Sonntag, 24. Juli 2016

20. Januar 2016 22:40 Uhr

Dschungelcamp 2016

Frau Expertin, warum schauen sich Millionen das Dschungelcamp an?

Am Samstag endet das RTL-Dschungelcamp - und polarisiert nach wie vor. Die einen verabscheuen die Show, die anderen fühlen sich gut unterhalten. Eine Expertin hat die Erklärung.

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Frau Lünenborg, das Dschungelcamp läuft mittlerweile in der zehnten Staffel und ist noch immer sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Margreth Lünenborg: Die Idee hinter jeder Reality-TV-Show ist, dass vermeintlich normale Menschen oder im Fall des Dschungelcamps C- oder D-Promis, also Menschen, die nicht an vorderster Front in der Öffentlichkeit stehen, plötzlich ins Zentrum rücken. Diese Verschiebung macht Reality-TV-Sendungen für Zuschauer interessant: Hier geht es nicht um Eliten, sondern um „normale Menschen“.

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Und was genau macht den Reiz an solchen Sendungen für die Zuschauer aus?

Lünenborg: Die Sendungen bieten eine Arena von Emotionen und Affekten, wie ich es nenne. Das reicht von Wut über Trauer, Freude, Begeisterung bis hin zu Ekel. Einerseits kann man sich von dem, was vor der Kamera passiert, distanzieren und sich darüber lustig machen: „Zum Glück passiert mir das nicht.“ Das entlastet die Zuschauer.

Und andererseits?

Lünenborg: ...können wir mit den Kandidaten mitfühlen. Das wird durch Kameraführung und den Einsatz von Musik unterstützt. Jede Träne wird uns in extremer Nahaufnahme gezeigt. Und drittens bieten diese Formate Potenziale, schadlos Konflikte zu verfolgen.

Von Dschungelcamp-Fans hört man oft das Argument: „Da kann ich mich so schön fremdschämen.“ Spielt das eine Rolle?

Lünenborg: Fremdschämen ist ein begriffliches Konstrukt, das im Umfeld von Reality-TV-Shows prominent geworden ist. Es ist auch eine Emotion, die durch das Zuschauen ausgelöst wird. Zum einen schäme ich mich, weil das, was ich sehe, peinlich ist. Zum anderen bin ich auch schadenfroh. Im Alltag wird Schadenfreude reguliert und nicht ausgelebt. Bei Reality-TV-Sendungen kann ich das aus der Distanz betrachten, ohne dass es jemandem passiert, dem ich verbunden bin. Beim Gefühl des Fremdschämens vergewissert sich der Zuschauer seiner eigenen Normalität.

Wenn man sich Sendungen wie das Dschungelcamp, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Topmodel“ anschaut, hat man den Eindruck: Das wird immer schlimmer. Die Sender machen Dinge, die immer krasser werden. Stimmt das?

Lünenborg: Das haben wir 2010 untersucht. Wir haben uns über den Zeitraum von zehn Jahren verschiedene Reality-TV-Sendungen angesehen. Und so pauschal kann man das nicht sagen. Manche Sendungen werden immer krasser, zum Beispiel „Deutschland sucht den Superstar“: Da gehört es zum Konzept, dass die Beleidigungen von Dieter Bohlen verletzend und entwürdigend sind. Bei anderen Formaten reguliert das zum Beispiel der Werbemarkt. Wir sehen das bei „Germany’s Next Topmodel“: Im Umfeld der Sendung werben edle Kosmetikmarken, die nicht mit aggressiven Äußerungen in Verbindung gebracht werden wollen. Entsprechend intervenieren Produzenten ab einem bestimmten Punkt. Bei anderen Aspekten, wie dem der Nacktheit, greift der Jugendschutz. Hier reizen die Sender den Spielraum so weit wie möglich aus. Und schließlich gibt es Formate wie „The Voice of Germany“: Da werden bewusst positive Jury-Urteile gesprochen, man setzt hier stärker auf Empathie.

Gibt es denn beim Publikum einen Punkt, ab dem es sagt: „Jetzt ist aber Schluss“ – und ab dem es wegschaltet?

Lünenborg: Wir haben das mit einer Gruppe Teenager und deren Eltern diskutiert. Einigkeit herrschte darüber, dass es bei Trauer und Tod eine ethische Grenze gibt, die nicht überschritten werden sollte.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Lünenborg: Der Kandidatin einer Castingshow wurde scheinbar vor laufender Kamera gesagt, dass ihr Vater gestorben sei. Das TV-Publikum konnte beobachten, wie sie auf die Nachricht reagiert, ihre Tränen verfolgen. Da haben die Jugendlichen und ihre Eltern einmütig gesagt: „Das geht zu weit, das wollen wir nicht sehen. Das ist zu privat.“ Aber zum Beispiel beim Thema Nacktheit sind Jugendliche viel toleranter als ihre Eltern. Was bestimmt daran liegt, dass sie das Fernsehformat Reality-TV seit ihrer Kindheit kennen. Hier gibt es ein differenziertes Wissen um das Genre, keinen naiven Glauben an Authentizität.

Wie lässt sich erklären, dass eine Show wie das Dschungelcamp immer noch so stark polarisiert?

Lünenborg: Diese Form des Fernsehens dient maßgeblich der sogenannten sozialen Distinktion. Darauf zielt die Bezeichnung „Unterschichten-Fernsehen“ ab, obwohl die Formate durchaus quer durch soziale Milieus geschaut werden. Das kenne ich auch aus Seminaren an der Uni. Wenn wir etwa über „Germany’s Next Topmodel“ sprechen, kommt erst deutliche Ablehnung und später zeigt sich, wie viel die Studierenden selbst über die einzelnen Kandidatinnen wissen. Die Polarisierung zwischen Fans und Feinden ist also eine Form, soziale Ordnung durch Fernsehen zu schaffen. Wir vergewissern uns unseres jeweiligen Platzes in der Gesellschaft, indem wir uns abgrenzen, lustig machen, mitfühlen oder schadenfroh kommentieren.

Gibt es einen bestimmten Lebenszyklus für Reality-TV-Shows wie das Dschungelcamp?

Lünenborg: Nein. Manche Sendungen werden nach der ersten Staffel abgesetzt, andere laufen über mehr als zehn Jahre erfolgreich – die meisten sogar in verschiedenen Versionen weltweit. So berechenbar ist das Publikum zum Glück nicht. Aber der Peak, der Höhepunkt des Reality-TV, dürfte hinter uns liegen.

Margreth Lünenborg ist Professorin für Journalistik an der Freien Universität Berlin. In ihrem jüngsten Projekt beschäftigte sie sich mit der Entstehung und den Nutzungsmotiven von Reality-TV-Sendungen.

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