Sonntag, 17. Dezember 2017

08. Dezember 2017 07:48 Uhr

Duisburg

Prozessauftakt zur Loveparade-Tragödie: Die Frage nach dem Warum

Die Überlebenden der Loveparade-Tragödie erhoffen sich Aufklärung - auch nach sieben Jahren. Am Freitag beginnt endlich der Prozess. Von Hoffnung und der Angst vor dem Erinnern. Von Annika Fischer und Thomas Richter

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Mehr als sieben Jahre nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg beginnt in Düsseldorf ein Strafprozess gegen zehn Beteiligte. Bei dem Unglück am 24. Juli 2010 waren in einem Gedränge 21 Menschen erdrückt worden.

In seiner Erinnerung ist alles still. Das kann nicht sein, Jörn Teich weiß das, da war laute Musik auf der Loveparade, und seine kleine Tochter hat es ihm so erzählt: Die Männer haben lauter geschrien als die Frauen. Teich hat auch „nie einen Toten gesehen“, obwohl er von Bildern weiß, er stand direkt neben ihnen. Was soll er also sagen, wenn sie ihn fragen im Prozess, der nun am Freitag beginnt: „Die Wahrheit? Oder das, was ich erlebt habe?“

Es geht vielen so wie ihm, Hunderten wohl. So viele Verletzte, Traumatisierte, die dabei waren, als es am 24. Juli 2010 in Duisburg zum Gedränge kam, als 21 Menschen stürzten und starben in der Massenpanik. 652 zählt die Anklage, und noch immer kommen Menschen hinzu, die sich nach mehr als sieben Jahren erst (zu-)trauen, sich zu erinnern. Die erkennen, dass sie ohne Hilfe nicht weiterleben können. „Ich habe mich gedrückt und verdrängt“, sagt Sarah.

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Überlebende der Loveparade-Tragödie haben Erinnerungen verdrängt

Die 31-Jährige spricht erst seit einigen Monaten über die Loveparade. Nur ist es eine Geschichte, die einen Anfang hat, einen Schluss, aber nichts in der Mitte. Sarah weiß noch, wie sie hingekommen ist. Aber „ich weiß nicht, wie lange ich da war. Ich weiß nicht, wie ich rausgekommen bin. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe.“ Es gibt ein Bild in ihrem Kopf, auf dem ist jemand neben ihr bewusstlos, und ein anderes, da zieht sie ihre Schwester hoch, die gefallen war. Und dann: „Ich hatte Prellungen, blaue Flecken überall, und meine Schuhe waren weg.“ Sarah war zu Hause und hat bis heute keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist.

Man kann das faszinierend finden: Wie Kopf und Körper helfen wollen, indem sie vergessen. Aber ist das gnädig: Nicht mehr zu wissen, was geschehen ist? „Ich will mich erinnern – und doch wieder nicht“, sagt Sarah. In ihrer Therapie arbeitet sie daran, aber dann passiert es plötzlich: Als Jörn Teich sein Telefon zückt; es gibt da ein Lied, auf das er reagiert, obwohl er sich nicht erinnern kann, es in Duisburg gehört zu haben. „Sky And Sand“ von den Kalkbrenners, es läuft oft im Radio, zu erkennen an den ersten Tönen – und Sarah beginnt am ganzen Leib zu zittern.

Teich, inzwischen 43, erinnert sich in „Flashbacks“, die Ärzte reden von posttraumatischen Belastungsstörungen. Dieses Lied, manche Gerüche, und dann: Hände. Da waren Hände, überall Hände, die nach ihm griffen und nach dem Kind auf seinen Schultern. Nach ihm, der hier gar nicht hinwollte, der durch einen Notausgang auf das Gelände gekommen war, aber nicht wieder hinaus. Den ein Polizist mitten ins Gedränge geschickt hatte mit dem kleinen Mädchen. Und oben, wo die Ahnungslosen feierten und tanzten, da rief ein DJ, was er auf Partys eben ruft: „Ich will eure Hände sehen!“

Von Feierlaune zur Massenpanik

Jörn und Sarah, sie haben überlebt, aber nicht als die, die sie einmal waren. Lange hat Sarah geglaubt, was ihre Familie ihr gesagt hat: „Ich muss wieder so werden wie früher.“ Lange hat es gedauert, bis sie begriff: „Das geht überhaupt nicht.“ Abends, wenn ihr Kind schlief, schaute sie Videos an aus Duisburg, immer wieder dieselben. „Ich habe mich so richtig schön runtergezogen.“ Und Jörns Vater, der ihn zurückkehren sah mit zerrissener Hose und gebrochenen Rippen, sagt bis heute: „Meinen Sohn habe ich nie wiedergesehen.“

Jörn Teich, der einmal selbstständig war, arbeitet nicht mehr, er wird es nie mehr können. Er hatte einen schweren Herzinfarkt, vier Jahre danach, eine Operation, er wünscht sich „nichts mehr als Ruhe“. Aber er kann nicht aufhören mit der Loveparade. Hat sich von Anfang an engagiert, hat organisiert, sich gestritten; es gibt viele, die sich an ihn wenden, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Teich ist ihr „Kümmerer“. Sie rufen ihn an, erzählen ihm, wenn sie nicht schlafen können, wenn der Alkohol zu viel wird, wenn Angst und Wahnvorstellungen ihr Leben zu überwältigen drohen. Sie weinen und manchmal beschimpfen sie ihn auch. Er muss sich dann zurückziehen, „mich sortieren“, nennt er das.

Sarah sagt, es sei „beängstigend“, er ist dann so still. Dabei kennt sie das selbst: „Ich bin dann ganz in mir.“ Aber auch sie hat ja Fragen, die sie ihm stellt: „Ich brauche jemanden, der mir das Warum erklärt.“ Warum die anderen weitergefeiert haben. Warum sie überlebt hat. Das wollen viele wissen, manche hat es gebrochen, sie hadern mit sich, dem Schicksal und ihrem Selbstwertgefühl. Sarah sagt: „Ich kann mich selbst nicht leiden.“

Jörn Teich hat auch keine Antworten, er hofft auf den Prozess, dass er klärt, „was an diesem Ort passiert ist“. Er wünscht sich irgendeinen Ausgleich und glaubt zugleich nicht daran. „Das bringt nichts“, sagt er dann, „es ist reine Show“, ihm fehlen Verantwortliche auf der Anklagebank. Aber natürlich weiß er: „Die Angehörigen brauchen das.“

Prozess könnte Überlebende erneut traumatisieren

Der 43-Jährige fürchtet, dass die Verhandlung alles wieder aufwühlt, dass sie Hinterbliebene wie Überlebende „re-traumatisiert“. „Oh, wie schön wird Düsseldorf“, notierte er auf Facebook, „und wie schwer zu ertragen.“ Und wenn dann alles zu nichts führt oder kein Urteil fällt vor dem Tag der Verjährung? „Was ist dann?“ Werden die vielen Trauernden, die einen Sohn oder die Tochter, den Freund oder die Freundin verloren haben, endlich Ruhe finden? Denn sie haben bisher verdrängt, was von einem eigentlich lustigen Tag übrig blieb. Als Eike, Fabian, Giulia und die anderen 21 Todesopfer der Loveparade-Katastrophe einfach nur feiern gehen wollten. Manche waren gar keine „Raver“, keine großen Techno-Fans, sie waren bloß jung und hatten Lust auf Party. Freuten sich, dass die Loveparade aus Berlin in ihre Nähe gezogen war, oder reisten eigens an, sogar aus dem Ausland. Doch dann starben sie im Gedränge der Loveparade oder in einem Duisburger Krankenhaus.

Viele Eltern erinnern sich an einen fröhlich winkenden Sohn, den sie noch zum Bahnhof brachten, an die Tochter, von der sie gar nicht wussten, dass sie nach Duisburg aufgebrochen war. Sie waren ja alle erwachsen. Studierten, arbeiteten, machten ihr Ding. Und es war Samstagnachmittag. Die wenigsten Angehörigen machten sich Sorgen – bis die Nachrichten kamen vom schrecklichen Ende der Loveparade. Und die Polizisten.

Seither trauern die Familien. Um Fabian aus Lünen, 18 Jahre alt, der kurz vor dem Abi stand und dessen Eltern später heiraten: am Geburtstag ihres Kindes. Um die Studentin Giulia aus dem italienischen Brescia. Um Marina aus Duisburg, 21. Dennis, 18, aus Ostwestfalen. Kevin, 18, aus Bremen. Marie, 19, aus Bielefeld. Sie trauern um Kathinka, 19, aus Rheinland-Pfalz. Benedict, 21, aus Münster. Und um Eike, 21, aus Belm, Student der Geschichte und Politik, für seine Eltern ein „Sonnenschein“.

Sie werden die Verhandlung als Nebenkläger verfolgen – skeptisch und hoffend. Die einzigen Sachen, die sie von Eike damals zurückbekamen, waren ein Schuh, eine verdreckte Hose und ein zerrissenes Hemd. Kleidungsstücke, die ihr Sohn am Tag der Katastrophe trug. „Wir lagern sie bei uns zu Hause in einem Karton“, erzählen Klaus-Peter und Stefanie Mogendorf aus Belm im Landkreis Osnabrück. In den Karton mit Eikes Sachen haben die Eltern nie wieder geschaut: „Das schaffen wir nicht“, sagen sie.

Und jetzt der Prozess. „Ich erwarte mir nicht viel von diesem Verfahren. Das reißt bei uns nur die alten Wunden wieder auf“, gewährt Mogendorf einen Einblick in sein Innenleben. Die Zeit allein ist eben doch nicht immer ein verlässlicher Heiler. „Es tut immer noch alles sehr, sehr weh.“ Den Prozess werden die Mogendorfs trotz aller Ängste und Befürchtungen um das eigene Seelenheil als Nebenkläger verfolgen. „Das tun wir auch aus Solidarität gegenüber den anderen Eltern, die klagen“, sagt er.

Mehr als 100 Verhandlungstage für den Prozess angesetzt

Natürlich können Mogendorf und seine Frau Stefanie nicht an jedem der bislang über 100 terminierten Verhandlungstage zur Messehalle nach Düsseldorf kommen, die zur Landgerichts-Außenstelle umfunktioniert wird. „Aber wir werden nach Absprache mit unserem Anwalt dort sein.“

Warum es sich so lange bis zum Prozessbeginn hingezogen hat, kann Mogendorf bis heute nicht nachvollziehen. So viele Fakten, die mit dafür verantwortlich waren, dass es zur Katastrophe kommen konnte, hätten doch bereits kurz nach dem Start der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft auf der Hand gelegen. „Aber ich hatte schnell das Gefühl, dass die irgendwie keiner sehen wollte“, sagt Mogendorf.

Als Bauingenieur und Architekt habe er über 30 Jahre im Berufsalltag erlebt, wie streng Vorschriften laut Versammlungsstättenverordnung eingehalten werden müssen. „Und bei der Planung und Durchführung der Loveparade wurde massiv geschludert. Aber zur Rechenschaft wurde niemand gezogen. Wie kann das sein!“ Auch die Rolle der Polizei am Veranstaltungstag hätte der 61-jährige Mogendorf gern vor Gericht durchleuchtet gesehen. Doch unter den zehn Angeklagten befinden sich sechs Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung und vier des Loveparade-Veranstalters Lopavent. Aber kein einziger Polizei-Verantwortlicher.

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