Montag, 29. Mai 2017

08. Oktober 2014 11:14 Uhr

Inzest-Debatte

Inzest: Das sagt eine Betroffene über die Liebe zu ihrem Halbbruder

Sex zwischen Geschwistern soll erlaubt werden - für diese Empfehlung bekam der Ethikrat viel Kritik. Eine Betroffene erzählt im Interview von der Liebe zu ihrem Bruder.

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Nach der Ethikrat-Empfehlung hoffen nun Inzest-Geschwisterpaare, dass sie sich bald nicht mehr verstecken müssen.
Foto: Symbolbild, Arno Burgi, düa

Sex zwischen Geschwistern wird in Deutschland mit Geldbußen oder mit bis zu zwei Jahre Gefängnis bestraft. Der Ethikrat hat mittlerweile empfohlen, dieses Gesetz zu ändern - und stieß damit auf viel Kritik.

Doch was sagen Betroffene dazu? Wir haben mit einer Frau gesprochen, die sich in ihren Halbbruder verliebt hat und eine Beziehung mit ihm führt. Aus Angst vor Strafen, möchte sie anonym bleiben.

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Wie hat sich die Liebe zu Ihrem Bruder entwickelt?

Mein Halbbruder und ich haben einen gemeinsamen Vater, sind aber getrennt aufgewachsen. Daher haben wir uns erst im Alter von 30 Jahren kennengelernt. Schon unsere erste Begegnung war intensiv. Wir haben keine Geschwisterliebe gespürt, sondern fühlten uns zueinander hingezogen. Nach Mails, SMS, Telefonaten und Treffen gestand er mir seine Liebe.

Kamen Sie dann sofort zusammen?

Wir trafen uns immer häufiger und führten lange, intensive Gespräche mit all unseren Zweifeln, Ängsten und doch Hoffnungen und Träumen. Viele Tränen sind geflossen, doch wurden sie immer wieder von unseren Gefühlen aufgefangen. Wir wussten nur eins: Wir wollten uns. Der Weg war egal - wir sahen nur das Ziel.

Ethikrat-Empfehlung als Chance

War es schwer für Sie, eine solche Inzest-Beziehung einzugehen? Schließlich gilt Liebe zwischen Geschwistern in der Gesellschaft als moralisch falsch.

Für mich selbst war es nie abstoßend. Ich habe immer nur die Gesetzeslage gesehen - dass Halbgeschwister sich nicht lieben dürfen. Doch im Grunde lag ich damit falsch. Nirgends steht im Gesetz, dass wir keine Gefühle füreinander haben dürfen - nur der Sex ist verboten. Ich habe auch den Ekel und die Ablehnung der Gesellschaft gespürt. Doch die Gefühle zu meinem Halbbruder hatten mich übermannt.

Wie haben Ihre Eltern und Freunde darauf reagiert?

Die Familie hat zuerst mit Ablehnung darauf reagiert - aber irgendwann fand sie sich damit ab. Schließlich haben sich hier zwei erwachsene Personen kennengelernt und ineinander verliebt. Ich glaube, dieser Gedanke half ihnen. Der Freundeskreis hat allerdings eher zwiespältig reagiert. Einige Freunde vertraten eben genau die Ansicht, dass es ethisch und moralisch nicht vertretbar wäre. Ich wurde darauf reduziert und weggewiesen.

Was kann die jetzige Empfehlung des Ethikrats bewirken?

Ich bin sehr froh, dass der Ethikrat sich für uns ausgesprochen hat. Und vielleicht besteht ja tatsächlich die kleine Möglichkeit, das Gesetz zu kippen. Es ist eine Chance, das Thema „Geschwisterliebe“ ins Gedächtnis der Bevölkerung zu rufen und die Sichtweisen zu ändern. Wir möchten zeigen, dass wir auch nur Menschen sind, die sich normal kennengelernt und verliebt haben.

Auch Homosexualität war früher verboten

Was halten Sie Leuten entgegen, die eine solche Beziehung verurteilen?

Es ist allgemein schwer, die Sichtweise solcher Menschen zu ändern. Selbst bei homosexuellen Freunden von mir kam ich mit dem Argument nicht weit, dass auch Homosexualität in unserem Land erst seit etwa 40 Jahren straffrei ist und nur langsam von der Gesellschaft akzeptiert wurde.

Oft wird das Argument genannt, dass Kinder von Geschwisterpaaren ein höheres Risiko für Erbkrankheiten haben.

Es gibt heute so gute Diagnosemöglichkeiten, dass man das Risiko für Erbkrankheiten bei Kindern einschränken kann. Wo fangen wir an und wo hören wir auf, Menschen die Fortpflanzung zu verbieten? Ob nun geistig oder körperlich behinderte Personen - niemanden sonst kann sexueller Kontakt verboten werden. Doch für uns als liebendes Paar wird in einem Gesetz festgehalten, dass wir keinen Beischlaf haben dürfen. Dabei ist jede andere sexuelle Praxis erlaubt. Dieser Gedanke macht mich immer wieder so wütend. Das Gesetz greift unmittelbar in mein Leben ein, dabei schade ich niemanden. Ich lebe und liebe.

Und was sagen Sie zu dem Argument, dass solche Beziehung die Familie als schützenswertes Gut gefährden?

Wir sind zwei erwachsene Menschen, die keine Kindheit und Jugend miteinander erlebten. Wir haben uns als Mann und Frau kennengelernt und verliebt. Daher ist das Argument nicht berechtigt, dass wir das Gut der Familie gefähren. Ich wüsste gar nicht, warum das so sein sollte.

"Ich fühle mich wie im Mittelalter"

Wir kämpfen Sie gegen den Paragraphen 173, der Inzest-Beziehungen verbietet?

Kann man anonym tatsächlich dagegen kämpfen? Jeder von uns hat die Angst irgendwann eine Anzeige zu erhalten - was wir bisher durch die Geheimhaltung vermeiden konnten. Wir müssten an die Öffentlichkeit gehen, um gegen das Gesetz kämpfen zu können - doch dann würde uns das Gefängnis drohen. Ich fühle ich mich wie im Mittelalter. Ich habe Angst entdeckt zu werden und quasi auf dem Scheiterhaufen zu landen. Und warum? Weil ich einen Mann liebe und das nicht im Sinne der Gesellschaft ist.

Wie fühlt es sich an, eine Beziehung im Geheimen führen zu müssen?

Ich möchte mich nicht mein Leben lang verstecken müssen. Die wichtigsten Menschen in unserem Leben wissen von unserer Beziehung und akzeptieren sie. Aber was ist, wenn wir eine Familie gründen wollen? Ich denke immer häufiger darüber nach, aus Deutschland auswandern. Wenn ich für ein friedliches Leben das Land verlassen muss, dann gehe ich diesen Schritt.

Wie groß ist nach der Empfehlung des Ethikrats Ihre Hoffnung, dass Inzest-Beziehungen in Deutschland bald doch erlaubt sind?

Hoffnung macht es mir schon. Ja, ich hoffe sehr, dass irgendetwas bewirkt wird und dass niemanden mehr die Liebe verboten werden darf!

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Schlagworte

Augsburg | Deutschland

Ein Artikel von
Sascha Geldermann

Augsburger Allgemeine
Ressort: Online-Redaktion


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