Montag, 11. Dezember 2017

27. Oktober 2017 19:44 Uhr

Würzburg

Streit um Kopftuch im Hörsaal eskaliert

In Würzburg ist der Streit um ein Kopftuch im Hörsaal eskaliert. Wie es dazu kam und warum eine Dozentin in der Kritik steht. Von Andreas Jungbauer

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Dürfen muslimische Frauen in Vorlesungen an der Würzburger Universität Kopftuch tragen? Während einer Veranstaltung im Fach Politikwissenschaft ist es wegen dieser Frage am Mittwoch zu einem Eklat gekommen. Eine türkischstämmige Studentin sollte nach Aufforderung durch die Professorin ihr Kopftuch abnehmen. Sie weigerte sich – und viele Studierende stellten sich auf die Seite der 19-Jährigen.

Noch vor der Vorlesung forderte Politik-Professorin Gisela Müller-Brandeck-Bocquet alle Zuhörer auf, ihre Kopfbedeckungen abzunehmen. Das betraf Studenten mit Mützen, Käppis – aber auch die junge Frau mit Kopftuch. Nach eigener Aussage hatte sie an der Uni noch nie Probleme mit ihrem Kopftuch. Von Müller-Brandeck-Bocquet aber wurde sie persönlich angesprochen: Die Aufforderung gelte auch für sie. Die Professorin verwies auf die Trennung von Staat und Kirche. Die Universität sei ein säkularer Raum, religiöse Bekenntnisse hätten dort nichts zu suchen. Anders argumentierte die Studentin: Deutschland sei eine Demokratie mit gesetzlich verankerter Religionsfreiheit. Etliche Teilnehmer der Vorlesung stellten sich auf ihre Seite und verließen den Hörsaal. Die Politik-Professorin unterbrach die Vorlesung für zehn Minuten – danach ging sie nicht weiter auf die junge Deutsch-Türkin ein.

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Das Kopftuch gehöre für sie zur Religionsausübung, „es ist meine eigene freie Entscheidung. Niemand zwingt mich dazu, auch nicht meine Eltern“, sagte die Studentin gegenüber unserer Redaktion.

Die Uni darf kein Kopftuchverbot erlassen

In einer Erklärung der Universität bekennt sich die Hochschulleitung zum „selbstverständlichen Prinzip“ der Religionsfreiheit. Das Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten gehöre zum Leitbild der Universität. Hier gebe es keine Vorschriften oder Richtlinien, die das Tragen eines Kopftuches untersagen würden. Abgesehen davon dürfte die Uni gar kein Verbot erlassen, wie das Kultusministerium in München bestätigt.

In der schriftlichen Erklärung bedauert die Professorin die Vorkommnisse: „Seit vielen Jahren pflege ich, in meinen Vorlesungen die Zuhörer um die Abnahme von Kopfbedeckungen zu bitten, als Zeichen des Respekts vor einer universitären Einrichtung und vor mir als vortragender Professorin.“ Als jetzt die Studentin als Einzige ihr Kopftuch nicht ablegen wollte, habe Müller-Brandeck-Bocquet auf die beabsichtigte Gleichbehandlung von Männern und Frauen hingewiesen und ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht. Im Gegensatz zu den Schilderungen der Studentin und von Kommilitonen bestreitet die Professorin, die 19-Jährige zum Ablegen des Kopftuches aufgefordert zu haben. In der Uni-Erklärung heißt es: „Sie bedauert die Aufregung und die Missverständnisse, die sich aus der Artikulation ihrer persönlichen Missbilligung ergeben haben.“

Der Vorfall hat heftige Debatten ausgelöst. So wirft die Juso-Hochschulgruppe der Politik-Professorin ein intolerantes Verhalten vor. Scharfe Kritik kommt auch von der Grünen Jugend Würzburg. Sie bewertet das Verhalten der Professorin als „öffentliche Demütigung“.

Hier lesen Sie mehr: Kopftuch-Zoff an der Uni: Jetzt spricht die Professorin

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