Montag, 15. September 2014

07. März 2012 10:30 Uhr

Hinterkaifeck

Spaziergang zum Ort des Grauens

90 Jahre nach dem ungeklärten Sechsfachmord brechen noch immer zahlreiche Schaulustige dorthin auf, wo der Bauernhof bis zu seinem Abbruch 1923 gestanden hat.

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Es ist ein früher Sonntagabend. Ein trüber, Wolken verhangener Himmel spannt sich über das Schrobenhausener Land, taucht das Paartal in diffuses Licht. Bei hereinbrechender Dämmerung und in der Kühle der Abendstunde verweilen die meisten Menschen in ihren Häusern. Dessen ungeachtet macht sich in Waidhofen beim Gasthof Bogenrieder eine 50-köpfige Gruppe auf den Weg. Die Kellnerin verabschiedet sie schmunzelnd, ist keineswegs erstaunt über das Ziel der abendlichen Wanderer, die jetzt einen Spaziergang von sechs Kilometern vor sich haben. „Nach Hinterkaifeck gehn S’? Ja, da kommen Leut aus ganz Deutschland, um sich dort umzuschau’n“, weiß sie. Immer wieder werde sie selbst nach dem Weg dorthin gefragt.

Die Gruppe an diesem Abend braucht die Kellnerin nicht als Wegweiser. Landkreisführerin Maria Weibl nimmt sich ihrer an. Und so stapfen die nächtlichen Spaziergänger gespannt hinter ihr her in Erwartung eines Ortes, den es gar nicht mehr gibt – Hinterkaifeck. Es gibt nur noch das Grauen, das mit ihm verbunden war und nach 90 Jahren noch immer ist. Es gibt den Schauder, den allein der Klang des Namens auslöst – Hinterkaifeck. Und es gibt die Geschichte des Sechsfachmords, dem in der Nacht zum 1. April 1922 eine ganze Bauernfamilie zum Opfer gefallen ist.

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Der Weg der Wanderer führt an der Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“ vorbei, die inmitten des Friedhofs liegt. Auf der Empore des Gotteshauses hat sie oft gesungen, die „Lerche von Hinterkaifeck“, wie Viktoria Gabriel wegen ihrer schönen Stimme genannt wurde. Jetzt liegt die einstige Bäuerin von Hinterkaifeck im Grab mit dem schwarzen Obelisken direkt an die Kirchhofmauer. Zusammen mit ihren Eltern Andreas und Cäcilia Gruber, ihren Kindern Cäcilia und Josef und der Magd Maria Baumgartner. Dort wurden sie nach der Obduktion bestattet – ohne Köpfe, denn die kamen erst in die Gerichtsmedizin, dann zu einer Wahrsagerin. Was danach mit ihnen passiert ist? Man weiß es nicht.

Maria Weibl hält inne und erzählt über die Familie Gruber/Gabriel an jener Stätte, die den Schlusspunkt in deren Leben markiert. Sie ist zugleich der Ausgangspunkt für die 50 Spaziergänger, um den Schulweg der siebenjährigen Cilli weiter zu gehen. Er führt an diesem Abend über eine schmale Brücke über die Paar hinaus aus Waidhofen, auf morastigen Feldwegen mitten in die dunkle Nacht.

Die Wipfel der Bäume zeichnen sich als scharfe Silhouette gegen den nachtgrauen Himmel ab. Die Wälder bilden eine schwarze Fläche, für das Auge undurchdringlich und unheimlich. So muss es damals gewesen sein, als sich der Mörder im Hexenhölzl verborgen hatte, jenem Waldstück hinter dem Hof. Die Dunkelheit würde die Wanderer verschlucken, hätten sie nicht Laternen bei sich. So aber leuchten die Kerzen wie taumelnde Punkte in der Finsternis.

Dann erreichen sie den Weiler Laag. „Sehen Sie das doppelstöckige Haus dort?“, macht Maria Weibl aufmerksam. „Von dort hat der Karl Gabriel gestammt, den Viktoria Gabriel im April 1914 geheiratet hat.“ Karl Gabriel zog im August in den Ersten Weltkrieg und fiel im Dezember 1914. Zwar können die Wanderer in der schwarzen Nacht das Haus kaum erkennen, doch weiß Maria Weibl noch mehr: „Aus den Steinen des 1923 abgebrochenen Mordhauses wurde in Laag ein Stadel errichtet, der heute noch steht.“

Die Gruppe zieht weiter und mit jedem Meter, den sie zurücklegt, steigt auch die Spannung. Weit ist es jetzt nicht mehr nach Hinterkaifeck. In östlicher Richtung sieht man hell erleuchtete Fenster des benachbarten Ortes Gröbern, in dem Lorenz Schlittenbauer gelebt hat. Er hatte ein Verhältnis mit Viktoria Gabriel und bis heute ist offen, ob er der Vater des kleinen Josef war, oder ob das Kind aus dem Inzest des Andreas Gruber mit seiner Tochter Viktoria stammt. „Sie haben Blutschande betrieben“, sagt Maria Weibl.

Einem Ehepaar läuft es kalt über den Rücken

Jetzt geht der Weg dicht am Waldrand vorbei. Tiefschwarz ist das Hexenhölzl und manchmal ragen Zweige weit über den Weg und greifen wie lange Spinnenfinger nach den Haaren der Spaziergänger. Ein Käuzchen ruft klagend. Es ist unheimlich. Beklemmend. Theoretisch könnte sich dort zwischen den Fichten jemand verbergen. Jemand, der Böses will, so wie damals in der Nacht zum 1. April 1922. Leise murmelnd stapfen die Spaziergänger weiter. Die anfängliche Unbekümmertheit ist einer andächtigen Stille gewichen. Einem Ehepaar aus Ehrenburg „läuft es kalt über den Rücken“, wie es sagt. Den Mann begleitet die Geschichte von Hinterkaifeck, seit er ein kleiner Bub war. „Mein Großvater ist dort in den Tagen, ehe die Morde entdeckt wurden, immer wieder vorbeigekommen. Er hat erzählt, wie seltsam still es dort war“. Seitdem wird das Grausame und Mysteriöse von Generation zu Generation in seiner Familie weitererzählt.

Den Weg, wo jener Großvater vorbeigekommen ist, gibt es noch immer. Inzwischen ist Maria Weibls Gruppe dorthin abgebogen. Doch Hinterkaifeck selbst ist nicht mehr als eine Ahnung, als ein Gefühl. Wo der Hof einst gestanden hatte, ist heute eine Wiese. Bei Tageslicht erkennt man, dass der Boden in jener Senke eine hellere Farbe hat, als das Land drum herum. Jetzt aber kann man nur dem Schein der Taschenlampe folgen, mit dem Maria Weibl die Umrisse andeutet. Gras wächst dort – aber Gras ist nie über die Geschichte gewachsen. Denn die Faszination dieses ungelösten Verbrechens wird auch nach den 90 Jahren anhalten, die seitdem ins Land gegangen sind. „17 Hektar haben zum Hof gehört. Die Gruber/Gabriels waren vermögend, ihr Hof war groß und schön“, schildert Maria Weibl.

Sie erzählt von unheimlichen Begebenheiten in den Tagen vor den Morden. Von einer Münchner Zeitung, die am Waldrand lag und von der niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war. Von Fußspuren im Schnee, die vom Wald zum Haus führten, aber nicht mehr zurück. Vom Gefühl, beobachtet zu werden.

In der Mordnacht hatte Viktoria Gabriel vermutlich eine Verabredung im Stadel. Dort zertrümmerte der Unbekannte nacheinander ihr, ihrer Mutter, der Tochter, dem Vater, dem Buben und der Magd mit einer Hacke die Schädel. Danach blieb er wohl noch mehrere Tage, fütterte das Vieh und verpflegte sich.

Weder der Postschaffner noch zwei Kaffeehändler, noch Nachbarn oder ein Monteur bemerkten die Leichen im Stadel. Erst nachdem die Hinterkaifecker weder in der Schule, noch in der Kirche, noch sonst wo gesehen wurden, suchte man sie gezielt – und fand sie. Die Polizei hat den oder die Täter nie ermittelt. 60 Verdächtige wurden vernommen, doch des Mordes wurde keiner von ihnen überführt. Einzig scheint inzwischen unstrittig, so Maria Weibl, dass es einer gewesen sein muss, den die Hinterkaifecker kannten.

Inzwischen sind die Wanderer beim Marterl angekommen. Der Gedenkstein steht ein paar hundert Meter westlich des einstigen Bauernhofs unter einer rund 150 Jahre alten Wetterfichte. „Gottloser Mörderhand fiel am 31. März die Familie Gruber/Gabriel von hier zum Opfer“, steht eingemeißelt. Schweigend erweisen die Teilnehmer den Getöteten die Ehre. Dann geht es zurück nach Waidhofen.

Die Hinterkaifecker sind tot. Sind grausam ausgelöscht. Und kommen doch nicht zur Ruhe. Denn ihr Schicksal ist ungesühnt, ihr Mörder bleibt der große Unbekannte. Der Mythos Hinterkaifeck lebt weiter.

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