Freitag, 24. Mai 2013

03. Februar 2012 20:04 Uhr

Theater im Hoffmannkeller

Schnepfen in Knautschland

Die bissige Premiere der „Gespräche mit Astronauten“ gab es im Hoffmannkeller zu sehen.

Wer chic ist, kann trotzdem spießig sein: Olga Nasfeter, Judith Bohle und Sarah Bonitz (von links) in der Augsburger Inszenierung von Felicia Zellers „Gespräche mit Astronauten“ im Hoffmann-Keller. Foto: Nik Schölzel/Theater Augsburg

Ein Abend fest in weiblicher Hand. Eine Frau, nämlich Felicia Zeller (*1970), hat die Tragikomödie „Gespräche mit Astronauten“ – ein irreführender Titel – geschrieben. Drei Frauen produzierten. Drei Frauen spielten – und zwar Frauen. Handelnde Männer sind denkbar, sie griffen aber im Hoffmannkeller nicht ein. Sie hätten das Kraut auch nicht weiter fett gemacht.

Denn es ist schon fett. Die eine Hälfte der Frauen, die hier zu Wort kommt, hätte man früher Schreckschrauben genannt; heute heißen sie Schnepfen. Schrill, hysterisch, tyrannisch. Und die andere Hälfte, die das Herz womöglich auf dem rechten Fleck trägt, eifert dem allgemeinen Schnepfen-Wohlstand eher mehr als weniger nach.

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Zu je einem Drittel Farce, Groteske, Kabarett

Wir sind in Knautschland, wo uns das „sch“ und das angehängte „land“ vertraut vorkommen. Die eine stöckelnde Frauenhälfte ist mit kleinen Kindern (zu Hause) auf dem Modedesign-Karrieretrip (außer Haus). Die andere Frauenhälfte stammt aus Ländern ohne verbreiteten Schnepfen-Wohlstand. Sie kam „au pair“ nach Knautschland, um Knautsch zu lernen und knautschige Kinder zu hüten. Doch was die modernen Sklavinnen zuerst lernen, noch bevor sie knautsch können, das ist Bevormundung und Ernüchterung. Beide Hälften kriegen sich frauenspezifisch in die Haare.

Felicia Zellers Zeitstück „Gespräche mit Astronauten“ ist zu je einem Drittel Groteske, Farce, Kabarett. Und hinzu kommt noch ein Schuss Grand Guignol zu diesem ganz und gar nicht frauenfreundlichen, doch hinreichend bissigen Eineinhalbstünder. In jeder der Zellerschen Zuspitzungen steckt Ernst – so viel Ernst wie auch in Schimmelpfennigs tragikomischen „Der goldene Drache“ (Premiere an diesem Samstag im tim) – ebenfalls ein Stück über Billiglohnkraft in „-schland“.

Auf aseptischem Kachelboden vor Design-Tapete und Stil-Kamin mit Stil-Bilderrahmen (Ausstattung: Anna van Leen) hat Sylvia Sobottka die „Gespräche mit Astronauten“ turbulent und geboten überdreht in Szene gesetzt. Den Typus der affektierten und frustrierten Wohlstandsfrau bringt sie hier in Façon, den Typus des hoffnungsfrohen Gast-Mädchens dort. Ihre Stoßrichtung gerät so deutlich wie das ganze, gut recherchierte Stück. Wallraff und Hochhuth haben in Zeller eine nachgeborene, überzeichnende Kollegin erhalten.

In Augsburg agieren, zum Teil chorisch, die Schauspielerinnen Judith Bohle, Sarah Bonitz und Olga Nasfeter. Allen Dreien schaut man gerne zu – und wenn auch nur stumm ein Apfel verzehrt wird. Sollte über das Trio das Urteil des Paris gesprochen werden müssen, dann würde Sarah Bonitz erwählt werden. Sie gibt die Schnepfe besonders zwangsneurotisch und das Au-pair-Girl besonders einfältig.

Nächste Aufführungen 8., 15., 25. Februar im Hoffmannkeller

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