Dienstag, 25. April 2017

15. März 2017 10:42 Uhr

Kommentar

Sollte man noch in der Türkei Urlaub machen?

Die geänderten Reisehinweise für den Türkei-Urlaub sind ein Ausdruck des zugespitzten deutsch-türkischen Verhältnisses. Soll man reisen? Und warum vielleicht nicht? Von Martina Riederle

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Wer derzeit in der Türkei Urlaub macht, findet leere Strände vor.
Foto: Marius Becker (dpa)

Geht es eigentlich noch schlimmer? Es geht. Gefühlt jeden Tag verschlechtert sich das europäisch-türkische, das deutsch-türkische Verhältnis weiter. 

Die Formulierung lautet natürlich nicht „reist nicht“. Sondern: „Im Zuge des Wahlkampfes muss mit erhöhten politischen Spannungen und Protesten gerechnet werden, die sich auch gegen Deutschland richten können. Hiervon können im Einzelfall auch deutsche Reisende in der Türkei betroffen sein. Reisenden wird daher empfohlen, sich von politischen Veranstaltungen und grundsätzlich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten.“ Für den gemeinhin übervorsichtigen und stets ausgesprochen diplomatischen Umgang Berlins mit Reisehinweisen und -warnungen weltweit ist diese Formulierung doch einigermaßen deutlich.

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Haben Sie Lust darauf, sich beschimpfen zu lassen?

Man könnte ganz undiplomatisch auch einfach so fragen: Haben Sie angesichts der Repressionen gegen Journalisten und Oppositionelle im Land sowie angesichts der aufgeheizten Stimmung vor der Hoteltür Lust auf unbeschwerten Urlaub in einer sicher sicheren All-Inclusive-Anlage? Haben Sie Lust darauf, sich mindestens von türkischen Politikern als Nazi und Terror-Unterstützer beschimpfen zu lassen – und trotzdem noch dafür zu sorgen, dass Geld in die türkische Wirtschaft fließt?

Möchten Sie zuschauen, wie ein eigentlich dem Westen und seinen Werten zugewandtes Land Kurs Richtung Diktatur nimmt, während Ihnen die Sonne auf den Bauch scheint? Und möchten Sie aufpassen müssen, was Sie sagen – denn das Auswärtige Amt warnt auch: „Es wird dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen“?

Keine Frage: Viele Reiseziele dieser Welt, die touristisch interessant und beliebt sind, sind nicht unbedingt Vorzeige-Demokratien. Und in allen diesen Fällen sollte jeder abwägen und sich bewusst entscheiden, warum er was tut – oder eben auch nicht. Es ist schließlich nicht neu, dass Urlaub mit Politik zu tun hat. Auch wenn die Branche sich jahre-, ja jahrzehntelang mantrahaft bemüht hat, diese Gleichung nicht gelten zu lassen – und stattdessen den völkerverbindenden Gedanken des Reisens betont hat. Darauf verwiesen hat, dass wir als Reisende in der Ferne den Umgang mit Freiheit vorleben könnten. Dass wir selbst im Ausland Verständnis für das Fremde und das Fremdsein lernen könnten. Und dass wir letztlich etwas für die Jobs und die Wirtschaft im Urlaubsland, damit also für die Menschen dort tun würden.

Auch wir stimmen mit unserer Entscheidung ab

Doch müssen wir deshalb wegschauen und gleichgültig die Schultern zucken? Müssen wir nicht. Wir dürfen nicht nur wollen, dass unsere Regierung klar Position bezieht. Wir können mit unserer Urlaubsentscheidung auch „abstimmen“.

Wir haben die Freiheit, uns zu entscheiden: Wollen wir Urlauber diese Entwicklung ignorieren, solange Bequemlichkeit und Buffet zum All-Inclusive-Preis stimmen? Oder sind wir bereit, auch selbst mal Kante zu zeigen und auf die günstige Buchung zu verzichten?

Schon 2016 sind die Besucherzahlen in der Türkei um 30 Prozent eingebrochen. Anschläge auf Urlauber, der Militärputsch, politische Unsicherheit und Radikalisierung: Wie es touristisch weitergeht in diesem so sehr besuchenswerten Land am Bosporus hängt ganz stark auch davon ab, wie es politisch weitergeht. Und selbst wenn sich nach dem Referendum für Erdogans Präsidialreform Mitte April Stimmung und Lage entspannen sollten: Porzellan zerschlagen wurde im deutsch-türkischen Verhältnis so reichlich, dass die Wunden in dieser Reise-Saison wohl kaum zu heilen sind.

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Türkei | Deutschland | Berlin | Bosporus

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