Samstag, 29. Juli 2017

20. Dezember 2012 19:21 Uhr

Ehrenamt

Augsburger Arzt behandelt Menschen ohne Krankenversicherung

Rolf Peter Lindner behandelt Patienten, die keine Krankenversicherung haben. Viele von ihnen sind Migranten, auch aus Europa. Ohne Arbeit fallen sie durchs soziale Netz.

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Dr. Rolf Peter Lindner aus Augsburg behandelt einige Stunden in der Woche Patienten ohne Krankenversicherung.
Foto: Ulrich Wagner

Es ist so still im Wartezimmer, dass sogar das Ticken der großen Wanduhr zu hören ist. Eine junge, sehr schlanke Frau mit blonden Locken blättert konzentriert in einem Bildband. Als eine zweite Frau hereinkommt, eine dunkelhäutige mit tief in die Stirn gezogener Wollmütze, grüßt und sich in den Sessel daneben fallen lässt, schaut die Blonde nur kurz auf. Die beiden kennen sich nicht.

So ruhig ist es nicht immer in der Mittwochssprechstunde von Rolf Peter Lindner. „Es kommt vor, dass hier zehn Roma auf einmal sitzen, alle mit schlechten Zähnen“, erzählt der Arzt später an seinem Schreibtisch und lächelt.

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Jeden Mittwoch zwei Stunden für Menschen ohne Krankenversicherung

Seit drei Jahren behandelt er ehrenamtlich im Auftrag des Malteser-Hilfsdienstes Menschen, die keine Krankenversicherung haben und akut ärztliche Hilfe brauchen.

Immer mittwochs, von 11 bis 13 Uhr, schlüpft der Psychotherapeut und Psychoanalytiker in den weißen Kittel des Allgemeinmediziners, der er früher war. In vielen Fällen ist er vor allem erster Ansprechpartner. Je nach Krankheitsbild vermittelt er die Patienten an Kollegen anderer Fachrichtungen weiter, die ebenfalls keine Rechnung stellen.

Deutsche ohne Krankenversicherung sind nicht mehr so häufig

Als er anfing mit der unentgeltlichen Behandlung, seien noch öfters deutsche Patienten gekommen, zumeist verarmte Geschäftsleute, die sich die Beiträge ihrer privaten Versicherung nicht mehr leisten können. Das habe nachgelassen. Aber die Arbeit geht nicht aus: „Meine Patienten kommen aus der ganzen Welt“, sagt Lindner.

Sie finden die noble Adresse gegenüber des Augsburger Rathauses zumeist durch Hinweise von Hilfsorganisationen und Sozialeinrichtungen. So wie Lilia Mateva aus Rumänien und Niambora Asanti aus Ghana (Namen geändert).

Legal in Deutschland, aber keine Krankenversicherung

Die blonde und die schwarze Frau fallen nicht als offensichtlich hilfsbedürftig auf. Beide sind modisch und gut gekleidet. Die Odyssee, die sie hinter sich hatten, bis sie in der mit exotischer und moderner Kunst ausgestatteten Praxis landeten, sieht man ihnen nicht an

Aber beide haben ein gravierendes Problem. Sie sind legal in Deutschland, haben jedoch vorerst keine Chance, in eine Krankenversicherung aufgenommen zu werden. Niambora Asanti ist schwanger, Lilia Mateva war es bis vor einer Woche auch.

Rolf Peter Lindner führt ein internationales Leben

Dass ein ähnliches Schicksal sie verbindet, erfahren die beiden erst im gemeinsamen, auf Englisch geführten Gespräch. Lindner hat die Frauen in seine Praxis gebeten, weil ihre Lage typisch ist – auch für die pauschale Ablehnung, die Ausländer in Deutschland zunächst oft zu spüren bekommen.

Bei dem 63-jährigen Arzt trifft das einen Nerv. Denn ein „internationales Leben“ führt der Vorsitzende des Augsburger „Forum interkulturelles Leben und Lernen“ (Fill) schon seit seinem Studium in England, Jamaika und Indien.

Arme Länder manchmal gastfreundlicher als Deutschland

Besonders in armen Ländern habe er viel Gastfreundschaft erlebt, erzählt der Afrika- und Asien-Kenner, der an Hilfseinsätzen im sudanesischen Kriegsgebiet und am Indischen Ozean nach dem Tsunami beteiligt war.

Deshalb kann er auch richtig zornig werden, wenn er erfährt, dass Ausländer bei uns schlecht behandelt werden: „Natürlich können wir nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen. Aber man muss mit jedem Menschen respektvoll und fair umgehen.“

Malteser-Arzt Lindner rettet Leben

Wenn er so schimpft, denkt er an manchen Zwist mit der Ausländerbehörde in Augsburg. Und er hat Fälle wie den von Lilia Mateva vor Augen. „Arrogant“ sei man in der Verwaltung des Klinikums mit ihr umgegangen, als sie mit einer hochproblematischen Zwillingsschwangerschaft Hilfe brauchte, erzählt die 35-Jährige. Eines ihrer Babys sei schwer geschädigt gewesen, für sie selbst habe Lebensgefahr bestanden.

Doch man habe ihr gesagt, sie solle „nach Hause“ gehen. Erst die Intervention des Malteser-Arztes ermöglichte der Frau ohne Krankenschein den notwendigen Schwangerschaftsabbruch. „Im Kreißsaal waren alle gut zu mir“, sagt Lilia Mateva. Aber dankbar ist sie vor allem Doktor Lindner: „Er hat mir das Leben gerettet.“

Sozialversicherungssystem ein "Teufelskreis"

Die dramatische Situation hätte gar nicht eintreten müssen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen nicht so inhuman wären: Lilia Mateva, die vor einem Jahr mit ihrem portugiesischen Lebensgefährten nach Augsburg kam, weil dieser hier für eine Zeitarbeitsfirma tätig ist, bekommt als Rumänin in Deutschland keine Arbeitserlaubnis.

Wer nicht arbeitet, hat keinen Zugang zum Sozialversicherungssystem. „Ein Teufelskreis“, sagt Lilia Mateva in einwandfreiem Deutsch. „Ich würde mich ja gerne freiwillig versichern. Mein Freund würde den Beitrag bezahlen. Aber ich darf nicht.“

Fünf Sprachen aber keine Krankenversicherung

„Eine gebildete Frau, die fünf Sprachen spricht und bei uns rumhängt, obwohl wir ihre Arbeit gut gebrauchen könnten!“, ereifert sich Lindner. Ein halbes Jahr lang hat Lilia Mateva an einem Deutschkurs teilgenommen und in dieser Zeit auch staatliche Unterstützung bekommen.

Die Gegenleistung, die sie jetzt dafür bringen könnte, bleibt der vielseitig begabten Frau verwehrt. Sie hatte nach ihrem abgebrochenen Philosophie- und Journalistikstudium als Buchhalterin und Autoverkäuferin Geld verdient und spricht neben Rumänisch, Englisch und Deutsch auch Portugiesisch und Italienisch.

Soziale und politische Probleme in der Praxis von Lindner

Soziale und politische Probleme überlagern oft die medizinischen in der Praxis von Dr. Lindner, und diese sind nach Überzeugung des Arztes oft auch die Ursache für Erkrankungen. Nichts tun zu dürfen mache die Menschen depressiv, sagt er. Besonders wenn das Leben zuvor schon einen so erschütternden Verlauf genommen hat wie das von Niambora Asanti aus Ghana.

Die 29-jährige Frau mit dem prallen Bäuchlein wischt sich immer wieder Tränen aus den Augen, während sie von ihrer Flucht in einem Boot über das Mittelmeer erzählt. Mehrere Mitreisende starben unterwegs, ihre Leichen wurden ins Wasser geworfen. „Sie waren so schwach“, sagt die Frau tieftraurig.

Arm, aber wenigstens keine Abschiebung

Sie selbst kam zwar unversehrt in Spanien an. Doch dann verliebte sie sich unglücklicherweise in einen aus Togo stammenden Urlauber mit deutscher Staatsangehörigkeit. Als sie nach seiner Abreise merkte, dass sie schwanger ist, machte sie sich auf die Suche nach ihm.

Sie fand ihn vor zwei Monaten nach einer strapaziösen Reise in Augsburg. Aber es war ein Schock. Der Mann ist verheiratet und hat schon drei Kinder. Ein Zusammenleben mit ihm ist damit ausgeschlossen.

Immerhin erkennt er ihr Kind auch als seines an. So bleibt ihr die Abschiebung erspart. Niambora Asanti ist geduldet, aber fast mittellos. In diesen Tagen soll das Mädchen auf die Welt kommen. Lordina wird es heißen, nach dem „Lord“, dem Gott der Christen.

Gesucht: Ein Pate für den schwarzen Säugling

Seine Zukunft ist ungewiss. Das Frauenhaus wird sein vorläufiges Zuhause sein. Seine Mutter hat dort eine Bleibe gefunden, fühlt sich aber noch sehr fremd. Und sein Vater will 150 Euro im Monat zahlen. Einen Kinderwagen hat er auch schon besorgt, mehr ist nicht zu erwarten.

Die schwarze Frau hat sich müde geredet. Sie weint. Lilia Mateva, die alles mit angehört hat, nimmt sie in den Arm. „Wenn jemand eine Patenschaft für das Baby übernehmen würde und Niambora in einem Haushalt arbeiten könnte, wäre das Problem zu lösen“, sagt der Arzt. Jetzt ist er wieder der Vermittler, der seine Patienten als Schützlinge betrachtet.

Beim Abschied bittet er Lilia Mateva, die Rumänin, sich um Niambora zu kümmern und ihr zu helfen, dass sie einen Deutschkurs besucht. Die beiden Frauen, die sich nicht gekannt hatten, gehen zusammen hinaus in die winterliche Stadt.

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