Irgendjemand beim Heyne-Verlag muss sich viel Mühe gegeben haben mit dem Buch von Jörg Kachelmann und seiner Frau Miriam: Sämtliche Exemplare von "Recht und Gerechtigkeit", die am Freitag bei Kachelmanns Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse auslagen, waren sorgfältig geschwärzt. Mit einem Filzstift hatte jemand den Namen von Kachelmanns Ex-Geliebter durchgestrichen. Auf manchen Seiten vier, fünf Mal. Bei insgesamt 383 Seiten muss das eine Heidenarbeit gewesen sein.
Landgericht untersagt Vertrieb des Buches
Am Mittwoch hatte das Landgericht Mannheim dem Heyne-Verlag untersagt, Kachelmanns Buch weiter zu vertreiben, solange Claudia D. darin mit vollem Namen genannt wird - jene Frau, deren Anzeige wegen Vergewaltigung den Prozess gegen den Fernsehmoderator auslöste, an dessen Ende ein zähneknirschender Freispruch des Landgerichts Mannheim stand. Verlagsleiter Ulrich Genzler sagte, von der Erstauflage von 50.000 Exemplaren seien schon 40 000 an den Buchhandel ausgeliefert. Diese sind nicht von dem Verbot betroffen und dürfen verkauft werden. Schon bis Ende nächster Woche soll eine neue Auflage gedruckt werden, dann ohne den Namen.
Angesichts dieser Mühe schien es eigenartig, dass Kachelmann in der Pressekonferenz betonte: "Das Buch handelt über weite Teile nicht von ihr, und zwar aus guten Grund: Weil sie ist nicht wichtig." Es gehe nicht um seinen Fall, sondern um ein generelles Problem, da es viele Opfer von falschen Beschuldigungen gebe. Und er betont: "In mir und uns wohnen weder Wut noch Hass."
Kachelmann genießt Presse-Auftritt
Der Fall Kachelmann
Jörg Kachelmann war wohl der beliebteste Wetterfrosch Deutschlands. Seit 1994 moderiert er "Das Wetter im Ersten". Seine sympathische Ausstrahlung und der lässige Kleidungsstil machten ihn für viele Frauen attraktiv.
Bis Mitte der 90er Jahre war Kachelmann mit Katja Hösli verheiratet. Sie teilte seine Leidenschaft für die Meteorologie und hatte sich auf die Veranschaulichung von Wetterdaten spezialisiert.
Am 20 März 2010 dann der Schock: Jörg Kachelmann wird wegen des Verdachts auf besonders schwere Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung festgenommen. Er soll seine Ex-Freundin mit einem Küchenmesser bedroht und zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Kachelmann beteuert seine Unschuld.
Die Öffentlichkeit ist entsetzt über die Details aus Kachelmanns Privatleben, die nun von mehreren Seiten ans Tageslicht gelangen. Verschiedene Frauen berichten davon, wie der Moderator sie über Jahre hinweg systematisch betrogen hat.
Am 29. Juli 2010 wird Kachelmann auf Anordnung des Oberlandesgerichts Karlsruhe aus der Untersuchungshaft entlassen, da mittlerweile erste Zweifel an seiner Schuld aufgetaucht sind und kein dringender Tatverdacht mehr besteht.
Am 6. September 2010 beginnt schließlich die Hauptverhandlung.
Die Befragung des mutmaßlichen Opfers dauert insgesamt viele Stunden. Trotz mancher Widersprüche bleibt der Vorwurf der Vergewaltigung bestehen.
Ende November wechselt Kachelmann den Anwalt. Johann Schwenn ist nun für seinen Fall zuständig.
Am Ende der Verhandlung forderte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten.
Weil die Schuld des Angeklagten aber nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte, entschied sich das Landesgericht Mannheim für den Freispruch.
Dem 54-Jährigen schien der Auftritt vor der Presse Spaß zu machen, gegen Ende flachste er sogar mit den Fotografen, die ihm vor den Gerichtsterminen immer aufgelauert hatten. "Ich hoffe, Sie haben es gemerkt: Ich habe versucht, bei jedem Einfahren in die Tiefgarage genau gleich zu gucken - dass Sie nie unterscheiden können, an welchem Datum ist er so reingefahren", scherzte der Moderator, und sprach direkt einzelne Fotografen an: "Sie waren das, der sich vors Auto geworfen hat? Also: Die Buben hier vorne waren das!"
Nur zum Vergleich: Im Buch schreibt Kachelmann von seinem "abgeschalteten Gesichtsausdruck, zu dessen Herstellung ich mir keine Mühe geben musste, denn die Abscheu vor den Geiern, die sich um die beste Position (...) rauften, war echt".
Kachelmanns Rechtsanwalt kündigt Widerspruch an
Draußen vor dem Raum der Pressekonferenz wartete unterdessen ein älterer Herr mit schwarzem Lederhut und einer Krawatte mit dezentem Tiermuster: Rechtsanwalt Rüdiger Zipper. Seine Kanzlei hatte am Donnerstag im Namen von Claudia D. eine weitere einstweilige Verfügung erwirkt, diesmal direkt gegen Jörg Kachelmann: Er darf den Namen seiner Ex-Geliebten nicht mehr öffentlich aussprechen. Zipper hätte die Verfügung wohl gern direkt auf der Pressekonferenz überreicht, aber der Verlag ließ ihn nicht hinein; ein abweisender Sicherheitsmensch kontrollierte den Eingang.
Kachelmanns Rechtsanwalt Ralf Höcker kündigte Widerspruch gegen die Verfügung an: "Die Dame ist Radiomoderatorin, drängt sich mit allen Mitteln in die Öffentlichkeit, unter anderem mit einer Fotostrecke in der Bunten - dass man sie namentlich nicht nennen sollte, leuchtet mir nicht ein." Claudia D. hatte nach dem Ende des Prozesses der Zeitschrift "Bunte" ein Interview gegeben und auch die Veröffentlichung von Fotos zugelassen. Das Titelfoto in der "Bunten", meint allerdings das Landgericht Mannheim, ändere nichts an der rechtlichen Bewertung, "da die Antragstellerin so nur für ihr nächstes Umfeld identifizierbar ist".
Heyne-Verlag überlegt, gegen Buch vorzugehen
Auch der Heyne-Verlag prüft, ob er gegen das Buchverbot vorgeht. "Falls die Verfügung aufgehoben wird, könnte der Verlag den ihm bis dahin entstandenen Vertriebsschaden geltend machen", sagt der Leiter der Rechtsabteilung, Rainer Dresen. "Das kann teuer werden." (dpa)