Mittwoch, 13. Dezember 2017

20. März 2017 00:37 Uhr

Interview

Manche Szene wirkt über Jahre nach

Heute ist Welttag des Kinder- und Jugendtheaters. Wie gelingt es Susanne Reng und Volker Stöhr vom Jungen Theater Augsburg, junge Menschen mit ihren Stücken zu fesseln? Sie spielen im Abraxas, aber auch in Schulen

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Tri-tra-trullala – viele denken, Kindertheater ist doch ganz leicht. Oder?

Ich mache beides, ich inszeniere Kinder- und Jugendstücke und bin auch im Erwachsenentheater tätig. Ich muss mich jeweils auf meine Zielgruppe einstellen. Ein Kinderstück darf keine drei Stunden dauern, es ist kürzer. Wenn das leichter ist… Sonst hat es exakt die gleichen Anforderungen wie jedes Stück.

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Was ist bei der Produktion fürs Kindertheater besonders zu beachten?

Vor allem das Alter, darauf muss ich das Stück einrichten. Das hat mit der Inszenierung zu tun, mit den Schauspielern. Und wenn wir für die Bühne inszenieren, ist es ganz anders als für eine Turnhalle.

Hier im Abraxas machen wir Stücke für die kleinen Kinder, damit sie nah dran sind am Geschehen. Für sie finde ich die Form des Erzähltheaters sehr gut, weil sie die Kinder erst einmal mitnimmt. Würde abrupt das Licht ausgehen und sofort Getümmel anfangen, dann schreien die ersten. Man muss darauf achten, was sie ertragen.

Darf’s in einer Migrationsgesellschaft noch ein traditioneller, deutscher Stoff sein? Oder müssen Sie neue schreiben?

Auf jeden Fall! Natürlich haben wir unter den Kindern eine große Vielfalt an Herkünften, obwohl die meisten hier geboren sind. Unser Auftrag ist es auch, deutsche Kultur zu zeigen. Ein Märchen wie Rotkäppchen existiert sowieso in ganz vielen Kulturen: Ein Mädchen geht allein durch den Wald, ohne Furcht und ganz unbefangen. Dann kommt der Wolf. Das verstehen alle Kinder.

Wie spielen Sie das Rotkäppchen?

An Schulen kann ich nicht mit Licht arbeiten. Mein „Rotkäppchen auf der Flucht“ spielt im Klassenzimmer, höchstens zwei Klassen können zuschauen. Das Bühnenbild ist hauptsächlich die Tafel. Die zwei Schauspieler malen ihren Fluchtweg, das Haus der Großmutter. Im Jugendstück „KRASS!“ arbeiten wir mit den Mitteln der Turnhalle, das Bühnenbild ist der Basketballkorb, die Sprossenwand, eine Matte und ein zusammengebauter Kasten.

Wie lange dauert es, bis Sie ein neues Stück entwickelt haben?

Wir machen hier relativ wenig Stücke, die schon fertig geschrieben sind. Meistens verfassen wir unseren Text in den Probenarbeiten. Als Impuls für die Stücke haben wir entweder ein Bilderbuch oder ein Thema.

Oder unsere Schulpartner geben uns ein Thema vor und wir finden heraus: Was sagen die Lehrkräfte dazu? Was meinen die Schüler? Für „KRASS! Hauptsache radikal“ haben wir ein Jahr lang recherchiert und mit einem großen Netzwerk zusammengearbeitet.

Dieses Stück gehört zum sogenannten Präventionstheater: Wie pädagogisch darf Kinder- und Jugendtheater sein?

Welche Auswirkungen solche Stücke haben, kann man nie vorhersagen. Die Bemühungen, Präventionsstücke wie „Mobb-Stopp“ auf die Bühne zu bringen, sind auf alle Fälle wichtig und richtig. Dann gibt es eine Auseinandersetzung, die Jugendlichen müssen zuhören – und aufeinander hören. Sie erfahren hier, wie sich Mobbing anfühlt. Ihren Weg, damit umzugehen, finden sie dann selbst heraus.

Die Stücke selbst sind nicht pädagogisch, sondern der Rahmen um die Stücke herum. In „KRASS!“ geht es um Radikalisierung, es ist hart: Ein Jugendlicher stirbt, vier gehen ins Gefängnis, einer verliert sich beim IS. Davor gibt es Lehrerseminare und danach Schüler-Workshops. Auf der Bühne lehne ich Pädagogik ab. Dort ist es unser Auftrag, Gesellschaft zu spiegeln. In der Stückauswahl geht es sehr wohl um die Problematik und wen wir damit erreichen können. Das tun wir dann im Theater auf emotionaler Ebene.

Welche Kinder haben Sie im Theater vor sich? Sind sie anders als früher?

Jedes kleine Kind singt, spielt, tanzt gern. Da muss man sie nicht anders abholen als früher. Das Stück muss so gut sein, dass sie wach werden, und spannend genug, dass sie dranbleiben. In Jugendstücken versuchen wir, die Zuschauer abzuholen, wo sie sich befinden. Das bedeutet, dass die Schauspieler jünger sein müssen und dass wir die Mittel anders einsetzen. Im „Boxer“, unserem letzten Stück, war die Idee, die Graphic-Novel umzusetzen, in der Annahme, dass Jugendliche Comics lesen. Bei der Musik finde ich es wichtig, auf ihre Hörgewohnheiten einzugehen. Das heißt ja nicht nur Rap. Im „Boxer“ liefern sich zwei Schlagzeuger eine Battle.

Kinder wachsen heute mit elektronischen Medien auf. Wie muss Kindertheater darauf reagieren?

Mir fällt auf, dass ab zehn Jahren die Kinder heute mehr medienfixiert sind. In Workshops kommt immer die Frage: Kann man das Handy anlassen? Und nach 20, 25 Minuten geht die Konzentration weg und man muss einen neuen Impuls setzen, damit wieder Ruhe ins Klassenzimmer kommt.

Sollte ein Stück die jungen Menschen ganz persönlich treffen?

Ganz genau. Wenn wir in Schulen spielen, ist unser Auftrag, dass alle gefesselt von dem Stück zuschauen. Der Moment der Reflexion über die Inhalte findet danach statt. Allerdings ist es mein Auftrag auch, dass ich im Stück möglichst die ganze Gesellschaft abbilde. Für mich ist Theater verdichtete Wahrheit.

Kann Kinder- und Jugendtheater auch heilend wirken?

Theater hat immer heilende Wirkung, weil es ein ganzheitliches Erlebnis ist – nicht nur für Kinder. Doch gerade sie erzählen oft noch wochenlang von der Aufführung und ihren Figuren.

Was wir heilen können, wissen wir nicht. Ich weiß aber aus Gesprächen, die teilweise Jahre später erfolgen, dass Jugendliche sagen: „Volker, die Szene in deinem Theater-Workshop war cool.“ Oder: „Ich habe mich aus einer bestimmten Clique abgelöst.“ Oder: „Ich habe eine Therapie angefangen.“ Über Theater kann etwas in Bewegung kommen. Wenn ich mit Kindern und Jugendlichen im Theater arbeite, geht es immer um Begegnung.

Interview: Alois Knoller

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