Sonntag, 19. November 2017

Landsberg

06. Oktober 2016 20:08 Uhr

Dießen

Wenn Menschen ihre Heimat verlieren

Kurzfilm-Festival in Dießen zeigt zur Eröffnung Beiträge zum Thema Flucht und Vertreibung. Von Maren Martell

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„Ich esse gerne Eis. Das kostet sechs Lire. Das können wir uns nicht leisten“. Der zwölfjährige Djudi stammt aus Syrien. Mit seinen Eltern und Geschwistern ist er vor dem Krieg nach Istanbul geflüchtet. Hier versucht die Familie sich mit dem Verkauf von Wasserflaschen und Brezeln ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sehr eindrücklich enthüllt der kurdische Regisseur Beston Zirian das Familienschicksal mit seinem 15-minütigen Dokumentarfilm „Wasserläufer“, der zur Eröffnung des Dießener Kurzfilmfestivals gezeigt wurde. Er lässt die Familienmitglieder zu Wort kommen, begleitet sie in ihrem harten Arbeitsalltag. Selbst die Kinder stehen teils bis in die frühen Morgenstunden auf den Straßen der türkischen Metropole und bieten Passanten Wasser feil. Zirian zeigt sehr einfühlsam ihre Verzweiflung und was es für sie bedeutet, ihre Heimat verloren zu haben. Für ein Familienleben oder Freundschaften bleibt in der Fremde keine Zeit, die Kinder können nicht in die Schule gehen und für Medikamente oder Kleidung fehlt jedes Geld.

Beston Zirian produzierte den Film, als er mit seiner Familie in Istanbul Urlaub machte. „Ich sah dort die vielen syrischen Flüchtlingskinder auf den Straßen. Das hat mich betroffen gemacht. Und so entschied ich mich spontan, ihre Situation mit der Kamera festzuhalten“, schildert der 43-Jährige. Für den Dreh benötigte er zwei Tage. Das Schicksal der syrischen Flüchtlinge kann Zirian gut nachempfinden. 1994 floh er selbst aus dem Irak über Istanbul nach Deutschland. Seit mehr als 20 Jahren lebt und arbeitet er in Leipzig. Flucht verstehe er nicht nur als politisches Thema. „Es ist nicht die Flucht vor einem Regime, die mich beschäftigt, es kann auch die Flucht vor sich selbst sein.“

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Das Dießener Kurzfilmfest, das vom Heimatverein zum siebten Mal veranstaltet wird, hat die Themen Menschenrechte, Migration und Toleranz im Fokus. „Angesichts der politischen Weltlage war schnell klar, dass sich viele Filme mit Flucht und Vertreibung auseinandersetzen“, betont Festivalorganisatorin Ulrike Kreutzer zur Eröffnung am Mittwochabend in der Kinowelt Ammersee. Zum ersten Mal werde es dieses Jahr neben den Preisen für den besten Kurzfilm und den besten Dokumentarfilm auch einen Preis von Amnesty International geben. Die örtliche Gruppe der Organisation vergibt einen undotierten Menschenrechtspreis.

Auch in den beiden anderen Filmbeiträgen am Eröffnungsabend geht es um Flucht und die Situation von Flüchtlingen. In ihren YouTube-Videos „German Life Style“ geben die beiden jungen Syrer Abdul und Allaa teils mit Augenzwinkern Tipps und Hinweise für das Leben in Deutschland. Wie begrüßt man sich in Deutschland? Wie bezahlen Deutsche eine Rechnung im Restaurant? Einige der Videos der beiden Blogger haben mittlerweile mehr als 80 000 Klicks. „Uns geht es darum, Vorurteile abzubauen. Wir wollen damit das Eis zwischen den Kulturen brechen“, erläutert Abdul Abbasi, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und in Göttingen Zahnmedizin studiert. Torben Trulsen von der Münchner Hilfsorganisation Heimatstern zeigt mit seinem Beitrag, wie sein Team Flüchtlinge unterstützt – auch in den teils elenden Flüchtlingslagern in Griechenland.

Bis zum Samstag werden in Dießen insgesamt 40 aus mehr als 400 eingesandten Filmen gezeigt. Seit Februar hatte eine zehnköpfige Jury die Beiträge gesichtet und ausgewählt. „Die Entscheidung, das Festival für ausländische Filme zu öffnen, stellte auch eine große Herausforderung dar. Da wurden wir mit anderen Erzählweisen und Sehgewohnheiten konfrontiert“, schildert Kreutzer. Spielstätte ist neben der Kinowelt das Augustinum. Das Rahmenprogramm mit drei Ausstellungen, drei Workshops und zwei Konzerten findet an neun verschiedenen Orten statt. Das Kinderfilmfest „Flimmerfisch“ steht unter dem Motto „Fremde Welten“.

Aus der Region stehen Beiträge von Schülern des Ammersee-Gymnasiums in Dießen sowie von der Waldorfschule Landsberg auf dem Programm. Der Kurzfilm „Storyline“ zeigt eine Deutschstunde der ganz besonderen Art. „Der knapp acht Minuten lange Beitrag entstand an zwei Projekttagen Ende des vergangenen Schuljahres“, erläutert Deutschlehrer Johannes Hauck, der das Projekt begleitete. Die Schüler der fünften Klasse stellen darin in heiteren Episoden die Arbeit an einem Satzbaumodell dar. Die kleinen Abenteuergeschichten entstanden teils bei einem Wandertag im Wald, teils im Klassenzimmer der Schule. In dem Filmbeitrag der Landsberger Waldorfschule dokumentiert die 14-jährige Louisa Moreth den Weg des aus Mali stammenden Jungen Diop, der sich in Landsberg allmählich eine neue Heimat aufbaut.

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