Sonntag, 21. Januar 2018

15. Juli 2016 08:31 Uhr

Museumslandschaft

Perle in der Provinz: Kunsthaus Kaufbeuren

Vor 20 Jahren war die Eröffnung des Kunsthauses Kaufbeuren eine kleine Sensation. Wie sich die Ausstellungshalle trotz kleinem Budget behaupten kann. Von Martin Frei

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Kunsthaus Kaufbeuren
Foto: Mathias Wild

Keine zehn Jahre. Selbst wohlwollende Experten räumten dem Kunsthaus Kaufbeuren bei seiner Eröffnung 1996 keine allzu große Lebenserwartung ein. Boris von Brauchitsch, der erste Direktor der Ausstellungshalle, hatte gar eine ganz spezielle Vision. In einer bösen literarischen Aufarbeitung seiner Zeit in der Wertachstadt sah er eine Schlecker-Filiale in das markant-moderne Gebäude in der Altstadt einziehen. „Perlen vor die Säue“ heißt der Roman, der anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Kunsthauses wieder gerne zur Hand genommen wird. Jedoch: Schlecker gibt es bekanntlich nicht mehr; die Ausstellungshalle „auf dem flachen Land“ dagegen immer noch. Und der neue Direktor Jan T. Wilms ist trotz aller Widrigkeiten zuversichtlich, dass sein Haus auch künftig auf einem immer umkämpfteren Kulturmarkt mitspielen kann.

„Das war damals ein gewagter, ein visionärer Schritt“, sagt auch Hannelore Kunz-Ott, die durch ihr langjähriges Engagement in der privaten Trägerstiftung des Kunsthauses Kaufbeuren sowie durch ihre Tätigkeit bei der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern die Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven mitverfolgt hat. Hans Dobler, kunstinniger Spross einer einflussreichen Kaufbeurer Unternehmer-Familie, spendierte damals gegen viele Widerstände das Ausstellungsgebäude aus Sichtbeton für wechselnde Schauen, vornehmlich zur Gegenwartskunst. Dazu stattete er die Trägerstiftung unter anderem mit Immobilien aus.

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Eine solche Initiative in einem 40 000-Einwohner-Städtchen abseits der Metropolen sorgte Mitte der 1990er Jahre für große Furore. Das Medien-Echo rund um die Eröffnung war groß und bundesweit. Schließlich gab es laut Kunz-Ott 1995 gerade mal 37 (Kunst-)Ausstellungshallen im ganzen Freistaat. Zurzeit sind es 127. Auch im südlichen Schwaben ist das Angebot größer geworden. 2001 eröffnete das Künstlerhaus in Marktoberdorf, 2004 dann die Mewo-Kunsthalle in Memmingen.

Trotzdem sieht Kunsthaus-Direktor Wilms, der seit gut einem Jahr im Amt ist und zuletzt bei den Pinakotheken in München tätig war, nicht die Gefahr, dass sich die Allgäuer Ausstellungshallen in die Quere kommen. Im Vergleich zur kulturellen Ballung in der Landeshauptstadt „sind wir hier konkurrenzlos“. Sorgen machen ihm eher die Privatmuseen, die allerorten aus dem Boden schießen. Die dienten bisweilen nur dazu, die Erinnerung an einen oder an wenige Künstler zu pflegen - oft durch einen repräsentativen Bau, aber für den laufenden Ausstellungsbetrieb oder auch für Forschungsaktivitäten finanziell miserabel ausgestattet. Oder schlicht als Steuersparmodell konzipiert. „Das Interesse an Kunst steigt, das sieht man an den Besucherzahlen. Aber die Besucher verteilen sich auch mehr“, hat Wilms beobachtet.

Doch zurück zum Kunsthaus Kaufbeuren, das freilich finanziell ebenfalls nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Gerade hat der städtische Kulturausschuss eine Aufstockung des jährlichen Betriebskostenzuschusses auf 100 000 Euro beschlossen, das Gesamtbudget liegt derzeit bei knapp einer Viertelmillion Euro. Der engagierte Förderverein, dessen Mitglieder schon mal beim Aufbau der Ausstellungen mit anpacken, ermöglicht die Beschäftigung einer wissenschaftlichen Volontärin.

„Das ist nicht allzu viel. Aber wir stehen immer noch besser da als viele - auch große oder traditionsreiche - Häuser“, berichtet Wilms. Der dynamische Kulturmanager sieht den knappen Etat auch nicht als Nachteil, sondern als Herausforderung. Er will mit einem kontrastreichen, durchaus auch provokanten Ausstellungsprogramm („vom Heißen ins Kalte und zurück“) die Kunstfreunde aus dem weiten Umkreis verstärkt in seine Einrichtung locken. Derzeit sind es zwischen 4000 und 9000 Besucher pro Jahr, die den Weg in die Kaufbeurer Kunsthalle finden. Die Tatsache, dass das Kunsthaus über keine nennenswerte eigene Sammlung verfüge, gebe ihm dafür die nötige gestalterische Freiheit.

Neu unter Wilms’ Ägide ist die Öffnung das Hauses für regionale Künstler, wie bei der aktuellen Ausstellung „Blick Fang“. Übrigens auch die erste Verkaufsausstellung in der Geschichte des Kunsthauses - die Verkaufserlöse fließen zur Hälfte in den Etat der Einrichtung. Die ebenfalls forcierte Zusammenarbeit mit anderen Museen und Kulturakteuren in Kaufbeuren soll zudem die „Schwellenangst“ vieler Einheimischer vor dem Kunsthaus und zeitgenössischer Kunst an sich abbauen. Aber auch mit den großen Akteuren in der Szene will er in Kontakt bleiben, durch Kooperationen, Katalogbeiträge. Und „natürlich geht es auch ums Geld“, sagt Wilms, für den Kunst „nicht etwas Abgehobenes“ sein darf, und der deshalb auf weitere Sponsorengelder sinnt. „Wir bieten hier etwas, das man in der Provinz nicht erwarten würde, und damit brauchen wir uns absolut nicht zu verstecken.“ Klingt nicht nach Schlecker, eher nach Pinakothek.

Ausstellung: Die Jubiläumsschau „Blick Fang“ im Kunsthaus Kaufbeuren (Spitaltor 2) läuft bis zum 21. August (Di-So 11 bis 18, Do 10 bis 20 Uhr).

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