Dienstag, 26. Juli 2016

22. Juni 2013 09:21 Uhr

Fall Haderthauer

Modellbau-Affäre: Von Wahrheiten und Fakten

Die Landesanwaltschaft prüft die nicht angemeldete Nebentätigkeit Hubert Haderthauers. Der Modellbauer und Mörder Roland S. wirft ihm vor, ihn um seinen Besitz gebracht zu haben. Von Barbara Würmseher und Stefan Küpper

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Roger Ponton im Wohnzimmer seines Hauses in Ensisheim.
Foto: Küpper

Inzwischen liegt auf dem Stapel mit den Akten zur Sapor Modelltechnik von Roger Ponton noch ein Brief. Er ist von den Anwälten Hubert und Christine Haderthauers an seinen Advokaten und ruht ganz oben auf einem Schreibtisch in Pontons Wohnzimmer im elsässischen Ensisheim. Es heißt darin: „Unsere Mandanten wollten nicht gleich im Wege einer strafbewehrten Widerruf- und Unterlassungsverfügung gegen Ihren Mandanten vorgehen. Wir möchten Sie auf diesem Weg bitten, Ihren Mandanten eindringlich anzuhalten, bei künftigen Auskünften an irgendwelche Medien sich an die Wahrheit und an die Fakten zu halten. Etwaige gerichtliche Schritte müssen wir uns natürlich vorbehalten.“

Wahrheit und Fakten. Was stimmt, was nicht? Wem nutzt was in dieser Geschichte, die fast so kleinteilig und kompliziert ist wie die teuren Oldtimer-Modelle, die über Jahre unter der Leitung des talentierten Tüftlers und Dreifachmörders Roland S. in den Bezirkskrankenhäusern Ansbach und Straubing seit 1988 entstanden? Diese schicken Modelle, die Kennern feuchte Augen machen und mit denen Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer, ihr Mann, der Ingolstädter Landgerichtsarzt Hubert Haderthauer, und der Franzose Roger Ponton als Gesellschafter in wechselnder Besetzung und mit wechselndem Umsatz Handel getrieben haben.

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Unterschiedliche Ansichten darüber, was der Wahrheit entspricht

Was wahr und Fakt ist, darüber haben die Beteiligten sehr unterschiedliche Ansichten. Und sie vertreten sie zunehmend entschieden. Denn Ponton, Geschäftsmann aus dem Elsass, sagt nach wie vor: „Ich fühle mich arglistig getäuscht. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich mich nicht auf den Vergleich mit den Haderthauers eingelassen.“ Und Roland S., früher Patient von Haderthauer in der „Arbeitstherapie Modellbau“, sagt: „Ich habe meinen Anwalt beauftragt, juristisch gegen Haderthauer vorzugehen. Mir geht es darum, dass er mich auf üble Art um meinen eigenen Besitz gebracht hat.“

Der Reihe nach. Wie mehrfach berichtet, war Hubert Haderthauer bis 2008 Gesellschafter der Sapor Modelltechnik GbR. Sein Engagement im Oldtimer-Modell-Handel rührt aus einer alten Bekanntschaft aus den späten 80er Jahren. Bevor Haderthauer nach Ingolstadt wechselte, war er von April 1988 bis September 1989 Arzt in der Ansbacher Forensik und betreute dort den Patienten S. An Sapor Modelltechnik waren die Haderthauers nacheinander beteiligt: Sie bis Dezember 2003, er in der Folge bis zum 31. Oktober 2008. Warum 2008? Dann wurde Christine Haderthauer Sozialministerin und übernahm somit auch die Aufsicht über die Bezirkskrankenhäuser. Aus dem Engagement der Haderthauers ergeben sich nun eine Reihe Probleme.

1. Problem: Die Regierung von Oberbayern hat die weitere Prüfung der Vorwürfe gegen Hubert Haderthauer an die Landesanwaltschaft Bayern abgegeben. Der Leitende Ingolstädter Landgerichtsarzt und Ehemann der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer hat zwischen Ende der 80er Jahre und 2008 Geschäfte mit hochwertigen Automodellen gemacht, die in der Forensik der Bezirkskrankenhäuser Ansbach und Straubing gebaut wurden. In der öffentlichen Kritik steht, dass Hubert Haderthauer seine Tätigkeit für die Firma Sapor Modeltechnik seinem Dienstherrn nicht gemeldet hatte. Die Landesanwaltschaft ist unter anderem auch zuständig für Disziplinarverfahren.

2. Problem: Als Hubert Haderthauer 2008 bei Sapor Modelltechnik ausstieg und die Firma an den Ingolstädter Heinrich Sandner verkaufte, verkaufte er auch die Anteile Roger Pontons mit. Der hatte sich, wie er zugibt, Jahre nicht gekümmert, hatte private und gesundheitliche Probleme, war aber dennoch einigermaßen überrascht, als er erfuhr, dass seine Anteile Sandner gehören, er aber keinen Cent dafür gesehen hatte. Man einigte sich 2011 mit den Haderthauers auf einen Vergleich. Ponton erhielt 20 000 Euro in vier Raten. Er habe aber zum damaligen Zeitpunkt nicht gewusst, wie viele Modelle tatsächlich gebaut und verkauft worden waren. Die Zahlen über Gewinne, die er aus Ingolstadt zugesandt bekam, entsprachen nicht dem, was er sich erhofft hatte. Dann erfuhr er, welche Modellzahlen laut S. gebaut und ausgeliefert wurden, zog Rückschlüsse auf mögliche Gewinne und begann, sich Fragen zu stellen. Christine Haderthauer schrieb dazu am 3. Juni: Die anwaltliche Vereinbarung im Jahre 2011 habe lediglich den internen Ausgleich alter Ansprüche zwischen allen Gesellschaftern betroffen. „Aus dem gesamten Sachverhalt ist in keinerlei Hinsicht etwas Kritikwürdiges abzuleiten.“ Und in Bezug auf den Vorwurf Pontons, er sei hintergangen worden, äußert sich Haderthauer so: „Dieser Gedanke ist völlig haltlos.“

3. Problem: Roland S., der sich wundert und sagt: „Ponton fühlt sich mit Recht getäuscht.“ S., der die Modelle gebaut hat, nennt Zahlen: „Es wurden fünf Serien à 25 Fahrzeuge und eine Serie à 15 Fahrzeuge geplant. Vier mal 25 wurden ausgeliefert. Das sind also 100 Stück.“ Aus der fünften Serie seien erst zwölf fertiggestellt und ausgeliefert und aus der letzten Serie mit 15 Stück seien acht fertig und ausgeliefert. Über 100 Autos also, alle bis Ende 2010, so S. Und mit welcher Summe hatte er kalkuliert? „Ich war immer so bei 15 000 bis 18 000 Mark beziehungsweise 15 000 bis 16 000 Euro“ – pro Auto. Haderthauer hat nach eigenen Angaben über die Jahre im Schnitt jährlich „nicht mehr als 7000 Euro Gewinn“ gemacht. Vor dem Verkauf der Firma habe eine Kanzlei 2008 ihren Wert auf 20 000 Euro geschätzt. Passen die Zahlen von S. und die Haderthauers zusammen? Und was ist mit dem Rolls-Royce-Modell (Baujahr 1905), den S. Haderthauer als Sicherheit im Rahmen eines Sondervertrages ausgehändigt haben soll, und  um den sich S. von Haderthauer geprellt fühlt?

4. Problem: Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Hubert Haderthauer Angaben gemacht hat, die als widerlegt gelten können. Er hatte über seine Frau gesagt: Sie sei Teilhaberin mit 50 Prozent an Sapor Modelltechnik gewesen, sei aber nie nach außen aufgetreten, habe nie etwas gemacht, dafür könne er „eine eidesstattliche Versicherung“ abgeben. Die Geschäftsunterlagen Pontons, die unserer Zeitung vorliegen, bestätigen, was der Spiegel aufgedeckt hatte: Christine Haderthauer hatte eine aktive Rolle bei Sapor Modelltechnik auch schon, bevor sie 1993 offiziell als Gesellschafterin einstieg. Das belegen unter anderem Korrespondenzen, die sich um den Aussch eines dritten Sapor Modelltechnik-Gesellschafters drehen, der zunächst beteiligt war. In dem Schriftstück vom 11. März 1992 heißt es darin unter anderem: „Da wir nur eine kleine Gesellschaft sind und gerade erst dabei sind uns einen Markt zu erschließen, schadet uns die Tatsache (...) Auch unter diesem Gesichtspunkt ist ein weiteres Verbleiben von Dir in der Firma untragbar. Mit vorzüglicher Hochachtung Christine Haderthauer.“ Sie wollte sich gestern genauso wie ihr Mann nicht weiter zu der Angelegenheit äußern. Ihre Sprecherin verwies auf die Statements von vor über zwei Wochen. Darin hatte sie im Wesentlichen die Geschäftsführung von Sapor Modelltechnik seit 1993 ihrem Mann zugeschrieben.

5. Problem: Der Modellbau-Handel wird Teil des Wahlkampfes. Die Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag fordert von der Staatsregierung weiterhin umfassende Aufklärung in der Causa Haderthauer. Per Dringlichkeitsantrag, der im Juli dem Landtag zum Beschluss vorgelegt werden soll, melden die Abgeordneten erhebliche Zweifel an „der korrekten Amtsführung der Staatsministerin Christine Haderthauer“ an. Ihrer Ansicht nach wussten beide Haderthauers „über Jahre hinweg die Möglichkeiten, die ihnen durch ihre Jobs geboten waren, perfekt zum eigenen, auch finanziellen Vorteil, auszunutzen.“ Und das auf der „Grundlage schlecht bezahlter Arbeit Schutzbefohlener“. Die Landtags-Grünen fordern daher die Staatsregierung auf, zu hinterfragen, ob Christine Haderthauer „mit dieser Vorgeschichte die moralische Eignung für das Amt der Sozialministerin hat“. Ebenso stellen sie infrage, ob ihre frühere Beteiligung an den Geschäften mit dem Modellbau in der Forensik mit einer korrekten Amtsführung in Einklang zu bringen ist. Lässt sich ein Interessenkonflikt ausschließen? Bislang hat das Ehepaar immer wissen lassen, Christine Haderthauers Tätigkeit als Geschäftsführerin sei heute nicht mehr relevant, da sie in eine Zeit lange vor ihrer politischen Karriere datiere.

Als Sozialministerin aber obliegt ihr die Fachaufsicht über die bayerischen Bezirkskrankenhäuser, also auch über die Straubinger Einrichtung, in der Roland S. heute wieder Modelle baut. Christine Haderthauer ist seit 2003 nicht mehr Mitgesellschafterin, ihr Mann hat seine Anteile 2008 verkauft. Dennoch kennt sie die Firma nach wie vor gut. Denn Heinrich Sandner, der jetzige Firmeninhaber, ist nicht irgendein Käufer. Er gilt in Ingolstadt seit mindestens zehn Jahren als enger Duz-Freund der Familie Haderthauer, wie aus deren privatem Umfeld zu erfahren ist. Beim 50. Geburtstag der Ministerin im November 2012 beispielsweise sei er einer der rund 60 ausgesuchten Gäste gewesen, die zur privaten Feier in das Familienanwesen eingeladen waren.

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