Montag, 20. Oktober 2014

09. Juli 2013 18:09 Uhr

NSU-Prozess

Erschreckende Bilder - und Beate Zschäpe sieht weg

Eine große Blutlache im Transporter, verstreute Patronenhülsen: Als am heutigen NSU-Prozesstag Bilder von einem Tatort gezeigt wurden, schaute Beate Zschäpe weg.

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Am 9. September 2000 erschossen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek. Es war der erste Mord der Neonazi-Terroristen des «Nationalsozialistischen Untergrunds». Am Dienstag begann das Oberlandesgericht München im NSU-Prozess mit der Beweisaufnahme zu der ersten Tat der Mordserie.

Die Bilder vom Tatort, die ein Beamter zeigte, sehen auf den ersten Blick fast idyllisch aus: Ein sonniger Herbsttag, der Blumenstand am Straßenrand, Blumenkübel unter einem bunten Sonnenschirm, dahinter der weiße Mercedes-Transporter mit der roten Aufschrift «Simsek Blumen».

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NSU-Prozess: Fotos lassen Horror erahnen

Die Fotos aus dem Fahrzeuginneren lassen hingegen den Horror ahnen, der sich dort abgespielt haben muss: Eine große Blutlache auf dem Metallboden, verstreute Patronenhülsen. Simsek rang zu dieser Zeit noch im Krankenhaus mit dem Tode, bevor er zwei Tage später seinen Verletzungen erlag. Es war der erste Mord der sogenannten Ceska-Serie - mit der Pistole des tschechischen Fabrikats erschossen die Terroristen insgesamt neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft.

Beate Zschäpe sah weg

Beate Zschäpe schaute weg, als die Bilder aus dem Transporter gezeigt wurden, scheinbar konzentriert starrte sie auf den Bildschirm ihres Laptops, teilweise verdeckten die offenen Haare ihr Gesicht. Die einzige Überlebende der Neonazi-Gruppe ist als Mittäterin an allen Anschlägen angeklagt. Sie soll für die legale Fassade des Terror-Trios gesorgt haben - damit, so die Bundesanwaltschaft, habe sie die Taten erst möglich gemacht. Der Terrorgruppe «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) werden unter anderem zehn Morde und zwei Bombenanschläge zur Last gelegt.

Mittlerweile hat das Oberlandesgericht München Verhandlungstermine bis Ende nächsten Jahres angesetzt. In einer Verfügung für die Verfahrensbeteiligten wurden mehr als hundert zusätzliche Verhandlungstage vorgemerkt, der vorerst letzte für den 18. Dezember 2014. Es wird allgemein damit gerechnet, dass der Prozess bis zu zweieinhalb Jahre dauern könnte. Am Dienstag war der 20. Verhandlungstag.

Angeklagter will nicht mehr vor Gericht erscheinen

Der Angeklagte André E. beantragte am Dienstag, bei der Verhandlung der «Ceska»-Morde nicht mehr vor Gericht erscheinen zu müssen. Diese Fälle würden ihn nicht betreffen, argumentierten seine Anwälte. Dem 33-Jährigen wird Beihilfe zu anderen Taten der Neonazi-Terroristen vorgeworfen. Unter anderem soll er Wohnmobile gemietet haben, welche die Terroristen bei Raubüberfällen und einem Sprengstoffanschlag nutzten. Die Bundesanwaltschaft trat dem Antrag der Verteidiger entgegen. Der Vorwurf gegen André E. laute auch auf Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Die einzelnen Taten seien von diesem Vorwurf nicht zu trennen.

Am Dienstag war zunächst ein Staatsanwalt als Zeuge gehört worden. Er hatte den Angeklagten Holger G. vernommen, der die NSU-Terroristen unterstützt haben soll. G. hat im Prozess lediglich eine Erklärung vorgelesen. Er gab zu, einmal im Auftrag des ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben eine Pistole transportiert zu haben, außerdem hatte er dem Trio Papiere besorgt. «Er fühlte sich betrogen, war erschüttert darüber, was sie damit gemacht hatten», schilderte der Staatsanwalt die Vernehmung.

Die Befragung sei mühsam gewesen. «Es war 'ne Zangengeburt, die Angaben kamen scheibchenweise raus», meinte der Staatsanwalt. Holger G. habe mehrmals gesagt, dass er sich an zeitliche Abläufe nicht genau erinnern könne. G. gilt als einer der Hauptbelastungszeugen, was die Beteiligung von Beate Zschäpe an den Taten der Gruppe angeht.

Zwei Polizeibeamte schilderten die Ermittlungen am Tatort. Unterdessen wird immer deutlicher, dass es ein langwieriges Strafverfahren wird: Der Vorsitzende Richter hat Termine bis Dezember kommenden Jahres vorgemerkt. dpa/AZ

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