Freitag, 18. August 2017

14. August 2017 08:35 Uhr

Sehprobleme

Spiegel der Seele: Das steckt hinter Augenkrankheiten

Wenn Menschen an Augenkrankheiten leiden, ist es manchmal auch die Seele, die geheilt werden muss. Was Ärzte erleben. Von Angela Stoll

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Krankheiten des Auges können offenbar auch seelische Ursachen haben.
Foto: Andrea Warnecke (dpa), Symbol

„Das ist mir ein Dorn im Auge“, „Ich sehe schwarz“ oder „Er war blind vor Wut“: Redewendungen wie diese sprechen dafür, dass es eine Verbindung zwischen Auge, Sehvermögen und Psyche gibt. Tatsächlich gibt es solche Zusammenhänge, sie sind aber äußerst komplex. Wie sich psychische Belastungen auf bestimmte Augenerkrankungen auswirken, lässt sich schwer ermitteln. Fest steht, dass es Sehprobleme gibt, die sich organisch nicht ausreichend erklären lassen. Das spektakulärste Beispiel dafür ist die „psychogene Blindheit“: Als Folge verdrängter seelischer Konflikte können Patienten nur unscharf oder gar nicht mehr sehen, obwohl die Augen gesund sind.

„Wir haben hier pro Jahr mehrere Fälle dieser Art“, sagt Prof. Horst Helbig, Vize-Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). „Meistens handelt es sich um Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren.“ Sie würden umgehend an einen Kinderpsychologen überwiesen. „Wichtig ist aber, dass zuvor alles andere ausgeschlossen wurde und die Kinder nicht als ,Simulanten‘ behandelt werden“, betont Helbig.

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„Das Auge funktioniert, aber das Gehirn lässt die Bilder nicht zu“, erklärt Gabriele Emmerich, Sprecherin des Ressorts „Psychosomatik in der Augenheilkunde“ im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, die psychogene Blindheit. Psychologen gehen davon aus, dass dem Phänomen unbewältigte Konflikte oder Traumata, zum Beispiel Kriegserlebnisse, zugrundeliegen. Diese führen dazu, dass die Patienten Sehinformationen unbewusst ausblenden, weil sie die schlimmen Erlebnisse – im übertragenen Sinn – nicht sehen wollen. Gut erforscht sei das Phänomen allerdings nicht.

Symptome und Befund passen oft nicht zusammen

Dass derart starke Sehprobleme eine rein psychische Ursache haben, ist eher selten. Viel häufiger sind Emmerich zufolge Fälle, in denen die Beschwerden der Patienten und das, was organisch feststellbar ist, nicht zusammenpassen. So berichtet sie: „Ich habe oft Patienten, die ihre Symptome sehr viel stärker schildern, als der organische Befund vermuten lassen sollte.“ So leiden sie etwa sehr stark unter Brennen und Schmerzen infolge trockener Augen. Oder sie nehmen „fliegende Mücken“ – das sind harmlose Trübungen im Glaskörper des Augapfels – unerträglich deutlich wahr. „In solchen Fällen gilt es herauszufinden: Was ist so störend? Warum bewertet der Patient die Symptome so stark?“, sagt Emmerich.

Tatsächlich kann es sein, dass psychische Belastungen, etwa andauernder Stress oder Mobbing am Arbeitsplatz, das Hauptproblem sind. Auch die Sehschärfe kann durch Stress vorübergehend leiden: Infolge starker Anspannung verkrampfen sich die Ziliarmuskeln, an denen die Linsen angehängt sind, sodass das Auge auf die Nähe eingestellt bleibt. Man spricht von einer „Pseudo-Kurzsichtigkeit“, die oft mit Kopfschmerzen einhergeht.

Daneben gibt es handfeste Augenkrankheiten, bei deren Entstehung und Verlauf die Psyche offenbar eine Rolle spielt. Hintergrund sind meist komplizierte Zusammenhänge, wie Emmerich erklärt: So könnten ungelöste Konflikte Veränderungen des vegetativen Nervensystems sowie der Hormone bewirken und dadurch die Entstehung einer Krankheit fördern oder ihre Dauer verlängern. Typisches Beispiel dafür ist die rätselhafte Augenkrankheit „Retinopathia centralis serosa“ (RCS), bei der sich Flüssigkeit unter der zentralen Netzhaut ansammelt. Auffällig oft trifft die Krankheit beruflich stark eingespannte Männer zwischen 30 und 50 Jahren, weshalb sie auch „Managerkrankheit des Auges“ genannt wird.

Wie RCS entsteht, ist unklar. Nach Angaben der DOG vermuten Forscher seit längerem einen Zusammenhang mit der Persönlichkeit der Patienten: Diese zeigen häufig ein „Typ-A-Verhalten“ – das heißt, sie legen in Konkurrenzsituationen eine erhöhte Leistungsbereitschaft an den Tag. So wird das vegetative Nervensystem stärker stimuliert, was zu einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Kortisol führt. Dieser Effekt könnte ein wichtiger Auslöser für die Krankheit sein.

Als Auslöser kommen viele Faktoren infrage

Daneben gehen ganzheitlich orientierte Augenärzte davon aus, dass auch bei entzündlichen Augenerkrankungen psychische Faktoren mitspielen können. Sie erklären das mit vielschichtigen Zusammenhängen zwischen Psyche und Immunsystem. So kann psychische Belastung das Immunsystem einerseits hemmen und zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen. Stress kann aber auch eine Aktivierung des Immunsystems bewirken. Daraus resultiert die Hypothese, dass Stress das Entstehen der Autoimmunerkrankung Uveitis fördern kann. Unter diesem Stichwort werden Entzündungen des Augeninneren zusammengefasst, die mit Augenrötung, Tränenfluss, Lichtempfindlichkeit, Sehproblemen und Augenschmerzen einhergehen. Als Auslöser kommen viele Faktoren infrage.

Eine andere Krankheit, bei der schon lange über den Einfluss der Psyche spekuliert wird, ist das Glaukom (grüner Star), in dessen Verlauf der Sehnerv abstirbt. Psychische Belastung und Stress können nämlich unter anderem den Augeninnendruck verändern, der als Risikofaktor für ein Glaukom gilt. Umgekehrt haben Studien Folgendes ergeben: „Autogenes Training und Ausdauersport wirken sich günstig auf den Augeninnendruck aus“, sagt Helbig. Er warnt aber vor weiterreichenden Schlüssen. So sind für die DOG Medikamente, die den Augendruck senken, Mittel der ersten Wahl, um die Krankheit aufzuhalten. Auch Emmerich ist bei diesem Thema vorsichtig. Die Effekte, die sich durch Entspannungsübungen erzielen ließen, seien vergleichsweise gering. „Patienten fassen solche Aussagen gerne so auf, dass sie keine Tropfen mehr nehmen müssen. Dabei könnten sie aber Schaden nehmen!“, warnt die Augenärztin.

Emmerich will keine allgemeingültigen Tipps geben, was Augen und Psyche anbetrifft. Dazu sind die Fälle, mit denen sie es in der Praxis zu tun hat, zu verschieden. Allenfalls, meint sie, könne man zu Entspannungsübungen raten. „Autogenes Training oder Muskelrelaxation nach Jacobson sind oft eine sinnvolle Ergänzung zur Behandlung stressbedingter körperlicher Erkrankungen“, sagt sie. Dadurch habe man mehr Energie – und die trägt auch zum besseren Durchblick bei.

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