Sonntag, 23. Juli 2017

08. August 2016 00:35 Uhr

Kabarett

Satire ohne Zeigefinger

Till Reiners nimmt im Neu-Ulmer Museumshof den Optimierungswahn des modernen Menschen aufs Korn. Und zeigt, warum schlechte Laune auch keine Lösung ist Von Dagmar Hub

i

Till Reiners wirkt freundlich und unauffällig. Angenehm tritt er auf, leise, kein bisschen Polit-Revoluzzer, kein bisschen kabarettistisches Schandmaul. Ein wenig jugendlicher Außenseiter schaut noch aus dem blassen Gesicht. Und doch – was für ein kluger Kopf präsentierte sich da in der Reihe „Kultur im Museumshof“ in Neu-Ulm. Zwar nicht im Museumshof, weil der Lärm vom Christopher-Street-Day zu groß gewesen wäre für einen Sprachkünstler, sondern im Joachim-Keller-Saal der Musikschule. Dort aber hatte das Publikum seine Freude an dem Kabarettisten, der den Optimierungswahn der Gesellschaft aufs Korn nimmt.

Wie Reiners dazu kam, als Sohn eines Politikers und einer Germanistin ausgerechnet Kabarettist zu werden, erzählt er ungefragt. An der Unruhe seiner Hand, die das Mikrofon hält, spürt der Zuschauer: Die Geschichte vom dicken, gemobbten Kind, das irgendwann erkennt, dass es mit Frustessen nicht aus der Verachtung der anderen herauskommt, dass es aber anerkannt und gemocht wird, wenn es lustig ist – diese Geschichte ist wahr. So bitter sie im Grunde ist. Wege auf die Bühne können auch aus solcher Motivation entstehen. Wobei sich die Lebenswelten von Vater und Mutter in der Persönlichkeit von Reiners spiegeln – in der sprachlichen Geschliffenheit seiner Sätze die Mutter, im abgeschlossenen Politwissenschaften-Studium der Vater.

ANZEIGE

Hintergründig ist der Humor Reiners’, und die Gesellschaftskritik seines Programms „Auktion Mensch“ erreicht das Publikum deshalb, weil er sich nie ausnimmt, nie mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere losgeht. Er selbst schildert sich als einen der intellektuellen Diskutierer, die zur Demo gegen Käfighaltung von Legehennen wollen. Lieber ökologisch korrekt mit Bio-Eiern werfen oder doch ausnahmsweise als Wurfgeschosse Legehennen-Eier kaufen? Die Diskussion verzettelt sich, weil einer den anderen niedermacht. Am Ende einigt man sich darauf, es den Legehennen-Kapitalisten richtig zu zeigen – und gar nicht zur Demo zu gehen.

Till Reiners’ Werbeslogans für ungeliebte Berufe erzählen aus der Zeit als Poetry-Slammer. Man muss immer positiv mit dem Image spielen, sagt der 31-Jährige. So für Organ-Händler: „Wir holen das Beste aus Ihnen heraus!“ Und warum nicht einen Werbeslogan für Gott? „Und was schaffst du in sieben Tagen?“ Scharf nimmt Reiners das aktuelle Modewort „professionell“ samt seiner Auswüchse in den Medien aufs Korn. Dauert die Karriere des „professionellen Selbstmordattentäters“, von dem zu lesen war, doch nur einen Tag. Dabei bedeutet Selbstoptimierung doch, jeden Tag besser werden zu wollen. Oder umgekehrt: „So schlecht wie heute wird es nie wieder.“

Till Reiners weiß: Wenn das Lachen des Publikums von „ha-ha“ nach „ho-ho“ wechselt, wird das Eis dünn, auf dem er sich bewegt. Wenn die Zuhörer einen Gag nicht gleich mit Lachen quittieren, eilt er zum schriftlichen Konzept auf dem Tischchen und streicht die Stelle demonstrativ. Der Mensch muss ja optimieren. Der Homo sapiens ist ja das einzige Lebewesen, das sich selbst schlecht finden kann und das den Begriff „unmoralisch“ erfand. Wie wäre der Hai, der sich zum Tierschutz bekennt und Avocados frisst? Oder der Pinguin, der in die Fußgängerzone geht und Unterschriften sammelt für bedrohte Menschen-Spezies „zum Beispiel Sozialdemokraten“, witzelt Reiners.

Nach zwei Stunden ahnt der Zuhörer: Die meisten Menschen stellen keine Fragen mehr, weil die vorgefertigten Antworten der Politik so schön sind. Zudem sei „ein Gauck“ die Maßeinheit für den Moralinspiegel des Menschen. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hebt sich Reiners seinen „Bessermenschen“ für die Zugabe auf. Herrlich ist diese Schilderung des Zeitgenossen, der sich angesichts des Leides in der Welt jegliches Lachen verbietet und der in jede Party mit zur Schau getragener Moral Beerdigungsstimmung trägt. Als elftes Gebot aber trug Gott den Menschen auf, ihn nicht zu langweilen, sagt Reiners. So viel Spaß muss sein. Auch wenn hinter seinem Kabarett der Appell steckt, sich nicht dem Mainstream zu ergeben.

i

Ihr Wetter in Neu-Ulm
22.07.1722.07.1723.07.1724.07.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                wolkig
	                                            Wetter
	                                            wolkig
                                                Wetter
                                                Gewitter
Unwetter16 C | 27 C
14 C | 22 C
11 C | 19 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Alles rund um die Basketballer

Wie gut kennen Sie Neu-Ulm?
Top-Angebote

Bauen + Wohnen

Alle Infos zum Messenger-Dienst
Unternehmen aus der Region


Partnersuche