Mittwoch, 22. November 2017

31. Oktober 2011 00:13 Uhr

Lyrische FlügeFlüge

Der Dichter und die Grabsteine

Marco Kerler liebt die stille Kraft der Poesie. Ein junger Autor improvisiert auch gern Von Peter Michael Bluhm

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Marco Kerler, der junge Lyriker, bei seiner Leseperformance im Alten Friedhof Ulm. Zwischen den mächtigen Grabsteinen in der Oststadt lässt sich der 26-jährige Erzieher inspirieren.
Foto: Peter Michael Bluhm

Ulm Er ist wohl einer der jüngsten Lyriker in der Region und holt sich gerne Anregungen auf dem idyllischen Alten Friedhof von Ulm, wo mächtige Grabsteine an die großen Familiendynastien der Münsterstadt erinnern. Die Stille in der Oststadt animiert den 26-jährigen Erzieher Marco Kerler und das Resultat sind oft Texte, wo Gegensätze aufeinanderprallen und den Leser geradezu zwingen, über den jeweiligen Hintersinn nachzudenken.

Zu seinem Ort der ideenreichen Gedanken mit den uralten hohen Bäumen hat es der Lyriker selbst zu Fuß nicht weit. Der gebürtige Ulmer wohnt in der Oststadt und wir treffen uns im Café Omar. Marco Kerler spricht so leise, dass wir den Tisch wechseln müssen. In einer Ecke haben wir dann Ruhe, miteinander zu plaudern. Das Verhältnis zur Lyrik ist ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Er ist sozusagen in einer freundlichen, aber kunstfreien Familienzone aufgewachsen. Doch mit zwölf Jahren wird der Drang zu dichten schon allmächtig. Und weil er mal wieder nichts gelernt hat für eine Klassenarbeit, antwortet er auf einen schriftlichen Vermerk des Lehrers in Gedichtsform. Und der antwortet zurück in Reimen. In ein hausgedrucktes Gedichtsbüchlein der Ellie-Heuss-Realschule schmuggelt er mal eigene Verse zwischen Matthias Claudius und Heinrich Heine und es fällt außer dem Deutschlehrer niemandem auf. Und der lacht anerkennend.

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Die Lyrik, die im Unterricht geboten wird, interessiert den Schüler nicht, er kauft sich für wenig Geld in den Buchläden Gedichte und Kurzgeschichten von Charles Bukowski und hat sein höllisches Vergnügen an der krassen Sexualität, die bei dem Amerikaner ihre höchste Kunstform findet.

Nach dem Realschulabschuss liest Marco Shakespeare, weil dieses englische Genie im Unterricht nicht vorkam. Für Marco Kerler ist es ein Glücksfall, dass er in der Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik in Ulm, an der er studiert, die Lehrerin und weithin bekannte Künstlerin Ilse Hehn kennenlernt. Er nimmt an ihrer Lyrik-AG teil. „Das hat mächtig Spaß gemacht“, sagt er heute. Mit ihr ist er noch heute verbunden.

Vom Rap-Text zum Weiße-Rose-Sprechgesang

Parallel zum Studium geht es auf der Lyrik-Schiene Schlag auf Schlag: Marco Kerler verbindet lyrische mit Rap-Texten, tritt als improvisierender Rapper auf Hip-Hop-Veranstaltungen in Jugendhäusern auf und gründet mit anderen die Rap-Gruppe „Brainstorm-Artists“, mit der er zahlreiche Auftritte hat. 2003 ist Marco Kerler Dozent eines dreitägigen Kurses „Weiße Rose und Sprechgesang“ im Rahmen des Projekts „Zivilcourage und Eigensinn“ der Ulmer vh.

Den ersten Markstein in seiner lyrischen Karriere setzt Marco Ker-ler dann mit dem Band „Damn Poetry“, herausgegeben im Cosmopolitan Art Verlag in Temeswar. Hier war Ilse Hehn wohlmeinende Förderin des jungen Poeten.

Das Büchlein startet mit einem Bekenntnis zum Alltagsglück:

Glück

Die zerknüllten Klamotten

Der randvolle Aschenbecher

Die nicht gemachte Hausaufgabe

Das Chaos im Kopf

Und das Verlassen auf Glück

Dass einem

alles gelingt

Im Café Omar gehen wir die lange Liste seiner Aktivitäten durch und stoßen auf einen Abstecher des Lyrikers ins Minidrama. „Bier, Bank und Weltuntergang“ ist es benannt und wird 2007 bei einem Kulturabend an der Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik aufgeführt. Die Szenen verdeutlichen den persönlichen Weltuntergang durch Jugendliche, die allmählich durch immer größeren Bierkonsum ihre Sprache verlieren.

In zahlreichen Anthologien bei den Ulmer Autoren 81 e.V. und im Papierfresserchen-Verlag Bodolz („Polkappen – die letzte Scholle“) veröffentlicht Marco Kerler Texte, die nah am Puls der Zeit sein wollen, wobei er Wert darauf legt, „kein Rebell zu sein“. Passt auch zu seiner sanften Art nicht. In seinen Gedichten holt er sich „Bisswunden von Felsenküssen“, reimt gesellschaftskritisch Fastfoodgefühle aneinander und malt nicht zuletzt die Vision an die Wand:

„Stell Dir vor, wir sind nur Fliegen,

sind nur Motten,

doch es gibt gar kein Licht“

Interpretieren will er seine lyrischen Gedanken selbst nicht: „So etwas ist wie die Pointe eines Witzes erklären“, sagt er. Das braucht es auch nicht bei solchen Wortszenen wie den „ morgendlichen Lichtkick beim Hochziehen der Jalousie“, auf „den die Suche nach seinen Schuhen unter Textblättermüll folgt“. Da wird man doch gleich an Carl Spitzwegs Bild „Der Arme Poet“ erin-nert.

Die Aktivitätsliste von Marco Kerler sprengt den Rahmen der Be-richterstattung, aber eines sei noch erwähnt: Seit 2010 arbeitet er beim Kunstwerk e.V. Ulm mit und ist dort Hauptverantwortlicher für die Musik- und Literaturreihe „Wörterflug“ in der Stadtbibliothek Ulm.

Als Lyriker und Experimentalmusiker unter dem Pseudonym „Hauser85“ ist er wie geschaffen dafür.

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Schlagworte

Ulm | Heinrich Heine | Cosmopolitan

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