist Weihnachten genießen kann

Am Ende Ihres Buches schreiben Sie über Perfektionisten: Was sie dringend benötigen, ist eine Innerlichkeit, die ihre innere Leere füllt. Was genau meinen Sie damit?

Innerlichkeit – das kann für den einen Kunst, für den anderen Religion, für den dritten gelebte Nächstenliebe sein – irgendetwas, was für ihn erfüllend ist und seinem Leben Sinn gibt. Perfektionismus orientiert sich an der Wertschätzung von außen, das ist maskenhaft und leer. Wenn der Patient in sich ruht und das Leben eine Richtung und einen Sinn hat, kann er es sich leisten, den Perfektionismus abzulegen.

Wie könnte das Weihnachtsfest für ihn gelingen?

Wenn er über seine Vorstellungen reflektieren und darüber lächeln kann, dass der Braten nicht pünktlich fertig geworden ist und er sich klarmacht, dass Weihnachten eine andere Bedeutung hat. Wenn er sich über seine Prioritäten klar wird – zum Beispiel, dass es wichtiger ist, dass die Familie zusammenkommt – kann er von seinen stressauslösenden Vorstellungen Abschied nehmen und akzeptieren, dass Weihnachten auch mal anders sein kann! Dann wird das Fest freier und attraktiver.

 

Dr. Dr. Raphael M.Bonelli ist Neurowissenschaftler an der Sigmund-Freud-Privat-Universität Wien und betreibt in Wien auch eine eigene psychiatrische Praxis. Kürzlich erschien sein Buch Perfektionismus (Pattloch Verlag, München, 19,99 Euro)

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Schlagworte

Weihnachten | Wien | München

Ein Artikel von
Sibylle Hübner-Schroll

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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