Sonntag, 26. Juni 2016

06. Oktober 2014 10:55 Uhr

Ulm

Die Illusion der guten Tat

Michael Sommers „Refugium“ entlarvt im Podium des Theaters Ulm den Zynismus der europäischen Flüchtlingspolitik. Von Dagmar Hub

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Außer Kontrolle: Florian Stern und Aglaja Stadelmann in „Refugium“.
Foto: Hermann Posch

Es klingt nach Gutmenschentum: eine Firma, die anders als übliche Schlepperbanden Flüchtlinge geordnet und sicher nach Europa bringt – und jeder, der für seine Flucht aus einem Land bezahlt, finanziert die Rettung eines mittellosen Flüchtlings mit. Das im Podium des Theaters Ulm uraufgeführte Stück „Refugium“ entlarvt die Schwierigkeit auch gut gemeinter Hilfsansätze: Wer bestimmt, wem geholfen wird und wem nicht? Die Auswahl derer, die überleben dürfen, kann nie „gerecht“ sein. Die sich selbst Überlassenen verkehren die Idee der Rettung in eine tödliche Waffe gegen die Helfer.

Michael Sommer, bis zum Ende der vergangenen Spielzeit leitender Schauspieldramaturg in Ulm, ist Autor und Regisseur von „Refugium“, das er „Stückentwicklung“ nennt. Fast brechtisch ist sein Ansatz, Teile der Handlung von Schauspielern darstellen zu lassen, andere Textteile verfremdend als Fließtext quasi „aufsagen“ zu lassen. Das Bühnenbild besteht aus etwa 50 leeren Wasserkanistern.

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Emotionen werden in der Aufführung bewusst ausgeklammert: Firmenchefin Roth (Aglaja Stadelmann) enthält sich jeder Gefühlsregung. Anders ließe sich ihr Geschäftsmodell wohl auch nicht betreiben, an dem Investoren partizipieren. Wer mit dem Überleben Handel treibt, darf sich nicht emotional engagieren. Die Schwierigkeit hinter der Idee, Flüchtlinge „sauber“ außer Landes und mit falschen Pässen nach Europa zu bringen: Jeder, der an „Refugium“ als Mitarbeiter oder Investor beteiligt ist, bringt skrupellos seine Eigeninteressen ein. Der Geschäftsmann Aziz (Maximilian Wigger-Suttner) als Geldgeber will aus dem florierenden Unternehmen mehr Rendite ziehen, Schleuser wie Jakob (Florian Stern) in Tunis wickeln Drogen- und Frauenhandel unter dem Deckmantel der Firma ab. Zwischen den Versprechungen stranden im mechanisierten Flüchtlingselend Menschen, die während der Querung der Sahara verdursten, die erpresst, misshandelt und vergewaltigt werden.

Die Politik ist die Unterhaltungsindustrie der Wirtschaft, lässt Sommer seine Schauspieler sagen. 51,2 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht; die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass hinter diesen Sichtbaren ungezählte Massen sind, denen es an den Möglichkeiten fehlt, sich auf die Flucht zu begeben. Sommer nimmt dem Zuschauer die Illusion Europas als Helfer: Auf den Märkten der Entwicklungsländer werden subventionierte Produkte aus westlichen Überschüssen billiger verkauft, als sie einheimischen Bauern produzieren können. Unsere Industrie profitiert vom Niedergang der Produktion in den Entwicklungsländern.

Die Firma zerbricht daran, dass der aus der Studentenbewegung der 70er kommende Ideengeber Mahler (Maximilian Wigger-Suttner) Gefühle für eine nigerianische Flüchtlingsfrau (Dalila Abdallah) entwickelt. Aus einer sozialen Idee, die gleichzeitig üppige Geschäfte verspricht, wird der Fluch des Helfenwollens. Viel Beifall!

Weitere Aufführungen am 9., 11., 22. sowie 25. Oktober sowie weitere Male im November.

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Schlagworte

Ulm | Sahara | Aglaja Stadelmann

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