Dienstag, 20. Februar 2018

11. Februar 2018 14:21 Uhr

Donau-Ries

Alleinerziehende Mutter pflegt seit 20 Jahren ihren schwerkranken Sohn

Seit mehr als 20 Jahren pflegt die alleinerziehende Mutter Brigitte Auer ihren Sohn, der mit dem Prader-Willi-Syndrom zur Welt kam. Am Freitag erhält sie das Bundesverdienstkreuz.

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Brigitte Auer mit ihrem heute 25-jährigen Sohn Coelestin. Sozialministerin Emilia Müller verleiht der Alleinerziehenden das Bundesverdienstkreuz.
Foto: Verena Mörzl

Heute hat Brigitte Auer all die Zweifel, die Angst und die Frage nach der Gerechtigkeit hinter sich gelassen. Vor gut 25 Jahren, als ihr Sohn Coelestin mit einer schweren Behinderung zur Welt gekommen ist, ahnte sie nicht, welche Höhen und Tiefen sie durchstehen wird. Damals sah sie die Welt in 24 Stunden: Sie wollte einfach nur den Tag schaffen.

In einer der ersten Diagnosen nach der Frühgeburt hieß es, dass Coelestin womöglich nur eineinhalb Jahre alt werden wird. Therapiert wurden nach dieser Verdachtsdiagnose seine Symptome. Mit welcher Behinderung er aufwuchs, stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Brigitte Auer lebte damals mit ihrem Mann zusammen. Erst in Löpsingen, dann ist das Paar nach Enkingen gezogen. "Coelestin war für uns ein Kind, das man wie ein Kind mit Downsyndrom aufzieht", erzählt die 55-Jährige heute. Er machte Fortschritte. Doch dann folgten epileptische Anfälle und die Angst vor dem, was die Ärzte noch herausfinden würden.

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Coelestins Krankheit wurde lange nicht diagnostiziert

Die Diplomtheologin übernahm die Schulstunden ihres Mannes, denn sie wollte ihren Beruf nicht ganz aufgeben. Er sorgte sich nachts um Coelestin und in der Zeit, in der Brigitte Auer unterrichtete. Sie pflegte ihn in den anderen Stunden, einmal pro Woche half eine Krankenschwester. Die Großeltern unterstützten die Familie ebenfalls.

Nach vier Jahren, in denen Brigitte Auer die Ursprungsdiagnose vergessen und ihr Sohn diese überlebt hatte, brach der kleine Kämpfer zusammen. Die Eltern fanden ihren Sohn im Bett: Herzstillstand, Multiorganversagen, Hirnschäden. Daraufhin pendelten Mutter und Vater zwischen Enkingen und verschiedenen Kliniken. Ein Chefarzt in Neuburg diagnostizierte schließlich das Prader-Willi-Syndrom bei Coelestin. Kleinwüchsigkeit, schlaffe Muskeln, die Symptome passten zum Gendefekt auf Chromosom 15, der die seltene Behinderung auslöst.

Seit mehr als 20 Jahren pflegt Auer bereits ihren Sohn

Die gläubige Katholikin und Theologin Brigitte Auer rang mit Gott. Doch mit der Wut fand sie ihren Weg. Für die geborene Ambergerin folgte ein Moment der Entscheidung, denn irgendwann brach sie innerlich zusammen. "Eigentlich war es klar, was ich tun musste", sagt sie heute. "Ich hätte es nicht durchgestanden, wenn ich gegangen wäre." Coelestin war noch immer in der Klinik, als er schließlich gegen multiresistente Keime und Infektionen ankämpfen musste. "Wir müssen da raus", dachte sich Brigitte Auer. Also verließen sie die Klinik auf eigene Verantwortung. Von da an ging es bergauf für den Sohn.

Dem Kleinen ging es wieder besser, trotzdem blieb er ein Pflegefall. Für die Eltern war die Belastung enorm. "Fünf Jahre haben wir durchgehalten", sagt Brigitte Auer. Dann trennt sich das Paar und lässt sich scheiden. Ihnen sei keine Zeit geblieben, die eigenen Konflikte auszustehen, meint die Enkingerin. Und Coelestin? "Für mich war klar, dass ich ihn nicht hergebe, und das wusste auch mein Mann damals", sagt sie. Klar sei aber gewesen, dass das Kind den Vater nicht verlieren dürfe. Einmal pro Woche pflegt er den Bub somit noch heute.

Am Freitag erhält sie das Bundesverdienstkreuz

"Es passt einfach in mein Lebenskonzept, zu helfen, sich zurückzunehmen und fürs Kind da zu sein", sagt die Mutter, die einst ins Kloster eintreten, dann aber auf eine Partnerschaft nicht verzichten wollte. Pflegekräfte unterstützen sie enorm. Wegabschnitte mit ihrem Sohn erzählt sie als Lehrerin den Pflegeschülern der Liselotte-Nold-Schule. Sie liebt das Unterrichten. An Maria Stern ist sie Religionslehrerin und Klassenleiterin. Sie hält Vorträge, referiert bei Fortbildungen über religiöse Erziehung. Die 55-Jährige arbeitet in ihrer Freizeit als Lektorin und würde auch gern ein Buch schreiben. Außerdem liebt Brigitte Auer Frankreich, liebt Gourmetessen. Vor allem aber liebt sie Coelestin, und dass sie diese Liebe glücklich macht, verraten ihre Augen.

Heute verleiht Sozialministerin Emilia Müller, stellvertretend für den Bundespräsidenten, Brigitte Auer das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste. Für die Enkingerin ist das Ereignis vor allem deswegen herausragend, weil das Engagement wahrgenommen wird. Trotzdem ist sie froh, wenn der Freitag schnell vorbei geht, denn sie sagt: "Genauso hätten Leute diese Auszeichnung verdient, die im Stillen dieselbe Leistung bringen." Für all diese Mütter und Väter will sie das Bundesverdienstkreuz annehmen. Für Menschen, die oft ans Ende ihrer Kräfte gelangen und es trotzdem schaffen, für ihr Kind da zu sein. Aber auch für all diejenigen Eltern, die sich wie sie irgendwann von ihren Kindern verabschieden müssen.

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Verena Mörzl

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