Samstag, 21. Oktober 2017

12. Oktober 2017 12:00 Uhr

Ehrenamt in Immelstetten

Der Retter eines schönen Klangs

Nach 39 Jahren hört Erwin Brechenmacher als Organist in Immelstetten auf. Ein großzügiges Abschiedsgeschenk hat er der Pfarrgemeinde schon vor vier Jahren gemacht.

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Mit schweren Schritten steigt Erwin Brechenmacher die schmale Treppe zur zweiten Empore der Immelstettener Kirche hinauf. Vor einer Holztür zückt er einen großen, alten Schlüssel, sperrt auf und bleibt nach wenigen Schritten stehen. Das also ist sie, „seine“ Orgel. Es ist ihm anzumerken, wie viel sie ihm bedeutet. Immerhin hat er 39 Jahre auf ihr gespielt und sich immer gefreut, wenn die Kirchgänger kräftig mitgesungen haben.

Vor Kurzem aber hat sich der 78-Jährige in den Ruhestand verabschiedet: Die Finger machen nicht mehr so gut mit und als er im Januar auf dem Weg von seinem Heimatort Aichen nach Immelstetten auf der eisglatten Straße in den Graben schlitterte, war das für ihn ein Zeichen „von oben“, vor dem nächsten Winter sein Organisten-Dasein zu beenden. Auch wenn das, wie Pater Michael Darlyvilla sagt, seine Lebensaufgabe war und die Orgel tatsächlich ein bisschen „seine“ Orgel ist.

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Und das kam so: Im Laufe der Jahre waren die Plastikschläuche, die den Spieltisch mit den Pfeifen verbanden, verklebt und so mancher Ton blieb regelrecht stecken. „Das ist immer schlimmer geworden“, sagt Erwin Brechenmacher.

Pater Michael dachte an die Altersversorgung des Seniors

Deshalb hatte er Pater Michael vor rund vier Jahren gebeten, die Orgel renovieren zu lassen. Doch der machte ihm wenig Hoffnung: Die Pfarrei hatte gerade erst das Pfarrhaus saniert, da waren weitere Ausgaben für die Orgel einfach nicht drin. Doch statt die Angelegenheit damit auf sich beruhen zu lassen, kündigte Erwin Brechenmacher an, die Renovierung dann eben selbst zu bezahlen. Einfach so.

Bei Pater Michael hielt sich die Freude darüber allerdings erst einmal in Grenzen. „Mir war gar nicht wohl dabei“, gibt er zu. Mehrfach habe er den Senior aufgefordert, sich das doch noch einmal zu überlegen. Schließlich war von Anfang an klar, dass es mit ein paar hundert oder gar tausend Euro nicht getan sein würde. Und dem Pater war wichtig, dass der frühere Landwirt, der in bescheidenen Verhältnissen lebt und zwar sieben Hühner, aber weder Fernseher noch Telefon besitzt, im Alter abgesichert ist.

„Meine Rente war so gering, da musste ich alles wegtun, was nicht nötig ist“, sagt Erwin Brechenmacher nüchtern. Vor ein paar Jahren hat er dann aber ein Grundstück verkauft und das Geld gleich in die Renovierung der Orgel gesteckt. 50000 Euro hat die am Ende gekostet und Erwin Brechenmacher war sie jeden Cent wert. Es hätte nämlich schon auch günstigere Angebote gegeben. „Aber wir wollen das Beste, nicht das Billigste“, sagt der 78-Jährige und damit ist die Sache für ihn erledigt.

Die Orgel passt zur Kirche

Er zieht ein paar Notenblätter aus einer schmalen Aktentasche, legt sie auf den Notenständer und nimmt auf dem neuen Orgelhocker Platz. Dank eines Drehrades ist dieser höhenverstellbar, damit jeder Organist und auch Erwin Brechenmachers Nachfolgerin Monika Dempfle bequem Pedale und Tasten erreichen kann. Dann fängt er an zu spielen und die ganze Empore ist vom Klang der Orgel erfüllt. „Die Kirche hat so eine schöne Akustik“, schwärmt er. „Das haben die alten Orgelbauer berücksichtigt und die passende Orgel gemacht.“ Die neuen seien oft viel zu „scharf“, aber die hier, die ist seit der Renovierung wieder perfekt. Dass er selbst nur noch vier Jahre davon profitiert hat, macht ihm nichts aus. Denn um ihn selbst ist es ihm ja nicht gegangen, sondern allein um das Instrument. „Die Orgel hat so einen schönen Klang – und den wollte ich erhalten.“

Die Liebe zur Musik hat ein Flüchtling aus dem Sudetenland geweckt, der nach dem Krieg im Elternhaus des damals Neunjährigen einquartiert worden war und ihm Klavierunterricht gab. Damals dachte er noch: „Das lerne ich nie.“ Zur Orgel in Immelstetten ist er dann viele Jahre später gekommen, als dort ein Organist fehlte und seine Tante ihn immer wieder bedrängte, das Amt zu übernehmen. Irgendwann gab er nach. Obwohl er von der Liturgie keine Ahnung hatte und das erste Jahr schwierig war, weil er die Lieder noch nicht kannte und die Orgel auch nicht. „Aber es hat mich irgendwie hingezogen und es hat mir Spaß gemacht.“

Fast vier Jahrzehnte lang. Dafür hat er eine Urkunde von der Pfarrei bekommen und eine vom Amt für Kirchenmusik in Augsburg, zusammen mit der goldenen Ehrennadel, die jetzt am Revers seines Anzugs steckt. Wenn seine Nachfolgerin einmal keine Zeit hat, will er gerne noch einspringen. Aber sonst beschränkt er sich auf das E-Piano bei sich zuhause, sein liebstes Instrument, weil das Haus für ein Klavier zu feucht ist. Vielleicht stimmt er darauf auch einmal „Erde klinge“ an, sein Lieblingslied. „Als Landwirt spricht mich das besonders an.“

Rückblickend wäre er gerne Berufsmusiker geworden, aber damals hat er den Hof seiner Tanten übernommen und das war dann auch in Ordnung so. „Die Arbeit hat mich erfüllt. Sie war nicht zu leicht und nicht zu schwer.“ Und die Musik sei ein schöner Ausgleich dazu gewesen. Noch einmal streicht er über den Spieltisch, der eigens in Andechs angefertigt wurde, packt die Noten zusammen, schließt die Tür hinter sich ab und steigt wie so viele Jahre zuvor die schmale Stiege in die Kirche hinunter. Nicht wehmütig, sondern höchstens ein ganz kleines bisschen stolz, „seine“ Orgel gerettet zu haben.

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Ein Artikel von
Sandra Baumberger

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten


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