Samstag, 24. Juni 2017

19. April 2017 10:51 Uhr

Neuvorstellung

Neue Mercedes S-Klasse: Der selbstfahrende Wellness-Tempel

Die neue S-Klasse ist äußerlich kaum verändert, hat es dafür aber in sich. Mercedes zeigt mit seinem Flaggschiff, wohin die Reise bei den wichtigsten Zukunftsthemen gehen könnte.

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Es soll ja Menschen geben, die können oder wollen sich keine S-Klasse kaufen. Warum sich trotzdem ein Blick auf das komplett überarbeitete Flaggschiff von Mercedes lohnt? Weil die Autoindustrie ihre Erfindungen in der Regel im hochpreisigen Segment einführt, lassen sich dort doch die Entwicklungskosten leichter einspielen. Erst nach und nach erhalten dann die billigeren Modelle ebenfalls die neuesten Segnungen der Technik. „Top down“ lautet der Fachbegriff für diese Vorgehensweise. Anders gesagt: Wer wissen will, was morgen in der Breite kommt, muss heute auf die Spitze schauen.

Die Spitze – gemessen an den Verkaufszahlen in der Belle Etage kann es da nur eine geben: die Mercedes S-Klasse. Die Mutter aller Luxuslimousinen hat sich allein seit dem letzten Generationswechsel im Jahr 2013 rund 300.000 Mal verkauft. Die Neuauflage, die eigentlich „nur“ eine Modellpflege ist, soll an diese Erfolge anknüpfen. Dazu muss ein Auto, das Daimler-Chef Dieter Zetsche als „das beste der Welt“ ansieht, ein bisschen mehr können als Passagiere einigermaßen bequem von A nach B zu transportieren.

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Fast jedes dritte Exemplar der S-Klasse wird in China verkauft

Die Herausforderungen sind groß. Wie groß, lässt ein Blick nach China erahnen, dem wichtigsten Markt für den noblen Mercedes. Fast jedes dritte Exemplar der S-Klasse geht dort hin, weshalb sie  derzeit auf der Automesse in Shanghai Premiere feiert. In den asiatischen Megacitys herrscht verrückt viel Verkehr; epische Staus sind an der Tagesordnung. Je mehr das Auto den Fahrer in dieser nervenaufreibenden Umgebung unterstützen kann, desto besser. Außerdem gelten im Reich der Mitte strenge Emmissionsgrenzwerte. Umweltsündern drohen hohe Abgaben und sogar Fahrverbote.

Dazu kommen die geschmacklichen Besonderheiten in Fernost. Der Chinese liebt Langversionen, lässt sich gerne chauffieren und sitzt bevorzugt hinten. Wer viel Zeit im Auto verbringt, ob freiwillig oder nicht, erwartet Komfort. In Asien schickt es sich, zu zeigen, was man hat. Deshalb muss das Fahrzeug zudem ein 1A-Statussymbol darstellen, was am besten durch eine majestätische Optik gelingt. Und der Luxusliner darf durchaus etwas kosten. Preise nannte Mercedes noch keine; die aktuelle S-Klasse beginnt bei rund 83.000 Euro. Modellwechsel ist im Juli.

Mercedes S-Klasse: Äußerlich kaum verändert, Motoren komplett neu

Welche Antworten hat Mercedes auf die vielfältigen Anforderungen gefunden? Die leiseste beim Design. Die S-Klasse hat sich äußerlich kaum verändert; lediglich die Schweinwerfer an der Front (mit drei „Lichtfackeln“) und LED-Heckleuchten in Kristalloptik künden davon, dass es selbst im Establishment wieder etwas verspielter zugeht. Umso mehr hat sich unter dem Blechkleid getan. Dort werkeln komplett neue Diesel- und Benzinmotoren von 286 bis 630 PS. Spannend: Mercedes verabschiedet sich von der V-Formation und wechselt auf Reihensechszylinder, weil die laufruhiger sind und in der Konstruktion den Vierzylindern ähneln. Der letzte V8 im Angebot stammt von AMG, wird dort etwa im Sportwagen GT eingesetzt.

Im Rahmen der New York International Auto Show werden auch dieses Jahr wieder dei World Car Awards vergeben. Insgesamt in sechs Kategorien werden die Awards verliehen: für Design, Luxury-, Performance-, Urban-, Green Car, und natürlich der Overall Award. 75 Journalisten aus über 20 Ländern haben die Fahrzeuge getestet, jeweils 3 Fahrzeuge stehen im Finale.

Einen reinrassigen Stromer sucht man in den Reihen der konservativen Limousine nach wie vor vergebens. Aber immerhin ist eine an der Steckdose zu ladende ertüchtigte Hybrid-Version mit 50 Kilometern elektrischer Reichweite in Planung. Und auch im Reihensechszylinder stecken bereits wichtige Hybrid-Funktionen. „Elektrifizierung des Verbrenners“ lautet hier die Strategie der Stuttgarter. Das Bordnetz wird auf 48 Volt hochgerüstet. Zwei  brandneue Aggregate treten ihren Dienst an: Eine E-Maschine, „Integrierter Starter Generator“ genannt, kann die Energie beim Bremsen zurück gewinnen und einen Elektro-Boost beim Beschleunigen erzeugen.  Ein elektrischer Zusatzverdichter stopft das Turboloch. Insgesamt soll der so unterstütze Sechszylinder-Ottomotor die Fahrleistungen eines Achtzylinders bringen bei deutlich geringerem Verbrauch. Zahlen, die dies belegen, legte Mercedes bislang nicht vor. Die Zertifizierung steht noch aus.

Autonomes Fahren: Mercedes erreicht mit der S-Klasse ein neues Level

Neben den Emissionen das zweite Mega-Thema: autonomes Fahren. „Hier erreicht die S-Klasse ein neues Level“, sagt Daimler-Boss Zetsche. Das Heer der digitalen Helferlein übernimmt zu 80 bis 90 Prozent ganz alleine, und zwar nicht nur wie bisher vor allem auf Autobahnen, sondern selbst auf Landstraßen, wo die Aufgabe ungleich schwieriger ist. Das System bezieht nun auch Karten- und Navidaten in die Fahrt mit ein und reagiert vorausschauend auf das Streckenprofil. In der Praxis bedeutet das: Früher schaltete sich die Automatik aus, wenn der Wagen mit Tempomat und Lenkassistent auf eine enge Kurve, eine Kreuzung oder einen Kreisverkehr zurollte, und der Fahrer musste eingreifen. In Zukunft bremst der Wagen selbstständig ab und gibt wieder Gas, wenn die kritische Stelle passiert ist.

Wer (theoretisch) so wenig Mühe für die Arbeit hinterm Volant aufbringen muss, hat umso mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Hier ist und bleibt das Mercedes-Flaggschiff Best in Class. Erstmals werden bekannte Annehmlichkeiten wie Massage(sitze), Klimatisierung, Lichtstimmung, Musikauswahl und sogar der Duft des Raumluftsprays kombiniert. So genießen S-Klasse-Reisende regelrechte „Wellness-Anwendungen“ (Zetsche), die jeweils zehn Minuten dauern. Dass es sich um ganz besondere emotionale Erlebnisse handeln muss, legen die Namen der Programme nahe: Frische, Vitalität, Wärme oder Behaglichkeit stehen zum Beispiel zur Auswahl. Die eingangs erwähnte „Top-down“-Entwicklung in allen Ehren: Bis ein solcher Wohlfühl-Faktor Einzug in eine A-Klasse oder in irgend ein anderes Auto hält, dürfte es dauern.

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Ein Artikel von
Tobias Schaumann

Augsburger Allgemeine
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