Freitag, 28. April 2017

18. August 2016 14:07 Uhr

Studie

Was Verschwörungstheoretiker hinter Kondensstreifen am Himmel vermuten

Verschwörungstheoretiker bewerten Kondensstreifen als Gefahr für die Menschheit. Ihre Theorie ist extrem populär. Forscher erklären, was wirklich dahintersteckt.

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Was die einen zum Träumen von fernen Welten bewegt, versetzt andere in Angst. Sie glauben, Kondensstreifen enthalten giftige Chemikalien.
Foto: Ulrich Wagner

Hübsch, oder, der See, die Sonne, die Kondensstreifen? Es gibt Menschen, die diese Frage mit Nein beantworten. Sie beunruhigt der Anblick des Bildes, denn sie sind überzeugt, dass nicht Kondensstreifen von Flugzeugabgasen am Himmel zu sehen sind, sondern sogenannte Chemtrails.

Das Wort besteht sich aus den englischen Begriffen „chemicals“ (Chemikalien) und „contrails“ (Kondensstreifen). Anhänger der Theorie glauben, dass Flugzeuge Chemikalien versprühen – im Geheimen und im Auftrag von Regierungen. Zu welchem Zweck? Da sind sie uneins. Manche sagen, um die Erderwärmung zu stoppen, andere, um die Menschheit wahlweise zu vergiften oder einer Massenimpfung zu unterziehen, wieder andere, um das Wetter zu beeinflussen.

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Ein Wissenschaftler findet hohe Barium-Werte

Jüngst belegten US-amerikanische Wissenschaftler in einer der ersten Studien zu dem Thema, die sie im Fachblatt Enviromental Research Letters veröffentlichten, dass an der Theorie nichts dran ist. Für ihre Untersuchung befragten sie 77 Atmosphärenforscher und Geochemiker, die sich mit Kondensstreifen und Schmutz aus der Erdatmosphäre befassen. 76 von ihnen gaben an, bei ihrer Arbeit nicht auf Beweise gestoßen zu sein, die die Theorie belegten. Einer sagte, er habe in einer abgelegenen Region hohe Barium-Werte gefunden, für die es keine Erklärung gebe. Barium ist eines der Metalle, die Chemtrail-Anhängern in den Flugzeugabgasen vermuten.

Für ihre Untersuchung zeigten die Forscher den Experten Fotos und Analyseergebnisse von Luft-, Schnee- und Teichsedimentproben, die laut Chemtrail-Anhänger ihre Ansichten beweisen. Auf den drei Bildern sind ein Kondensstreifen, der in der Mitte unterbrochen ist, drei Streifen die unterschiedlich lang sind und solche, die sich hinter einem Flugzeug sehr dick aufbauschen, zu sehen. Nach Ansicht der Befragten lasse sich all das durch thermische Bedingungen erklären.

Auch die Proben, die angeblich hohe Belastungen mit Strontium, Aluminium und Barium zeigen, lassen sich nach Ansicht der Forscher meist anders erklären als durch Chemtrails. Etwa durch falsche Entnahme der Proben oder durch den Vergleich von Luftproben mit Grenzwerten, die für Trinkwasser gelten. Diese sind meist sehr streng. Allerdings gaben einige der Befragten auch an, die Analyseergebenisse, ohne weitere Kontextinformationen nicht interpretieren zu können.

Kosten für Verfahren seien viel zu hoch

Laut Holm Hümmler, der sich für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem Phänomen beschäftigte, entstand die Chemtrail-Theorie um die Jahrtausendwende in den USA. Über einen Artikel in der Zeitschrift Raum und Zeit kam sie nach Deutschland.

Wie jede erfolgreiche Verschwörungstheorie hat sie eine reale Grundlage. Anfang der 90er Jahre wurde in den USA das sogenannte Welsbach-Patent angemeldet. Darin ist eine Methode beschrieben, wie Flugzeuge Partikel in die Atmosphäre einbringen können, um den Klimawandel zu stoppen. Demnach sollen Metalle das Sonnenlicht reflektieren und so die Erderwärmung reduzieren. Nach einer Stellungnahme des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2011 gab es zwar solche Überlegungen, sie setzten sich aber nicht durch. „Denn: Abgesehen von der Frage nach der Wirksamkeit gibt es große Bedenken und Unsicherheiten, welche unvorhergesehenen weiteren Wirkungen damit verbunden sein könnten“, schreibt die Behörde. Auch seien die Kosten für solche Verfahren viel zu hoch.

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Ein Artikel von
Christina Heller

Augsburger Allgemeine
Ressort: Wirtschaft

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