Donnerstag, 14. Dezember 2017

21. Januar 2013 09:56 Uhr

Augsburger Puppenkiste

Alles Gute Kasperle!

Seit einem halben Jahrhundert lebt Klaus Marschall mit der Augsburger Puppenkiste. In diesen Tagen ist der Gründer-Enkel besonders gefragt: Die Marionetten feiern mehrere Jubiläen.

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Zwei, die schon viel miteinander erlebt haben: Der Puppenkisten-Chef Klaus Marschall und sein wichtigster Mitarbeiter, das Kasperle. Derzeit sind die beiden besonders gefragt. Denn die Fernsehpremiere der Augsburger Marionetten ist genau 60 Jahre her – und das Theater wird im Februar 65 Jahre alt.
Foto: Ulrich Wagner

Einmal hat er den Text vergessen. Das Kasperle stand ganz allein auf der Bühne. Klaus Marschall beugte sich oben drüber, verlieh ihm die Stimme und hielt seine Fäden in der Hand. Und plötzlich, mitten im Satz, gingen dem Chef der Augsburger Puppenkiste die Worte verloren. „Der Zuschauerraum war voller Menschen und mein Kopf war vollkommen leer“, erinnert er sich. Eine Mitarbeiterin kam zu Hilfe. Sie rannte vor die Bühne, wandte sich an das Kasperle und ergriff für die Puppe das Wort – wie für einen guten Freund, der bei einer Prüfung hängen bleibt. Das Publikum hat es verziehen. Mehr als zwanzig Jahre ist das jetzt her. Klaus Marschall aber wird immer noch ein bisschen rot im Gesicht, wenn er an diese Panne denkt – an das wortlose kleine Kasperle, das durch seine Schuld so einsam und verlassen vor all den Menschen stand.

Vor 65 Jahren, am 24. Februar 1948, meldet die Augsburger Allgemeine: „Augsburg bekommt ein Marionettentheater“. In dem Artikel wird erklärt: „Die Puppen hängen an dunklen Zwirnfäden, die durch das sogenannte Spielkreuz dem Zuschauer fast unbemerkt bewegt werden. Eine Figur hat mindestens acht Fäden, doch können, wenn hohe Beweglichkeit gewünscht wird, bis über zwanzig verwendet werden.“ Heute vor 60 Jahren, am 21. Januar1953, läuft die Puppenkiste zum ersten Mal im Fernsehen.

Ein einfaches hölzernes Kasperle

Rund 18 Jahre nach der Eröffnung, es muss 1966 gewesen sein, bekommt ein kleiner Bub seine erste Puppe geschenkt. Klaus Marschall, Enkel des Puppenkisten-Gründers Walter Oehmichen, ist vier Jahre alt. Er hat die Handpuppe heute noch: ein einfaches hölzernes Kasperle. Die Stoffbeine schlackern, aus dem Gesicht sticht eine Stäbchennase hervor. „Mein Bruder Jürgen und ich waren zu der Zeit für Marionetten zu jung“, sagt Klaus Marschall, „Fäden wären noch zu kompliziert gewesen.“ Die Mutter Hannelore Marschall-Oehmichen hat die Puppe geschnitzt und ihr Kleider genäht. Und sie liest den Buben Geschichten dazu vor. Ein paar Jahre später aber entdeckt Klaus im Keller von Opa Walter das alte Puppentheater, das der während des Zweiten Weltkrieges für seine Töchter gebaut hat – für Klaus´ Mama Hannelore und seine Tante Ulla.

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Walter Oehmichen, geboren 1901 in Magdeburg und gestorben 1977 in Augsburg, wird Zeit seines Lebens immer wieder nach den Ursprüngen der Augsburger Puppenkiste gefragt. Er antwortet: „Als dieser Krieg vorbei und alles so trostlos war, sagte ich mir, je stärker ich die Menschen mit Puppenspielen entrücken kann, desto mehr helfe ich ihnen.“

90 Nachbarn und 350 Mark

In der dritten Klasse beginnt Oehmichens Enkel Klaus Marschall, gemeinsam mit zwei Freunden erste Stücke mit den alten Marionetten des Opas aufzuführen. Erst vor der Familie, dann vor Freunden, später auch vor Lehrern und Mitschülern. Seine erste „große“ Aufführung absolviert er Weihnachten 1972. „Die Eltern hatten erlaubt, dass wir Nachbarn einladen. Sie haben nur nicht gesagt, wie viele“, erinnert er sich. Und grinst.

Fast 90 Nachbarn laufen an diesem 24. Dezember durch das weihnachtlich geschmückte Haus der Familie, hoch ins Gästezimmer im zweiten Stock. Klaus Marschall und seine Freunde haben dort drei Vorführungen angesetzt. Sie zeigen „Onkel Popoff und die Weihnacht der Tiere“. In dem Hut, den sie aufgestellt haben, liegen am Ende 350 Mark. Die Buben spenden das Geld für einen guten Zweck.

Am 24. Februar 1973 berichtet die Augsburger Allgemeine: „Der elfjährige Enkel Klaus Marschall zieht außerdem bereits mit einer selbstgebastelten Minipuppenkiste durch einen Augsburger Vorort und übt sich mit Schulfreunden darauf ein, irgendwann die dritte Oehmichen-Generation auf dem Spielersteg würdig zu vertreten.“

Der erste Einsatz kommt überraschend

Der erste Einsatz an den „richtigen“ Marionetten trifft Klaus Marschall überraschend ein paar Monate später. Zwei Puppenspieler sind krank geworden. Klaus Marschall ist zuhause, als die Eltern anrufen und ihn einbestellen: „Sofort!“ Als der Bub in der Spitalgasse hinter die Bühne rennt, läuft die Vorstellung schon. Mit auf der Rampe steht mit hochrotem Kopf eine Putzfrau und hält sich krampfhaft am Holzkreuz einer Marionette fest. „Die arme Frau war noch mehr überfordert als ich, deshalb habe ich sie abgelöst. Zwei Hände mehr zum Halten, das war immerhin besser als nichts“, erinnert er sich.

Am 2. November 1977 stirbt Walter Oehmichen im Alter von 76 Jahren. Bei seiner Trauerfeier wird ein Zitat aus Antoine de Saint-Exupérys Werk „Der kleine Prinz“ verlesen: „Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein. Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer. Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen.“

Sprechausbildung und Ausbildung zum Dekorateur

Klaus Marschall wächst in dem Bewusstsein auf, dass die „Augsburger Puppenkiste“ seines Großvaters deutschlandweit bekannt ist. Jürgen, sein drei Jahre älterer Bruder, verliert in der Jugendzeit das Interesse an dem Familienunternehmen und kehrt erst in den 90er Jahren wieder zu dem Betrieb zurück. Klaus aber ist von den Geschehnissen im Theater in der Augsburger Spitalgasse fasziniert. Dort reiht sich eine Vorführung an die nächste, die Fernsehteams gehen ein und aus.

Und Klaus hilft, wo er kann: Für den Umbau der Bühnenbilder kriecht er auf allen Vieren unter der Rampe hinter der Bühne hin und her. Während der Dreharbeiten schüttelt er die Wellen ins Plastikmeer. Er bringt den Kameraleuten die Wurstsemmeln und dem Bühnenbildner Hammer und Säge. Er schafft es wider Erwarten, nicht durch die zehnte Klasse zu fallen, und beendet seine Schullaufbahn vorzeitig.

 

Auf Praktika bei anderen Puppentheatern und ein paar Wochen Sprechausbildung folgt eine Ausbildung zum Dekorateur. In dieser Zeit lernt er auch seine Frau Linda kennen. Auch sie fängt an, im Familienbetrieb Puppenkiste mitzuarbeiten. 1983, 1987 und 1988 kommen Michael, Melanie und Thomas zur Welt. 1992 übernimmt Klaus Marschall die Leitung des Familienunternehmens.

Am 16. November 1995 berichtet die Süddeutsche Zeitung: „Puppenkiste wandelt sich zum Action-Kino“. Sie schreibt: „Nachdem die Medien-Szene ihre lummerländische Überschaubarkeit längst verloren hat, ziehen jetzt auch die Augsburger Puppenspieler neue Saiten auf. Die Puppenkiste geht in die Medienoffensive.“

Interesse beim Fernsehen lässt nach

Klaus Marschall gelingt mit der Geschichte von Monty Spinnerratz der erste Kinofilm der Augsburger Puppenkiste. Es ist auch der bisher einzige. Das Interesse von Film- und Fernsehmachern an den Marionetten scheint nach und nach abzunehmen. 2011 wird bekannt, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender die Geschichten der Augsburger Puppen ins Archiv gesteckt haben.

Eine Sprecherin des Kinderkanals versucht 2011 gegenüber unserer Redaktion zu erklären, warum die Abenteuer von Jim Knopf & Co in Zukunft nicht mehr gesendet werden sollen. Sie sagt: „Den Kindern heutzutage ist das Marionettenspiel zu langsam.“

Der Familienbetrieb lebt weiter

In der Spitalgasse macht sich unterdessen die vierte Generation des Unternehmens Puppenkiste bereit. Klaus Marschalls Sohn Michael lernt das Puppenspielen, seine Tochter Melanie kümmert sich um die Verwaltung. Thomas studiert noch. Im Januar 2013 kehren die Marionetten auf die Bildschirme zurück. In der BR-Sendung „Freitag auf d´Nacht“ sind ihnen aber nur ein paar Minuten pro Woche vergönnt.

Wenn das Bayerische Fernsehen heuer in Memmingen die traditionelle Faschingssendung „Schwaben Weißblau“ aufzeichnet, ist zum ersten Mal auch das Kasperle aus Augsburg mit dabei.


„Marionetten sind anders als Figuren, die per Computer animiert wurden. Sie lassen Raum für Fantasie“, sagt Klaus Marschall. „Aber im Grunde wedeln wir natürlich nur mit einem Stück Holz.“

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