Samstag, 16. Dezember 2017

09. Juli 2014 00:34 Uhr

Gesellschaft

Wenn das Leben eine Gratwanderung ist

Christine Huber ist 37 Jahre alt, zweifache Mutter und psychisch krank. Die Kampagne „Mensch: irre!“ will zeigen, wie normal das ist

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Als Christine Huber 13 Jahre alt war, machte ein Lehrer eine komische Bemerkung. Was es war, daran kann sie sich gar nicht mehr erinnern. Woran sie sich umso besser erinnert: Dass sie sich damals mit einem stumpfen Bleistift in die Haut ritzte, um den Druck ertragen zu können. Und sie erinnert sich daran, was sie damals dachte: „Da wusste ich, dass was nicht stimmt.“ Wer sich die Lebensgeschichte der 37 Jahre alten Frau anhört, denkt sich, dass da vieles nicht stimmt: Ihre Mutter wollte sich umbringen, als sie mit ihr schwanger war. Der Vater spielte in ihrem Leben keine Rolle. Die Erziehung nennt sie „streng“, das bedeutet: Schläge, Einsperren, Essensentzug. Der Einzige, der sie liebte, war der Großvater, doch den durfte sie nur heimlich sehen. Als sie 14 war, starb er. Sie hatte niemanden mehr.

Heute ist Christine Huber 37 Jahre alt, zweifache Mutter und weiß, warum sie sich so oft selbst verletzte: Sie ist psychisch krank. Und sie hat den Mut, sich hinzustellen und ihr Leben zu erzählen. Zu erzählen, dass sie Wünsche hat wie alle anderen Menschen auch: Ihre Ängste zu bewältigen, ein normales Leben zu führen, ihre Kinder versorgt zu wissen, die bei Pflegeeltern leben.

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Huber hat das Borderline-Syndrom und Bipolare Störungen. Was das bedeutet, erklären wir im Infokasten. Sie selbst erklärt es so: „Es ist ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Wie wenn man mit einem Fallschirm abspringt und die Reißleine ziehen will, aber er geht nicht auf und man rast auf die Erde zu.“ Turbulent. Anstrengend.

Sie selber hat es geschafft, die Leine halbwegs unter Kontrolle zu bekommen, lebt jetzt im Bebo-Wager-Haus der Arbeiterwohlfahrt in Pfersee. Die Augsburger Awo startete dieses Jahr das deutschlandweite Pilotprojekt „Mensch: irre!“. Mit Aktionen – Lesungen, Musik, Ausstellungen, einem Internetauftritt – soll klar gemacht werden: Psychisch krank zu sein, ist nichts Besonderes. Awo-Geschäftsführerin Claudia Frost kennt die Zahlen: 31 Prozent der Deutschen leiden an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung, 15 Prozent erkranken einmal im Leben an einer Depression. Jede Stunde bringt sich jemand um in Deutschland. Doch obwohl die Akzeptanz von „anerkannten“ Problemen wie Depressionen und Burn-out steigt, gebe es immer nochviel Unwissenheit und Angst gegenüber dem Unbekannten: Borderline, Psychose, Schizophrenie...

Dabei müsste es Hochachtung sein. Hochachtung davor, mit welcher Kraft Menschen wie Christine Huber trotz allem ihr Leben meistern. Jahrelang hatte sie sich als Mädchen immer wieder selbst geritzt oder mit dem Feuerzeug gebrannt. Manchmal, um sich überhaupt spüren zu können. Manchmal, um dem Druck standzuhalten. Einmal versuchte sie sich umzubringen. Dann, als sie zur Ausbildung bei Kolping im Internat war, bemerkte eine Ausbilderin die Verletzungen. Christine kam ins Bezirkskrankenhaus, erhielt Medikamente, Therapien und zog schließlich 2003 das erste Mal ins Bebo-Wager-Haus. Dort wohnen 18 Menschen mit psychischen Problemen in einer Wohngemeinschaft, betreut von Fachleuten, doch so nah wie möglich am Alltag. Sie putzen, kochen, gehen ins Beschäftigungs- und Trainingszentrum zum Arbeiten.

Als sie ein paar Jahre später einen Mann kennenlernte, zog sie aus. „Heiraten, Kinder bekommen, ein Führerschein, ein Auto – das war immer mein Traum.“ Sie hatte alles – doch es war ein Albtraum. Ihr Ehemann, ein Alkoholiker, schlug sie, sie führte ein Leben wie im Käfig, hatte keine Freunde. „Eine schlechte Mischung“, sagt sie. Die ältere der beiden Töchter lebte bei Pflegeeltern. Irgendwann konnte sie nicht mehr, musste 2010 wieder ins BKH, spielte aber allen „Friede, Freude, Eierkuchen“ vor – aus Angst, alles zu verlieren. Eine Anzeige gegen ihren Mann zog sie wieder zurück. Schließlich jedoch schaffte sie die Trennung, aus Sorge um ihre kleine Tochter. Der Ex-Mann ist inzwischen tot: Krebs. Beide Kinder leben bei Pflegeel-tern, Christine Huber zog wieder ins Bebo-Wager-Haus. Die Mädchen sieht sie einmal im Monat, telefoniert wöchentlich mit ihnen.

Die Geschichte ist außergewöhnlich, für die Bewohner des Bebo-Wager-Hauses sei sie recht typisch, sagt Claudia Frost. Dem aktuellen Forschungsstand zufolge haben psychische Krankheiten drei Ursachen: Biologische (genetisch bedingt), psychische (Wahrnehmungsfilter funktionieren nicht) und soziale (Familiengeschichte und Herkunft). Viele psychisch Kranke haben Schlimmes erlebt: sexuellen Missbrauch oder Gewalt. Sie sind traumatisiert. „Doch es ist unglaublich, welche Stärke in den Menschen liegt“, sagt Claudia Frost.

Inzwischen ist Christine Huber Heimbeirätin, hat sich einen Freundeskreis aufgebaut. Sie hat gelernt, mit der Krankheit umzugehen, weiß, wann sie zusätzliche Medikamente braucht, wann ein Gespräch. Versucht, sich mit positiven Zielen zu stärken, wenn ihr die negativen Gedankenspiralen die Kraft rauben, sie sich nur noch verkriechen will. Sie spielt die „Hauptrolle“ in einem der Spots, mit dem „Mensch: irre!“ in Kinos um Verständnis wirbt, war dabei, als Mitarbeiter und Patienten zusammen am Kö Luftballons an Passanten verteilten. „Da kann man gar nicht unterscheiden, wer normal ist und wer nicht“, sagte ein Passant.

mensch-irre.de

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Augsburg | AWO | Pfersee | Deutschland

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