Donnerstag, 28. Juli 2016

03. Oktober 2013 07:32 Uhr

Flucht aus der DDR

Das Auto über die Grenze geschoben

Die Heckers flüchteten im November 1989 aus der DDR. Seitdem leben sie in Günzburg. Ihr altes Leben ist nicht vergessen – ihre Zukunft aber sehen sie hier. Von Irmgard Lorenz

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Petra Hecker und ihre Familie flüchteten im November 1989 aus der DDR. In Günzburg ist die Familie heimisch geworden.
Foto: Bernhard Weizenegger

„Man hätte vielleicht doch noch drei Tage warten sollen“, sagt Petra Hecker und fügt dann hinzu: „Ich bin ganz sicher, dann wären wir schon geblieben.“ Aber die Unzufriedenheit der Menschen in der DDR war groß, die Stimmung im Land miserabel. „Man kann doch nicht sein Leben lang eingesperrt sein“, dachte Petra Hecker, damals jung verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Als dann ihre Freundin heimlich in den Westen floh, fassten Manfred und Petra Hecker spontan den Entschluss, der Diktatur zu entfliehen. Drei Tage vor dem Fall der Mauer gelangte die Familie über die damalige CSSR ins bayerische Hof.

Petra Hecker über die DDR: "Nur noch gemeckert"

„Es wurde nur noch gemeckert“, sagt Petra Hecker rückblickend, überall waren Unzufriedenheit und schlechte Stimmung. Jahrelang sei sie bei der FDJ, der Jugendorganisation der DDR, „eingelullt“ worden, sagt die heute 52-Jährige. Als junge Erwachsene aber habe sie sich dann gefragt, was Freiheit bedeutet. „Man hat gemerkt, es ging nicht mehr weiter“, sagt sie. Und dann kündigte der neue Generalsekretär der SED, Egon Krenz, die „Wende“ an – und meinte damit die Stabilisierung der sozialistischen Herrschaft.

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Schlecht gelebt hatte die junge Familie nicht im Arbeiter- und Bauernstaat. „Wir hatten ja eigentlich schon alles“, sagt Petra Hecker und zählt auf: Wohnung mit Garten, Auto, Farbfernsehen, Motorrad. „Mein Mann hat gutes Geld verdient“, sagt Hecker. Er war Schweißer, sie arbeitete im Büro einer Baufirma. Freilich, als junges Mädchen hatte sie schon mal Freundinnen um deren Westpakete beneidet, später im Intershop sehnsüchtig Gerüche fremder Lebensmittel oder den Duft von Parfums eingesogen oder schicke Mode bewundert.

In der DDR blieb wenig Zeit für Familienleben

Aber nicht der Wunsch nach Wohlstand und Konsum war es, der die junge Familie zur Flucht trieb. Es war „diese Angst, doch noch irgendwas zu verpassen“, sagt Petra Hecker. Frühmorgens seien sie beide zur Arbeit gegangen, die kleine Tochter wurde in der Kinderkrippe abgegeben, abends nahm der Einkauf in den schlecht bestückten Läden viel Zeit in Anspruch, für ein Familienleben blieben wenig Zeit und Kraft.

„Jetzt oder nie“, beschlossen Heckers beim Sonntagsfrühstück am 6. November 1989, packten das Nötigste zusammen, schreiben Abschiedsbriefe, regelten, wer die zurückgelassenen Dinge bekommen soll. Bei Nacht und Nebel fuhren sie mit ihrem russischen Auto los, sagten den tschechischen Grenzern, dass sie in Prag Urlaub machen wollen und bangten schließlich, ob das Benzin noch reichen würde. Noch knapper hätte es nicht werden dürfen. „Wir haben das Auto über die Grenze geschoben“, erinnert sich Petra Hecker.

Dann die üblichen Stationen. Auffanglager in Hof, Übergangswohnheim in Günzburg, fast ein Jahr nach der Flucht endlich die erste Mietwohnung. Manfred Hecker vermisste seine Geschwister, „war todunglücklich“, wie seine Frau sagt. Und es war schwer für die Heckers, hier Kontakt zu bekommen. „Aber Sie sind auch nicht von hier“, habe sie oft hören müssen, erinnert sich Petra Hecker an die anfängliche Schwierigkeit, den schwäbischen Dialekt zu verstehen. Mit der Geburt der zweiten Tochter 1992 wurde es leichter, Kontakt zu finden.

Regelmäßige Besuche in der alten Heimat

Besuche in der alten Heimat sind dank der Wiedervereinigung von Ost und West problemlos möglich und gehören für Heckers fix in den Jahreslauf. Petra Hecker hat inzwischen ihr Elternhaus in Senftenberg geerbt. 600 Kilometer entfernt, ihre Mutter bewohnt es, und Tochter Petra wäre gern näher bei ihr, denn die Mutter wird älter und ist nicht immer gesund.

Ob Petra und Manfred Hecker im Ruhestand mal umsiedeln werden? „Ein Altersruhesitz, aber ohne Kinder?“, fragt Petra Heckel. Und ohne Enkel, denn in wenigen Wochen erwartet die große Tochter ihr erstes Baby. „Es wird immer schwieriger“, sagt Petra Heckel 24 Jahre nach der Flucht aus der DDR. Und dann fügt sie energisch an: „Aber wir wollten immer vorwärtsgehen. Das war mal unsere Welt. Und jetzt leben wir hier. Das ist unsere neue Zukunft. Man muss sich lösen.“

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DDR | Günzburg | SED | Prag

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