Samstag, 3. Dezember 2016

25. März 2014 09:43 Uhr

Tierpark Hellabrunn

Streit um Eisbären-Babys: Zu wenig Platz im Zoo?

Die zwei kleinen Eisbären sind die neue Attraktion des Tierparks Hellabrunn. Während sich die Besucher an den Zwillingen erfreuen, werfen andere dem Zoo Quälerei vor.

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Eisbärin Giovanna mit ihrem Nachwuchs im Tierpark Hellabrunn.
Foto: Marc Müller/Tierpark Hellabrunn (dpa)

Ganz tapsig erkunden die beiden Eisbärenkinder im Münchner Tierpark Hellabrunn den Außenbereich ihres Geheges. Vorsichtig klettern sie über umgefallene Bäume, ziehen sich an Steinen hoch und planschen im Wasser. Ihre Mutter Giovanna behält sie dabei immer im Blick. Das tun auch die Besucher. Schon Wochen bevor sich die Geschwister vergangenen Mittwoch erstmals offiziell draußen gezeigt haben, fieberten viele Menschen diesem Augenblick entgegen.

Auf der Facebook-Seite des Zoos klickten hunderte Nutzer auf „Gefällt mir“, als neue Bilder aus der Höhle der Eisbären im Internet veröffentlicht wurden. Auch die meisten Kommentare waren eindeutig: „Zwei Zuckerschnuten“ schrieb jemand, „Doppel-Knut“ ein anderer. Dass die Zwillinge das Schicksal ihres berühmten Artgenossen aus dem Berliner Zoo nicht teilen, nicht verhaltensauffällig werden und auch nicht zu früh sterben sollen, ist im Internet kaum ein Thema – und wenn vor allem bei Tierschutzorganisationen. Im Gespräch mit unserer Redaktion bekräftigen sie ihre Kritik.

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Kritik: Zoos gehe es mehr um Einnahmen als um die Tiere

So spricht etwa Peter Höffken, Diplom-Zoologe und Kampagnenleiter bei Peta, von „tierquälerischen Haltungsbedingungen“ auch in Hellabrunn. Die Eisbären würden deutlich sichtbar darunter leiden, zu wenig Platz zu haben. Deshalb sollten Menschen Mitleid haben „und kein Geld ausgeben, um verhaltensgestörte Tiere anzuschauen“. Auch andere Organisationen kritisieren, dass es Zoos weniger um die Tiere und mehr um die Einnahmen gehe, die mit jeder Geburt anstiegen.

Egal wie Gehege gestaltet sind, die Lebensbedingungen in der freien Wildbahn ließen sich nie simulieren, erläutert Nicole Brühl, Präsidentin des Landesverbands Bayern des Deutschen Tierschutzbundes. Sie betont: „Eisbären gehören nicht in Zoos.“ Denn Verhaltensstörungen und körperliche Schäden seien nur zwei Folgen der Inzucht. Zirkusgäste seien bereits für Probleme der Wildtiere sensibilisiert, bei Zoobesuchern setze dieser Prozess langsam ein. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier ein Umdenken stattfindet und auf den Druck der Leute reagiert werden muss“, sagt Brühl.

Biologin vergleicht Situation der Tiere im Zoo nicht mit gefangenen Menschen

Biologin Daniela Freyer von Pro Wildlife vergleicht die Situation der Zootiere gar mit der von gefangenen Menschen. Zwar gebe es auch für sie genug Essen und sie könnten sich bewegen. Aber eben nicht so, wie sie es in Freiheit tun. „Es werden nicht alle Bedürfnisse erfüllt“, erläutert sie. Anders als propagiert, gehe es bei der Zucht etwa von Eisbären nicht um Artenschutz. Denn wer im Zoo geboren ist, könne nicht ausgewildert werden, weil die Instinkte und die Fähigkeit verkümmerten, eine Beute zu jagen und zu erlegen. „Letztlich werden viele Tiere nur für Menschen gehalten“, kritisiert Freyer. „Statt Geld für Zoos auszugeben, sollten richtige Artenschutzprojekte unterstützt werden.“

Doch bei Weitem nicht alle Organisationen stehen Tierparks kritisch gegenüber. Für Volker Homes, Leiter Artenschutz bei WWF Deutschland, tragen Zoos zur Bildung der Menschen in Sachen Umwelt- und Tierschutz bei. Wer eine Bindung etwa zu einem Eisbären aufbaut, weil er das Tier niedlich findet, könnte sich auch für seine Probleme interessieren. „Ein Zoobesuch kann dazu beitragen, dass sich Leute für den Artenschutz engagieren“, verdeutlicht Homes. Moderne Einrichtungen investierten viel in ihre Anlagen und versuchten, das Verhaltensrepertoire der Tiere abzubilden.

Die Zukunft der Zoos

Das unterstreicht die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundestierärztekammer, Dr. Sabine Merz. Sie sagt, dass sich Eisbären durchaus in Zoos halten ließen – wenn sie beschäftigt würden. „Es geht bei Bären nicht allein um die Bewegung“, erklärt sie. „Es geht um den Jagderfolg und Strategien, ihn zu erreichen. Denn Bären sind sehr anspruchsvoll und intelligent.“ Die große Aufgabe der Tiergärten sieht sie vor allem in der Weiterbildung der Besucher, etwa mit Zooschulen für Kindergartenkinder und Schüler. Das werde aber vielerorts vernachlässigt, oftmals seien gerade diese Einrichtungen sehr heruntergekommen. Wenn in diesen Bereich sowie in große, strukturierte und für Tiere interessante Gehege investiert werde, hätten Zoos eine Zukunft.

Der fehlende Platz war beispielsweise für den Frankfurter Zoo der Grund, die Haltung von großen Bären in den 90er Jahren einzustellen. So viel Raum wie in der Wildbahn brauchen sie nach Ansicht von Direktor Manfred Niekisch aber nicht. „Denn Wanderungen unternehmen sie nur, um an Nahrung zu kommen“, erläutert der bundesweit gefragte Experte. Bis auf Wale könne grundsätzlich jede Tierart in Gefangenschaft gehalten werden. Für Eisbären müssten im Sommer dazu eine schattige Höhle und Wasserbecken bereitgehalten werden, wie es etwa in Hellabrunn getan wird.

Laut Experten ist die Anlage größer als vorgeschrieben

Mit 1800 Quadratmetern Land- und 600 Quadratmetern Wasserfläche ist die Anlage in München laut Experten sogar deutlich größer als sie es nach neuen Vorschriften sein müsste. Überhaupt liegen den Mitarbeitern des Zoos die Eisbären wie auch die übrigen Tiere sehr am Herzen, betont Hellabrunn-Sprecherin Christiane Reiss. Wann immer er es wolle, könne sich der Nachwuchs mit Mutter Giovanna zurückziehen. Es werde alles getan, damit es den Bären gut geht. Ohnehin seien die Kritiker keine Fachleute, sagt Reiss, und sie wüssten, dass sie kaum Argumente hätten. Sonst würden sie sich direkt an den Zoo wenden, wo die wirklichen Experten arbeiteten.

Vorwürfe, die Tiere hätten wenig Platz und würden durch Besucher gestört, seien Unsinn. Hellabrunn sei sich der Verantwortung bewusst und nutze das Interesse der Gäste. „Wir haben eine Ausstellung konzipiert, um sie auf Probleme der Eisbären und des Lebensraums hinzuweisen“, sagt die Sprecherin. „Man muss die Tiere aber live beobachten, damit eine Sympathie zu ihnen entsteht.“ Dass viele Menschen das so schnell tun, überrascht aber auch Reiss. Wobei die Zwillinge mit dem weißen Fell, den runden Gesichtern und den Knopfaugen einen Teddy-Kuschelfaktor hätten. „Irgendetwas löst das aus“, erklärt die Sprecherin. Und das könne sich der Zoo im Sinne der Tiere zu Nutze machen.

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Brühl | Facebook | München


Ein Artikel von
Christian Kirstges

Günzburger Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten

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